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Ukraine-Krieg

Gerüchteküche brodelt

Ukraine-Krieg: Moskauer Politologe erteilt Spekulationen über bevorstehende russische Mobilisierung Absage

Von Stefano di Lorenzo
Foto: Anton Vaganov/REUTERS
Mobilisierung light: Aufbruch im Rekrutierungszentrum in Sankt Petersburg (15.10.2025)

Kaum ein Thema wurde in den russischen Oppositionsmedien zuletzt so intensiv diskutiert wie eine mögliche Mobilmachung im September. Auch der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij sprang vergangene Woche auf den Zug auf und erklärte im Interview mit Sky News, dass Putin beabsichtige, bis zu 500.000 Soldaten einzuberufen. Der russische Präsident sei »nicht bereit, diesen Krieg zu beenden«, behauptete Selenskij und verwies dabei auf Geheimdienstberichte, wonach Moskau plane, nach den Parlamentswahlen am 21. September eine verdeckte Einberufung durchzuführen. Ein Großteil der europäischen Medien hat diese These aufgegriffen. In Russland begegnet man dem jedoch mit Skepsis.

»Es wird in Russland keine Generalmobilmachung geben«, sagte Sergej Markow, ein prominenter, dem Kreml nahestehender russischer Politikwissenschaftler, vergangene Woche im Gespräch mit jW. »Es wird auch keine Mobilmachung wie im Herbst 2022 geben.« Im September 2022, nach den Vorstößen der Ukraine in den Regionen Charkiw und Cherson, kündigte Moskau eine Teilmobilmachung von 300.000 Reservisten an, die Markow als »Krisensituation« charakterisierte. Die russische Armee in der Ukraine sei zu diesem Zeitpunkt viermal kleiner als die ukrainische gewesen, da Kiew allgemein mobilisiert hatte.

Der Politologe nannte als weiteren Grund, warum es keine Mobilmachung geben werde, negative Auswirkungen auf die Wirtschaft. »Nicht nur, weil 300.000 Reservisten einberufen wurden, sondern auch, weil weitere 200.000 Männer das Land verlassen haben. Vor allem junge Menschen aus Großstädten. Viele von ihnen sind jedoch zurückgekehrt. Aber niemand will das jetzt wiederholen«, so Markow. Auch Dmitri Trenin, der Präsident des Russischen Rates für internationale Angelegenheiten, hatte zuvor gegenüber dem Schweizer Portal Global Bridge erklärt, dass er keine Notwendigkeit für eine Mobilmachung sehe.

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Die meisten russischen Soldaten sind Freiwillige. Jahrelang ist es Moskau gelungen, Rekrutierungsquoten von 30.000 pro Monat aufrechtzuerhalten. »Das ist auch einer der Gründe, warum keine Mobilmachung nötig ist«, sagte Markow. »Das Rekrutierungssystem funktioniert gut.« Die Zahl der freiwilligen Rekruten ist in den vergangenen Monaten leicht zurückgegangen, doch der Rückgang ist nicht erheblich.

Markow erklärte zudem, dass die ukrainischen Verluste weitaus größer seien als die russischen. Selenskij bezifferte kürzlich die Verluste der Ukraine seit Kriegsbeginn auf 50.000 Soldaten. Eine Zahl, die mit Vorsicht zu betrachten ist. Er betonte, dass »das Verhältnis bei Leichenaushändigungen derzeit 15 zu eins ist. Auf jede Leiche eines russischen Soldaten kommen 15 ukrainische Leichen. Früher lag das Verhältnis bei 40 zu eins.« Das hänge sicherlich damit zusammen, »dass Russland angreift und auf dem Schlachtfeld Gebiete erobert. Doch diese enormen Unterschiede lassen sich nicht allein dadurch erklären«. Beim letzten Leichenaustausch im Juli übergab Russland der Ukraine 530 tote Soldaten, während Russland die sterblichen Überreste von 31 Soldaten erhielt.

Die Feinde Russlands wollten das Land vor den Wahlen destabilisieren, ist sich Markow sicher. Aus diesem Grund würden sie Gerüchte über eine bevorstehende Mobilmachung verbreiten. »Das ist eine riesige Propagandakampagne.« Aber auch in Russland gibt es Gruppen, die eine härtere Linie fordern. Einige von ihnen rufen zur Mobilmachung auf. »Sie stellen ihren Wunsch so dar, als sei das der Plan der russischen Regierung. Und die westliche Propagandamaschinerie hat die Ideen dieser Leute aufgegriffen«, schränkt Markow ein – interessanterweise auch von vielen prorussischen westlichen Kommentatoren. Der ehemalige UN-Waffeninspekteur Scott Ritter sprach kürzlich ebenfalls von einer bevorstehenden russischen Mobilmachung von 500.000 Mann. Offenbar gibt es Dinge, in denen sich die radikalsten antirussischen Gruppen und die prorussischen Sympathisanten im Westen einig sind.

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.08.2026, Seite 6, Ausland

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