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Nahostkonflikt

Siedlerterror im Westjordanland

Vertreibung und Gewalt in Taybeh und Kusra. Israels Militär errichtet Sperrzonen gegen Palästinenser und Aktivisten

Foto: Majdi Mohammed/AP/dpa
Aktivisten sammeln Lebensmittel für die Bewohner vor der Absperrung der israelischen Armee (Kusra, 14.8.2026)

Taybeh, ein malerisch gelegenes Dorf nordöstlich von Ramallah, hat aufgehört, die Idylle zu sein, die Touristen wie Einheimische begeistert hat. Jetzt herrscht Terror, Siedlerterror. Israelische Siedler attackieren das Dorf Tag und Nacht: Sie zündeln, stehlen, vertreiben die Beduinen in der direkt benachbarten Siedlung und besetzen immer mehr Land. Die israelische Armee erklärte Taybeh und Umgebung Anfang vergangener Woche zur militärischen Sperrzone. Aber das gilt wohl nur für Palästinenser und solidarische Aktivisten. Die gewalttätigen Siedler können derweil unter dem Schutz des Militärs ihre schmutzigen kolonialistischen Machenschaften weiterbetreiben.

Die Menschen im christlichen Taybeh leben wie viele Dorfbewohner im Bergland um Ramallah von der Landwirtschaft und vor allem dem Olivenanbau. Inzwischen wurde das zusehends schwieriger, und derzeit ist es schlicht unmöglich, dass die Bauern ihr Land überhaupt erreichen. Vor Jahren hat die Khoury-Familie in Taybeh eine Bierbrauerei gestartet. Dort wird normalerweise das vorzügliche Taybeh-Bier nach deutschem Reinheitsgebot gebraut. Palästinenser greifen inzwischen nur noch nach Taybeh-Bier. Und wegen des Biers musste natürlich auch ein Oktoberfest gefeiert werden. Taybeh wurde jeden Herbst von begeisterten Biertrinkern überflutet.

All das ist inzwischen Vergangenheit. Seit Herbst 2023, dem Beginn des Völkermordes in Gaza, wird Taybeh wie die gesamte Westbank von Siedlern, meist unterstützt von der israelischen Armee, terrorisiert. »Ethnische Säuberung« wird mit immer mehr brutaler Gewalt und Menschenverachtung durchgeführt. Das Ziel ist klar: Das Westjordanland gilt als Judäa und Samaria und gehört Israel. Palästinenser haben hier nichts zu suchen. Wenn sie das nicht verstehen, muss ihnen das klargemacht werden, wie in Taybeh. Das gilt ebenso für die Orte Masafer Jatta und Hebron im Süden der Westbank oder für Dschenin und Tulkarem im Norden und Nordwesten. An erster Stelle für das israelische siedlerkolonialistische Regime stehen derzeit aber die 19 im Land verteilten Flüchtlingslager. Aber damit nicht genug. Israelische Siedler haben derweil auch Beduinenweiler im Visier: im Jordantal und ganz im Süden der Westbank. Zahllose Gemeinden sind inzwischen unter vollständiger Kontrolle, nachdem sie die Bewohner aktiv vertrieben haben oder weil die Menschen dort dem Terror nicht mehr standhalten konnten.

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Die Gewalt in und um Nablus hat in den letzten Tagen weltweit Schlagzeilen gemacht. Selbst der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee – ein evangelikaler Unterstützer eines Großisraels und natürlich der Siedlungen in der Westbank –, kritisierte und verurteilte am Donnerstag auf X die »israelischen Terroristen« von Kusra bei Nablus mit Worten, die niemand aus seinem Mund erwartet hätte: ekelhaft, kriminell, brutal-gewalttätig. In dem kleinen Ort werden seit über einer Woche zwei Familien, deren Häuser am Rande des Ortes gelegen sind, von Siedlern belagert. Wieder spielt sich dasselbe Bild wie in Taybeh ab, nur stehen in Kusra gerade zwei Familien in ihren Häusern im Mittelpunkt. Die Siedler machen sich im Hof und rund um das Haus breit und attackieren die Familien, die sich regelrecht in ihren Häusern verschanzen mussten. Seit Tagen können sie nicht aus dem Haus. Es gibt keine frischen Nahrungsmittel. Auch hier hat die Armee am Freitag genau wie in Taybeh alles zum Sperrgebiet erklärt: Während Palästinenser und Aktivisten, die Wasser, Getränke und Nahrung zu den Eingeschlossenen bringen wollen, ferngehalten werden, haben die Siedler weiter freie Hand.

Über soziale Netzwerke sprechen Journalisten von Al-­Dschasira mit den belagerten Familien. Diese sind standhaft, wollen bleiben und sich nicht vertreiben lassen. Die Geistlichen in Taybeh wie der Katholik Baschar Fawadla, der griechisch-katholische Priester Jack-Nobel Abed sowie der griechisch-orthodoxe Pfarrer Daoud Khoury und der Bürgermeister fordern die Bewohner ihres Dorfes auf, standzuhalten. Aber sie sind zusehends weniger erfolgreich. Die Menschen haben Angst, vor allem um ihre Kinder. Besonders viele junge Familien haben Taybeh schon verlassen und versuchen, ein neues Leben in Sicherheit und ohne Sorge um ihre Kinder in Jordanien oder bei schon vor langer Zeit ausgewanderten Verwandten in den USA aufzubauen. Taybeh hat etwa 1200 Einwohner. Bis dato haben 90 Bewohner das Dorf verlassen, vor allem junge Männer und etwa 15 Familien.

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.08.2026, Seite 6, Ausland

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