Effekthascherei
Ukraine versenkt iranischen Frachter
Mag sein, dass das iranische Frachtschiff, das die Ukraine nach dem Bekenntnis ihres Präsidenten im Kaspischen Meer versenkt hat, tatsächlich militärische Güter geladen hatte. Nachprüfen lässt sich das nicht mehr, zumal das Schiff nach iranischen Angaben explodiert und in der Folge vermutlich gesunken ist.
Es fehlen allerdings Angaben dazu, in welcher Richtung das Schiff unterwegs war: nach Russland oder in den Iran. Russland braucht heute keine iranischen Drohnen mehr, wie noch in der Anfangsphase des Krieges. Es baut sie inzwischen nach und modernisiert sie. Und es revanchiert sich nach ukrainischen Angaben mit Dingen, die nicht auf Schiffen transportiert werden: Satellitenbildern von US-Einrichtungen am Golf. Plausibel erscheint im übrigen, dass der Iran die Waffen, die er produzieren kann, inzwischen selbst braucht.
Und hier kommen wir dem mutmaßlichen Grund für die ukrainische Attacke rund 2.000 Kilometer vom eigenen Land entfernt vermutlich näher: Indem die Ukraine eine zweite Front gegen den Iran aufmacht, dient sie sich der Trump-Administration an, die die Folgen des von ihr begonnenen Krieges am Persischen Golf nicht im Griff hat.
Die Frage ist allerdings, ob Donald Trump auf diese Art der Hilfestellung angewiesen und ob er auf sie erpicht ist. Wie das Wall Street Journal (WSJ) am Wochenende meldete, sollen US-Regierungsbeamte die Ukraine in deutlichen Worten aufgefordert haben, künftig Angriffe auf Tanker, die mit Öl aus Kasachstan beladen sind, auch dann zu unterlassen, wenn diese unter russischer Flagge laufen. Denn das in den Westen exportierte kasachische Öl gehört einem Konsortium, hinter dem auch große US-Konzerne stehen. Einer von ihnen, Chevron, hat sich laut WSJ bereits bei Trump beschwert, und das »Kaspische Pipelinekonsortium« habe die Produktion auf dem größten kasachischen Ölfeld schon einstellen müssen – mangels Optionen für den Abtransport.
Warum greift die Ukraine zu solchen Mitteln, die im wesentlichen Dritte treffen? Erstens, banal wie es ist: Weil sie es inzwischen kann. Und Russland hat dem für den Moment nicht viel entgegenzusetzen. Es wird aber daran nicht zusammenbrechen. Zweitens aber: Es liegt im Interesse der Ukraine, ihren Konflikt mit Russland maximal zu internationalisieren und die USA wieder voll in den Krieg hineinzuziehen. Dass darüber die Ölpreise zunächst weiter steigen werden, ist der ukrainischen Führung egal; sie lebt sowieso schon von den Blankoschecks der EU. Der Trump-Administration aber kann überhaupt nicht egal sein, wie sich die Ölpreise entwickeln. Sie hat schon mit der von ihr provozierten Schließung der Straße von Hormus die Ölpreise nach oben getrieben, was sich auch an US-Tankstellen niederschlägt. Und in gut drei Monaten hat Trump die Zwischenwahlen zum Kongress zu bestehen.
Die ironische Konsequenz der ukrainischen Strategie ist, dass kurzfristig Russland von den Preissteigerungen am Ölmarkt profitieren wird. Vermutlich ist die ukrainische Strategie deshalb eigentlich keine, sondern nur kurzfristige Effekthascherei.
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