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Aus: Ausgabe vom 24.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Einer, der übrigblieb

Zum 100. Geburtstag von Erich Loest
Von F.-B. Habel
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Eigensinnig: Erich Loest

Im von ihm gegründeten Leipziger Linden-Verlag erschien 2011 mit »Man ist ja keine Achtzig mehr« das letzte Buch von Erich Loest. Er war da 85. Seiner schweren Erkrankung setzte er zwei Jahre später selbst ein Ende. Hinter ihm lag ein Leben voller widersprüchlicher Erfahrungen, die ihm ermöglichten, einer der vielseitigsten deutschen Autoren zu werden.

In der mittelsächsischen Stadt Mittweida kam Loest am 24. Februar 1926 zur Welt. Als Heranwachsender war er Fähnleinführer in der HJ, hätte sich am liebsten zur Waffen-SS gemeldet, wurde 1944 Soldat und verstärkte Hitlers »letztes Aufgebot« in der Organisation »Werwolf«. Nach kurzer US-amerikanischer Gefangenschaft konnte er Bildung nachholen, das Abitur bestehen, er wechselte die Weltanschauung. Als Journalist in Leipzig schrieb Loest bald das Buch »Jungen, die übrigblieben« (1950) über die Kriegserlebnisse seiner Generation. Weitere Bücher folgten, in denen der Autor aktuelle politische Fragen oft kolportagehaft behandelte. Ihm wurde eine routinierte Erzählweise attestiert, die an Falladas Werke erinnerte.

Persönlich hatte er Fragen an die Politik, was mit den Geschehnissen am 17. Juni 1953 begann und ihn im Zusammenhang mit der einsetzenden »Entstalinisierung« zu allzu offenen Äußerungen verleiteten, die ihn in der DDR vor Gericht und ihm wegen »konterrevolutionärer Gruppenbildung« fast sieben Jahre Haft brachten. Ab 1965 veröffentlichte er wieder, verlegte sich unter verschiedenen Pseudonymen erfolgreich auf Kriminalliteratur, die vom DFF u. a. in der Reihe »Polizeiruf 110« verfilmt wurde. Auch zahlreiche Hörspiele entstanden, nicht nur für den DDR-Rundfunk. Gerhard Zwerenz hatte ihm den Weg zum Hessischen Rundfunk geebnet. Auch einige seiner Bücher wurden in BRD-Verlagen veröffentlicht, ehe Loest wegen zahlreicher Zensurmaßnahmen, u. a. gegen seinen in Halle erschienenen Roman »Es geht seinen Gang« (1978), die DDR 1981 verließ. Erst 1988/89 kehrte er zu Lesungen in seine Heimat zurück und nahm 1990 in Leipzig wieder seinen Wohnsitz. Im selben Jahr wurde er vom Obersten Gericht der DDR voll rehabilitiert.

Die Erlebnisse dieser Jahre führten Erich Loest dazu, Film und Roman »Nikolaikirche« (1995) über den Umbruch in der DDR zu schreiben, beide Werke beachtliche Erfolge. Es milderte sein Temperament nicht und Loest wandte sich etwa dagegen, dass Kunstwerke aus der DDR, beispielsweise von Frank Ruddigkeit und Werner Tübke, weiterhin in der Öffentlichkeit verblieben. Dennoch: Erich Loests vielfältiges Werk, zu dem auch Reisefeuilletons, die Karl-May-Biographie »Swallow, mein wackerer Mustang« und die Lebensbescheibung des Erzgebirgsrebellen Karl Stülpner aus Scharfenstein zählen, wird immer wieder neue Leser finden.

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