In Marcinelle unerwünscht
Belgien: Gewerkschafter protestieren gegen Auftritt des italenischen Senatspräsidenten bei Gedenkakt für Opfer der Grubenkatastrophe von 1956
Sie waren gekommen, um im belgischen Marcinelle ihren mehr als 260 toten Kumpeln die Ehre zu erweisen – und nicht, um einem »postfaschistischen« Rechtsaußenpolitiker aus Italien dabei zuzusehen, wie er vom Zettel abliest. Am Sonnabend haben Hunderte Menschen gegen die Anwesenheit des italienischen Senatspräsidenten Ignazio La Russa von der extrem rechten Partei Fratelli d’Italia beim Gedenkakt für die 262 Todesopfer der bislang schwersten Grubenkatastrophe der belgischen Geschichte vor 70 Jahren protestiert.
In dem Moment, als La Russa ans Rednerpult trat, drehten ihm belgische Gewerkschafter demonstrativ den Rücken zu, wie die deutschsprachige Tageszeitung Grenz-Echo am Sonntag und der flämische Nachrichtensender VRT NWS am Montag berichteten. Zur Aktion bekannte sich der Allgemeine belgische Gewerkschaftsbund (FGTB). Kaum hatte die offizielle Gedenkfeier begonnen, hatten zuvor dem Blatt zufolge mehrere Antifaschisten auf dem Gelände der Gedenkstätte ihren Protest gegen La Russas Besuch gestartet. Die Polizei von Charleroi beschlagnahmte nach Angaben der Nachrichtenagentur Belga ein Transparent sowie Flugblätter und forderte die kleine Zahl Protestierender auf, das Gelände zu verlassen.
Am Morgen des 8. August 1956 waren nahezu 300 Bergarbeiter in den Schacht »Bois du Cazier« eingefahren, um Steinkohle abzubauen. Gegen acht Uhr hatte offenbar eine Reihe von Bedienungsfehlern die Katastrophe ausgelöst. Ein von Arbeitern zum Materialtransport genutzter Wagen, Hunt genannt, war wohl nicht richtig auf dem Förderkorb plaziert. Ein Stromkabel, eine Ölleitung und ein Druckluftschlauch rissen. Ein Kurzschluss entzündete das Öl, die Frischluft, die durch den Schacht in die Grube zog, heizte die Flammen an. Unter den erstickten 262 Arbeitern waren 136 Italiener. Nach dem Unglück beendete die Regierung in Rom das zehn Jahre zuvor mit Belgien geschlossene Abkommen, das die Migration vieler italienischer Arbeiter in die belgische Bergbauregion zur Folge hatte.
Damals »schlug das Schicksal erbarmungslos zu. Ein Feuer tief im Schacht schnitt sie von der Außenwelt ab«, sagte Belgiens Premierminister Bart De Wever laut Grenz-Echo in einer Videobotschaft. Sicherheitsvorschriften und Arbeitsnormen seien nach der Katastrophe reformiert worden, »ein Vermächtnis, über das wir jeden Tag aufs Neue wachen müssen«, sagte De Wever. Jüngste Unfalltode von Arbeitern zeigten, »dass die Sicherheit der Arbeitnehmer niemals als selbstverständlich angesehen werden darf«.
Auch De Wevers italienische Amtskollegin, Giorgia Meloni, veröffentlichte am Sonnabend kurz vor acht Uhr morgens auf der Plattform X eine Gedenkbotschaft. »Marcinelle ist ein Ereignis, das Teil unseres kollektiven Gedächtnisses ist. Es ist aber auch das Symbol für den außergewöhnlichen Beitrag, den Dutzende Millionen Italiener zum Wohlstand ganzer Nationen und Kontinente geleistet haben«, heißt es darin. An das Grubenunglück von Marcinelle zu erinnern bedeute, »diejenigen zu ehren, die mit ihrem Opfer einen grundlegenden Baustein der Geschichte Italiens, Europas und der Welt geschaffen haben«. Meloni sparte in ihrem Text nicht an nationalistischem Pathos. Sie erinnerte zudem daran, dass der 8. August der »Europäische Tag zum Gedenken an die Opfer von Arbeitsunfällen und zum Schutz der Würde der Arbeiter« ist.
Deutlich ungehalten fiel ihre Reaktion auf die Protestaktion des FGTB zu Beginn von La Russas Rede aus. »Bei der Gedenkfeier für Marcinelle den Rücken zuzukehren, ist eine schwerwiegende und beschämende Geste«, beklagte die Regierungschefin, die irrtümlicherweise die Gewerkschaft CGIL dafür attackierte. Den antifaschistischen Arbeiterprotest diffamierte Meloni als »eine Geste der Verachtung gegenüber den staatlichen Institutionen«. Marcinelle sei kein Ort für »politische Spaltungen«, sondern »ein Ort der Erinnerung, des Respekts und der Würde der Arbeit«.
Daraufhin meldete sich auch der belgische Außenminister, Maxime Prévot, zu Wort und versuchte erkennbar, die diplomatischen Wogen zu glätten. Wie der Sender VRT NWS am Sonntag berichtete, stellte Prévot – ohne sich zur Haltung der Gewerkschaften äußern zu wollen – fest, dass »ein Moment, der in erster Linie im Zeichen des Gedenkens und der Besinnung stehen sollte, zeitweise zu einer politischen Tribüne wurde«. »Der italienische Präsident«, dessen Grußwort La Russa am Sonnabend verlesen hatte, »ist ein angesehener Staatschef, den Belgien noch vor einigen Monaten mit großer Ehre in Bois du Cazier« hatte empfangen dürfen. Die politische Überzeugung La Russas spiegele »natürlich nicht die Überzeugung des Ministers« wider, verlautbarte die belgische Regierung dem Bericht zufolge. »Der Respekt vor ihrem Amt und vor den Institutionen«, gemeint war neben La Russa auch der beim Gedenkakt anwesende italienische Vizepräsident des EU-Parlamentes, ebenfalls Mitglied der Fratelli d’Italia, »die sie vertreten, steht losgelöst von politischen Meinungsverschiedenheiten«.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
