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Literatur

Kein Paradies, nirgends

Unter Reihern und Rehen, zwischen Wehrmacht und RAF: Eva Menasses Roman »Alleinruhelage«

Foto: Reprodukt
Die Abbildungen dieser Beilage stammen aus Robert Crumbs Comic »Das Buch Genesis« (Reprodukt-Verlag, Berlin 2026, 224 Seiten, 39 Euro). Sie erscheinen mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Lesen Sie auch eine Rezension des Bandes unter dem Titel »Sechs Tage Zeit« auf Seite 16

Tief in den deutschen Wald führt Eva Menasse mit ihrem Roman »Alleinruhelage«. Ins Zentrum rückt die 1970 in Wien geborene Autorin eine ihr ähnelnde Frau mittleren Alters, eine Österreicherin, die nach Berlin zieht. Angelangt bei den »Piefkes« beschließt diese gemeinsam mit ihrem Mann, in einem vorpommerschen Landstrich nahe der polnischen Grenze ein Wochenendhaus zu kaufen. Die kleine Patchworkfamilie entdeckt im Internet eine ehemalige Waldschänke, die einst einen mittlerweile verschwundenen DDR-Campingplatz versorgte. Wie eine verlassene Käseecke lugt das Haus zwischen hohen Kiefern hervor; in einer Leuchtreklame, die einst zum Bier­genuss animierte, nisten nun Fledermäuse. In dem von Ab- und Aufbrüchen geprägten Jahrzehnt nach dem Mauerfall, in dem neben baufälligen Datschen plötzlich auch ganze Regionalbahnhöfe zum Verkauf stehen, gibt es für Menschen mit Westgeld ungeahnte Schnäppchen.

Schön wie in einem Bilderbuch hat die Berliner Familie es hier, wenn die Eltern mit wenig Geld, aber großer Begeisterung das Haus herrichten und die zwei, bald schon drei Kinder über ihre »aus der Waldschummrigkeit herausgefräste Lichtung« tollen, getaucht in den Glanz einer »babygrüne(n) Wiese«, wo Rosen und Clematis ranken und Schmetterlinge taumeln. Dass der deutsche Wald ein kultureller Raum ist, in dem sich die zartesten Erzählfäden der Romantik mit den finstersten Spuren der deutschen Geschichte überkreuzen, weiß die Protagonistin genau. Sie, die von einem jüdischen Vater abstammt, der dem Holocaust nur knapp entkam, assoziiert mit dem Wald Erschießungsplätze, den »Weg zum Gulag«, gar »das Ende der Welt«. Und doch hat sie bei ihren Streifzügen durch die »alleröstlichste Pampa« immer wieder das beglückende Gefühl, im abgeschiedenen Landschaftsschutzgebiet zwischen Reihern und Rehen auf paradiesische Orte des Nirgendwo zu stoßen.

An den Bewohnern im Ort zerbrechen die idyllischen Momente der Waldeinsamkeit. Auf das Eifrigste wollen die Zugereisten gefallen, in der Siedlung mithelfen und dazugehören. Doch als Menschen aus dem Westen, aus der Großstadt zumal, werden sie als fremdartige Bücherwürmer empfunden. Eine Frau, die ihre Modelleisenbahn im Garten immer dann stoppt, wenn sich über das Schauspiel Kinder freuen, ein übelgelaunter Patriarch unter Morphium­einfluss und eine missgünstige Querulantin mit Parkplatzneid – um die »Sch’tis Vorpommerns« zu charakterisieren, flicht Menasse böse funkelnde Anekdoten ein. Die Ausnahme in der nahen Datschensiedlung am See ist ein Mann namens Paul, ein kompetenter »Senioren-Beau«. Er überschüttet die Neuankömmlinge mit Freundlichkeit, gibt aber bei einer Einladung zum Essen zu bedenken, dass er früher einmal »eine ganz rote Socke« gewesen sei. Ob diese Formulierung als Warnung, Eigenlob oder Beichte zu verstehen ist, vermag die Berliner Familie nicht aufzuklären, da ihr die Hierarchien und Codes der DDR verschlossen bleiben. Die Tatsache, dass die rote Socke einstigen Druck auf ­Kritiker zu einem netten Kaffeeklatsch stilisiert, irritiert ebenso wie Pauls Haus in bester Seelage. Doch am Ende will es niemand so genau wissen: »Die DDR war vorbei.«

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Menasse erzählt von den Wochenendhausjahren ihrer Protagonistin nicht chronologisch, sondern mit impressionistisch getupften Geschichten. Die Palette reicht von scharfen satirischen Porträts bis zu essayistischen Tiefenbohrungen in Wehrmachtskeller und RAF-Verstecke. Besonders berührend ist die Erzählung von der Tochter, einem zerbrechlichen Mädchen, das im Waldidyll grasgrüne Frösche malt. Schon als Kind wird sie von schweren Albträumen geplagt, die die besorgten Eltern nur brutal mit kaltem Wasser vertreiben können. In der Pubertät verschärfen sich die Probleme, die Tochter reagiert wie ein Seismograph auf »alle Spannungen und Lügen, jede Ungerechtigkeit und Heuchelei« mit fast epileptischem Zorn. »Ich kannte weder den Auslöser noch eine Heilung für ihre tiefe Not, in die sie immer wieder geriet«, bekennt die erschütterte Mutter. Mehr als die Verirrung der Tochter in einem seelischen Labyrinth und den Schmerz der Eltern gibt der behutsame Text nicht preis. So schwebt die Tochter nur kurz wie ein Schmetterling durch die Szenerie. Eines Tages wird auch der Ehemann, jener, »der mit mir so lange ein inniges Wir gebildet hat«, aus dem Waldhaus verschwinden. Die zurückbleibende Ehefrau lässt sich das Haus nach der Trennung von zwei tatkräftigen Osteuropäern so gründlich verschönern, dass sie am Ende vom geplanten Verkauf absieht und allein darin wohnen bleibt.

Dass Ost und West nicht ohne Knirschen zu vereinbaren sind, erkennt die Erzählerin sehr handfest bei Renovierungsarbeiten: »Alles war anders. (…) Nichts passte zusammen, und mir, der Österreicherin, war rätselhaft, wie ein geteiltes Land in nur vier Jahrzehnten so viele unterschiedliche Normen und Maße hatte entwickeln können.« Auch die ökologische Kata­strophe ist tief in der Wildnis bald mit Händen zu greifen: Die schönen Sommer der ersten Jahre weichen einer unerträglichen Gluthitze und im Badesee breiten sich Blaualgen aus, bis das Gewässer samt Fischbestand abstirbt. Über das Idyll kommt die Apokalypse. Das Waldhaus wird als »Echo des eigenen Zustands« beschrieben, doch Menasse gelingt weit mehr: Illuminiert von ihrem blitzenden Witz zeigt das abgelegene Gehölz nicht nur die Geschichte einer »untergegangenen Familie«, sondern auch die »schaurigen Hohlräume« eines ganzen Landes.

Eva Menasse: Alleinruhelage. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026, 224 Seiten, 23 Euro

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Erschienen in der Beilage vom 07.10.2026, Seite 1, Feuilleton

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