Industrienation, ja oder nein?
Seit 2007 sind in Italien 700.000 Industriearbeitsplätze verlorengegangen. Zum 125jährigen Bestehen der Metallergewerkschaft FIOM skizziert ihr Generalsekretär dringende Aufgaben
Ihr Betätigungsfeld schrumpft seit Jahren. Doch mit etwa 350.000 Mitgliedern gilt sie nach wie vor als die mitgliederstärkste Branchengewerkschaft in Italien. Am 16. Juni begingen die Metallarbeiter des südeuropäischen Landes den 125. Jahrestag der Gründung der Federazione Impiegati Operai Metallurgici (Verband der Metallangestellten und Arbeiter – FIOM).
Generalsekretär der FIOM, Michele De Palma, hat das Jubiläum zum Anlass genommen, die Aufgaben der Metaller in der Auseinandersetzung um den Sozialabbau und die Unterdrückung der Arbeiter- und Gewerkschaftsrechte durch die Regierung von Giorgia Meloni aufzuzeigen. Auf der Plattform des Gewerkschaftsbunds CGIL, Collettiva, machte er Melonis Regierung für die katastrophale Lage der Industrie und ihre sozialen Auswirkungen verantwortlich.
Laut Daten des Statistikamtes Istat sind in der Industrie seit 2007 rund 700.000 Arbeitsplätze verlorengegangen. Zu den heikelsten Konfliktherden aktuell zählt De Palma zum Beispiel den schwedischen Hausgerätehersteller Electrolux, der trotz positiver Geschäftszahlen mehr als 1.700 Jobs in Italien streichen will und die Schließung eines Werks angekündigt hat. Doch seine Warnungen beziehen sich auch auf die Automobil- und die Stahlbranche, wie auf viele andere strategische Sektoren. Der industrielle Niedergang betreffe nicht nur Arbeitsplätze, so De Palma in dem Interview am 11. Juni. Auf dem Spiel stehe »Italiens Fähigkeit, seine eigene Zukunft zu gestalten«. Heute stehe eine »entscheidende Weichenstellung an: ein Industrieland zu sein oder nicht«. Statt China als die größte Bedrohung zu sehen, richtete er den Blick auf die Entscheidungen von Konzernen und die globale Finanzwelt. Entscheidend sei nicht, chinesische Investoren fernzuhalten, sondern die Voraussetzungen für Investitionen zu verbessern. Er nannte Garantien für Forschung und Entwicklung, den Schutz von Arbeitsplätzen und eine öffentliche Beteiligung an strategischen Unternehmen. Auf dem Gebiet der KI forderte er ein eigenständiges europäisches Projekt, um »Souveränität zu wahren«.
Die FIOM wurde 1901 in der Hafenstadt Livorno gegründet. Triebkraft war die 1876 entstandene überregionale Föderation der norditalienischen Sozialisten, die sich mit weiteren Organisationen 1892 zur einheitlichen Italienischen Sozialistischen Partei zusammenschloss und die Enteignung der Produktionsmittel forderte. 1900 setzten die Arbeiter im Ergebnis eines Generalstreiks in der Industrie- und Hafenstadt Genua das Streikrecht durch. Die FIOM trieb die Entstehung des sechs Jahre später gegründeten Gewerkschaftsbunds Confederazione Generale del Lavoro (CGIL) voran, in dem sich rund 700 Einzelorganisationen zusammenschlossen. Viele Gewerkschafter, vor allem FIOM-Mitglieder, traten der Sozialistischen Partei bei, die mit 250.000 Mitgliedern zur drittstärksten Arbeiterpartei Europas aufstieg.
Aus Sicht des derzeitigen Generalsekretärs der FIOM besteht die heutige Aufgabe darin, die Voraussetzungen zu schaffen, damit die Lohnabhängigen und kommenden Generationen »ihren Platz in der Geschichte einnehmen« können. Er erinnerte an die Kämpfe gegen den Faschismus, den Terrorismus und für Demokratie am Arbeitsplatz.
1944 wurde die FIOM während der Resistenza wiedergegründet. Ihre Mitglieder standen in der ersten Reihe des Generalstreiks, der am 18. April 1945 in Norditalien begann, den bewaffneten Aufstand auslöste und zur Befreiung aller noch von der Hitlerwehrmacht besetzten Städte Norditaliens und zum Sieg über den Faschismus führte. Diese Perspektive behielten die Metaller auch in späteren Kämpfen bei – etwa gegen den NATO-Beitritt, für die Verteidigung der antifaschistischen Grundlagen in der Verfassung, gegen den G8-Gipfel in Genua und für eine andere Globalisierung, gegen die Regierungen unter Berlusconi und jetzt gegen die von Meloni.
De Palma machte deutlich: Die FIOM ist eine Organisation, die sich um Verträge und Löhne kümmert, aber auch um Frieden, Rechte und soziale Gerechtigkeit. »Wenn du angesichts von Gaza, der Ukraine oder den Todesfällen im Mittelmeer wegschaust, wirst du am Ende auch wegschauen, wenn ein Arbeiter neben dir am Arbeitsplatz stirbt.«
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