Was sich liebt, das neckt sich
Der Unermüdliche: Lothar Lamberts 43. Film »Rundherum, andersrum« feiert Weltpremiere in Berlin
Es hat Tradition, dass Lothar Lambert, der produktivste Undergroundfilmer Berlins und überhaupt, davon spricht, er wolle seinen nunmehr letzten Film präsentieren, nur um im darauffolgenden Jahr zur großen Freude der stetig wachsenden Lothar-Lambert-Fan-Community ein neues Werk anzukündigen. So auch in diesem Jahr wieder, wenn es heißt: Vorhang auf für einen neuen Lothar-Lambert-Film.
Lothar Lambert hat kürzlich seinen 82. Geburtstag gefeiert und ist mittlerweile auf einen Gehstock angewiesen, folglich hat sich der Produktionsprozess seiner Projekte ein wenig geändert. Auch verfolgt er in den vergangenen Jahren einen eher dokumentarischen Ansatz und wertet neben neuen Interviews unverarbeitete Geschichten und vorhandenes Material aus. Für die Führung eines »Bienenkorbs« von Schauspielerinnen und Schauspielern sowie Laiendarstellern samt Kameramann und ausgearbeitetem Plot – mit durchaus spontanen Einfällen und Dialogen gespick –, die die grandiose Mischung der Lothar-Lambert-Spielfilme ausmachte, fehlt ihm nach eigenem Bekunden inzwischen die Kraft. Außerdem hat Albert Kittler, der meistens die Bildgestaltung und nach Anweisungen von Lambert die technische Umsetzung des Schnitts machte, häufig andere Verpflichtungen und steht für Lamberts No-Budget-Dreharbeiten nicht mehr so uneingeschränkt zur Verfügung. Aber was wäre Lothar Lambert ohne seine Rezeptur, aus der Not eine Tugend zu machen? Inzwischen arbeitet er eng mit Frank Schoppmeier, dem Gründer und Leiter des legendären, mittlerweile leider verschwundenen Kinomuseums in Kreuzberg, zusammen. Lambert und Schoppmeier eint die Neugier auf wunderbar eigensinnige Charaktere, die bereit sind, vor der Kamera ihr Leben zu erzählen und von ihrer mit großer Leidenschaft betriebenen Kunst und Leidenschaft zu berichten.
Lothar Lamberts 43. (!) Film trägt nach »Oben rum, unten rum« (2019) und »Vornherum, hintenrum« (2023) den Titel »Rundherum, andersrum – Lamberts gesammelte Einakter Vol. 3« und enthält acht Porträts beeindruckender Persönlichkeiten sowie zu Beginn eine berührende Erinnerung an Dagmar Beiersdorf. Die langjährige Freundin und Kollegin Lamberts, die auch in vielen seiner Filme als Darstellerin auftrat, so wie er in ihren Produktionen mitspielte, schied Anfang 2025 selbstbestimmt aus dem Leben. In der schönen Hommage am Anfang des neuen Films schlägt Lothar Lamberts Hang zum Realismus durch. Eine Szene mit einem typischen Disput zwischen den beiden aus der Dokumentation »Kuck mal, wer da filmt« von 1997 kulminiert in dem schönen Satz: »Wir drehen keine Dilettantenfilme, sondern Tuntenfilme.« Auch in der liebevollen Erinnerung bewahrt er die Augenblicke der kleinen Kabbeleien. Was sich liebt, das neckt sich, so die Botschaft. Im Anschluss erinnert sich die Maskenbildnerin und Freundin von Dagmar Beiersdorf, Nicci Tischler, die 1984 eine Prostituierte in Beiersdorfs Film »Die Wolfsbraut« spielte, an gemeinsame Dreharbeiten und die Atmosphäre im Team und am Set.
In weiteren Akten von »Rundherum, andersrum« werden Lebenskünstlerinnen und -künstler vorgestellt. Die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Ilse Biberti musste eine schwierige Phase bei der Betreuung des an Alzheimer erkrankten Vaters überwinden. Sie sah sich mit seinem Wunsch konfrontiert, ihm beim Sterben zu helfen, was sie nicht tun konnte. Nach seinem natürlichen Tod fragt sie sich heute, ob sie ihm vielleicht nicht doch hätte helfen müssen, zumal er sehr früh Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben war. Ihre Konfrontation mit dem eigenen Alter verarbeitete sie in einem Roman und erzählt darüber hinaus charmant von ihrer Verbindung mit Robert Biberti von den Comedian Harmonists. Eine Geschichte, die wirklich nur das Leben schreiben kann, um diese abgedroschene Phrase zu bemühen.
Die Schauspielerin und Regisseurin Ellen Esser erfand sich noch mal ganz neu und betrat als Sängerin die Bühne. Selbstbewusst erzählt sie von sich in »Mensch Ellen, haste Töne?!«, dem sechsten Einakter.
Rainer Anton Niedermeier, in Augsburg geboren, lebt als Poet in Berlin und deklamiert auf einer Dachterrasse mit Blick auf Kreuzbergs Skyline mit Verve und Pathos seine Texte. Von seiner Poesie eingenommen, scheut er nicht davor zurück, sich durchaus augenzwinkernd als einer von drei großen Augsburgern bei Bertolt Brecht und Leopold Mozart einzureihen. Große Momente auf kleiner und intimer Bühne sind ganz nach dem Geschmack von Lambert und Schoppmeier. Sie interessieren sich für die persönliche Geschichte hinter den Überlebenskünstlern und für deren Mut, aus dem Privaten herauszutreten und sich auf die Bühne oder vor Schoppmeiers Handykamera zu wagen. Lothar Lambert beweist mit seinem 43. Film aufs Neue sein ungebrochenes Talent, kleine, beiläufige Geschichten so großherzig wie bewegend zu erzählen.
»Rundherum, andersrum – Lamberts gesammelte Einakter Vol. 3«, Regie, Buch, Schnitt: Lothar Lambert, BRD 2026, 85. Min., Uraufführung in Anwesenheit des Regisseurs am 23. August um 15.30 Uhr im Bundesplatz-Kino in Berlin
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