Das Anliegen der Kunst
Der Sängerin und großen Nicht-nur-Brecht-Interpretin Gina Pietsch zum 80. Geburtstag
Es war ihr 36. thematisches Brecht-Programm, zu dem wir Gina Pietsch kürzlich in der jW-Maigalerie begrüßen konnten. Sie sang und rezitierte klug und kraftvoll, von ihrer Tochter Frauke am Klavier begleitet. Niemand würde glauben, dass sie an diesem Mittwoch 80 wird!
In Querfurt im Harzvorland kam sie zur Welt, machte im thüringischen Rudolstadt das Abitur, studierte in Leipzig Germanistik und Musik und wurde Diplomlehrerin. Nach zusätzlichem Schauspielunterricht, bei dem sie Brechts Schwiegersohn Ekkehard Schall maßgeblich beeinflusste, erhielt sie die Zulassung als »singende Schauspielerin«. Auch die Brecht-Schauspielerinnen Gisela May und Doris Thalmer zählten zu ihren Lehrerinnen. Zusammen mit Gerry Wolff nahm sie 1973 ihre erste Amiga-Platte auf und gründete – mit anderen aus dem Oktoberklub – im selben Jahr die Gruppe Jahrgang 49, mit der sie bis 1980 auftrat.
Die erfolgreiche Reihe ihrer Brecht-Programme startete sie 1982 im Jugendklub Hoyerswerda. Ihr Anliegen war das, was ihre Lehrerin Gisela May als Hauptaufgabe des Schauspielers beschrieb: »Zuschauern von der Bühne her zu Erkenntnissen über seine Umwelt zu verhelfen und dabei ihren Verstand und ihr Gefühl gleichermaßen anzusprechen und ihnen das Vergnügen am Denken, am Weiterdenken zu vermitteln«.
Gesanglich folgte sie ihrer Lehrerin und nahm nach und nach immer mehr ihrer Songs in ihr Repertoire auf – erkannte aber an Ernst Buschs Aufnahmen, dass auch leidenschaftlicher Vortrag seine Wirkung hat. »Es gibt für jeden Song so viele Interpretationsmöglichkeiten wie Menschen, die den Sinn verstehen, das Handwerk beherrschen und sich den Autoren mit Demut nähern. Natürlich fängt das alles mit einer klugen Auswahl an und einer, die die eigenen Fähigkeiten in Rechnung stellt«, schrieb sie in einem Beitrag für die Mitteilungen der Kommunistischen Plattform.
Brechts Texte hat sie auf Gastspielen fast in die ganze Welt getragen, hat sich aber nicht darauf beschränken lassen. Die großen, zeitkritischen Satiriker der Weimarer Republik wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky und Erich Weinert gehören ebenso zu ihrem Fundus wie Franz Josef Degenhardt, Erich Fried, Gundi Gundermann oder Peter Hacks. Aber auch dem Dichter Volker Braun oder dem Komponisten Gerhard Folkerts gelten ihre Sympathien. Dazu übernimmt sie immer mal wieder Theaterrollen und gibt ihre Erfahrungen als Dozentin weiter. Besucherinnen und Besucher der Rosa-Luxemburg-Konferenzen kennen sie als souveräne Moderatorin.
Doch sie bleibt im Bundesmaßstab ein »Geheimtipp« – weil sie sich jeglichen modischen Anbiederungen an die Medien entzieht. Frauke Pietsch erklärt dazu: »Sie misst sich an jenen, die kein Aufhebens machen. Das Anliegen ihrer Kunst ist ihr zu kostbar, als dass sie es durch Gewese entwerten würde.« Gina Pietsch bleibt bei ihrer Haltung, auf lustvolle Weise aufzuklären. Ihre Maxime hat Wladimir Majakowski so formuliert: »He, wer schreitet da rechts aus? Links, links, links!«
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