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15.05.2026
- → Feuilleton
Fremde und bekannte Welten
Das 35. Filmkunstfest Schwerin – ein echtes Publikumsfestival
»Ich bin nicht mehr Achim Detjen.« Mit diesen Worten begrüßte Armin Mueller-Stahl in Anspielung auf seine wohl bekannteste Rolle in der DDR-Kundschafterserie »Das unsichtbare Visier« das Publikum des 35. Filmkunstfestes in Schwerin. Tatsächlich könnte der »DDR-Bond« mit 95 Jahren so ausgesehen haben wie sein Darsteller heute. Aber Mueller-Stahl war nie Tschekist, auch wenn Erich Mielke ihm mal einen Orden verlieh.
Den Politikerpart übernahm auf dem Filmkunstfest (5. bis 10. Mai) ein anderer. Egon Krenz, der heute nicht weit von Fischland wohnt und zur Filmpremiere ins Capitol kam, war ein langes Porträt gewidmet, das im Dokumentarfilmwettbewerb gezeigt wurde. Regisseur Lutz Pehnert, der beispielweise auch einen Porträtfilm über die DDR-Dissidentin Bettina Wegner gedreht hat, geht dem Lebenslauf des späteren Funktionärs der Pionierorganisation und Chefs des Zentralrats der FDJ nach, der es Ende 1989 noch zum letzten offiziellen Staatsoberhaupt der DDR bringen sollte. Wie hat er diese Stationen erlebt, wie sehen andere ihn? Der Regisseur konzentriert sich nicht auf Krenz allein, auch Weggefährten und Kritiker bekommen Raum. In Schwerin war das Publikum besonders begeistert von der bescheiden auftretenden Solveig Leo, einst jüngste LPG-Vorsitzende der DDR in Banzkow und spätere Lokalpolitikerin, die in der DDR »Held der Arbeit« wurde und später das Bundesverdienstkreuz erhielt. Pehnert arbeitet geschickt mit Archivmaterial, ist aber ebenso bei aktuellen Auftritten von Egon Krenz in West und Ost dabei, etwa, als er in einer großen Veranstaltung der jW zum 75. Gründungstag der DDR im Berliner Kino Babylon eine Rede hielt.
Nicht alle Filme wurden in Schwerin so kontrovers diskutiert wie dieser, zu dem Volker Kufahl, künstlerischer Leiter des Filmkunstfestes, zutreffend bemerkte, man scheue »sich nicht vor schwierigen Themen der Zeitgeschichte«. Das gilt auch für »Innere Emigranten« von Lena Karbe, Gewinner des Hauptpreises im Dokumentarfilmwettbewerb. In Moskau werden die Themen auf den Tisch gepackt, mit denen Psychologen einer Krisenhotline in Kriegszeiten konfrontiert werden.
Einen Alptraum von »shakespearischer Dimension« nannte die Jury das in internationaler Koproduktion entstandene Psychodrama »Our Girls« von Mike van Diem, das zwei befreundete Paare im Urlaub an die Grenzen von Anstand und Moral treibt. Der Film erhielt nicht nur den Hauptpreis »Fliegender Ochse«, sondern gewann auch den Publikumspreis des Nordkuriers.
Während die Wettbewerbsfilme in Schwerin traditionell aus den deutschsprachigen Ländern stammen, wird jedes Jahr ein anderes Gastland in den Mittelpunkt gerückt. Diesmal war es Island, dessen Filmschaffen bei uns zu Unrecht fast unbekannt ist. Hier bewies sich wieder, dass das Filmkunstfest ein echtes Publikumsfestival ist. Die untertitelten Kopien aus einer fremden Welt lockten die Leute aus Schwerin und Umgebung. Natürlich faszinierte die Natur – zwei Filme stellten Vulkanausbrüche in den Mittelpunkt –, aber auch das mit eigensinnigem Humor gedrehte Roadmovie »Top 10 Must« von Òlöf Birna Torfadóttir erhielt viel Applaus. Eine junge Ausbrecherin entführt eine erfolglose Theaterkünstlerin für eine Fahrt durchs Land, und sie beginnen, einander zu verstehen. Eine der beiden, die in der Heimat sehr bekannte Schauspielerin Helga Braga Jónsdóttir, stellte den Film in Schwerin vor und machte ihre Späßchen. 2025 sei sie für diesen Film erstmals für den wichtigsten isländischen Filmpreis nominiert worden, berichtete die Komikerin: »Wahrscheinlich weil ich nicht nur komisch war, sondern sogar suizidgefährdet«, kommentierte sie schmunzelnd.
Glücklicherweise hatte das Festival auch die US-amerikanischen Filme mit Armin Mueller-Stahl, dem der Ehrenpreis »Goldener Ochse« verliehen wurde, neu untertitelt. Und doch hatten seine Defa-Filme in der Retrospektive den größten Zuspruch. Für »… und deine Liebe auch« (1962) musste eine Zusatzvorführung angesetzt und »Die Flucht« (1977) in einen größeren Saal verlegt werden. Nur Achim Detjen wurde vermisst.
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