Irgendwann ist Schluss
Aber bis dahin heißt es bei der FIFA weiterhin: Größer, länger, teurer. So war die Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko
Die 23. Fußballweltmeisterschaft ist vorbei, und man muss sagen: Gott sei Dank. Irgendwann reicht es dann auch. Spanien wurde, was man einen verdienten Weltmeister nennt. Abgesehen vom etwas mauen 0:0 zum Auftakt gegen den unterschätzten Außenseiter aus Kapverden gab sich der seit 38 Spielen ungeschlagene Europameister von 2024 keine Blöße. Das Gegentor zum Ausgleich im Viertelfinale gegen Belgien wurde souverän weggesteckt und sollte das einzige im gesamten Turnier bleiben. Argentinien wird die Finalniederlage verkraften können. Schon der WM-Titel 2022 war von der glücklicheren Sorte, eine Wiederholung vier Jahre später nicht nötig.
Insgesamt bot die WM das, was zu erwarten war. Die FIFA nimmt sich die Despoten der Gegenwart zum Vorbild: Moral war gestern, es lebe der ungenierte Opportunismus. Als Trinkpausen getarnte Werbepausen, eine Halbzeitshow zum Abwinken und natürlich die »Affäre Balogun«, bei der ein Anruf von Donald Trump bei seinem Freund Gianni Infantino genügte, um eine eigentlich unaufhebbare Rotsperre aufzuheben. Dass der für den AS Monaco stürmende Balogun, wenn es nach Trumps Vorstellungen zur US-Staatsbürgerschaft ginge, diese gar nicht besitzen dürfte, ist eine Ironie, die angesichts des Wahnsinns im Weißen Haus fast schon untergeht. Ironisch war womöglich auch, dass Trumps Intervention dem US-Team alles andere als guttat. Nach der schlechtesten Leistung des Turniers und einem satten 1:4 gegen Belgien war das WM-Abenteuer vorbei. Wenigstens scheint noch irgendwer ein Gewissen zu haben.
Alles unter Kontrolle
Die Folgen für die FIFA? Null. Angesichts eines Produkts, das sich weltweit fantastisch vermarkten lässt, hält sie sich für unangreifbar. Das hat sich in den vergangenen Wochen bestätigt. Die FIFA ist niemandem gegenüber verantwortlich. Sie ist ein Verein nach Schweizer Recht, genauso wie ein Verein pensionierter Schmetterlingsfänger in Luzern. Solange irgendwer im Züricher Hauptquartier seine Hausaufgaben macht, ist die Schweizer Bürokratie zufrieden. Dass der Präsident Infantino dem Präsidenten Trump mit so viel Verve in den Allerwertesten kriecht, ist eine Lehre aus der Vergangenheit: Der FIFA-Skandal von 2015, der Infantinos Vorgänger Sepp Blatter zu Fall brachte, wurde von den USA ins Rollen gebracht, weil man dort beleidigt war, bei der Vergabe der WM 2022 nicht berücksichtigt worden zu sein.
Intern hat Infantino alles unter Kontrolle. Wie es Autokraten so machen, umgibt er sich nur mit Jasagern. Die verschiedenen Kommissionen, die die FIFA unterhält (Disziplin oder, haha, Ethik), existieren ausschließlich auf dem Papier. Infantino muss nur darauf achten, dass Funktionäre in genug Mitgliedsländern mit Förderungen, Zuschüssen und, sagen wir, Aufmerksamkeiten zufriedengestellt werden. Und die Fans dürfen denken, was sie wollen, solange es genügend von ihnen gibt, die abstruse Summen für Stadionbesuche zahlen und bei aller Kritik spätestens ab der Playoffphase den Fernseher einschalten.
Was haben die Fans bei dieser WM gesehen? Unzählige Spiele, an die sie sich jetzt schon nicht mehr erinnern können, aber auch Momente, die bleiben. Gut, bei 104 Partien auch kein Wunder. Erinnerungswürdig war beispielsweise das Ende von Österreich gegen Algerien. Da überrumpeln algerische Spielverderber in der Nachspielzeit Österreicher, die sich mit sich selbst schon auf ein 2:2 geeinigt hatten, und netzen zum 3:2 ein – nur um daraufhin mit Entsetzen festzustellen, dass ihnen dieses Ergebnis Spanien als ersten Playoffgegner bescheren würde. Also durfte Österreich in der Nachspielzeit der Nachspielzeit bei erstaunlich geringer Gegenwehr doch noch den Ausgleich erzielen.
Geschichtsträchtig war auch die erste rote Karte für das Bedecken des Mundes bei einer Auseinandersetzung mit dem Gegner. Das darf man inzwischen nicht mehr, es soll eine Maßnahme gegen Rassismus sein. Der ließe sich womöglich effektiver bekämpfen, aber der paraguayanische Mittelfeldspieler Miguel Almirón flog trotzdem vom Platz.
Gianni gönnt
Auch neue Stars wurden geboren: So schnellte die Anzahl der Instagram-Follower des 40jährigen Tormanns der Kapverden mit dem wunderschönen Namen Vozinha während der WM von 50.000 auf über 17 Millionen. Nicht schlecht für einen Zweitligakeeper in Portugal. Sein Kollege im Tor Curaçaos, Eloy Room, stellte wiederum mit 15 Paraden gegen Ecuador einen neuen Rekord im Zeitalter der allumfassenden Statistiken auf. Nun ja, für einen Unai Simón, der im Tor Spaniens gefühlt zwei Schüsse pro Spiel auf sein Tor bekommt, ist ein derartiger Rekord schwer zu brechen. Trotzdem alle Achtung für einen weiteren Zweitligakeeper, in diesem Fall in den USA.
Sein erstes Spiel bei einer WM verlor das Team Curaçaos übrigens mit 1:7 gegen die DFB-Auswahl. Roos hatte da noch keinen Wundertag, vielleicht war es die Nervosität. Die Herzen flogen dem Team aus der Karibik trotzdem zu, mit Kapverden waren sie die Lieblinge des Turniers.
Zu diesen gehörten die Deutschen nicht, noch nicht einmal in Deutschland. Schon vor dem Turnier wurde fleißig darüber diskutiert, wer die Nachfolge von Julian Nagelsmann als Teamchef antreten würde, wobei man sich der Einfachheit halber schon auf einen Nachfolger geeinigt hatte: nämlich den ewigen Sunnyboy Jürgen Klopp, der selbst als »Head of Global Soccer« von Red Bull noch so tut, als wäre er der Kumpel von nebenan. Dafür, aus der DFB-Auswahl wieder einen Weltmeister zu machen, wird es nicht reichen, aber wenigstens bleibt er uns dann als TV-Experte erspart.
Die Teilnahme an zukünftigen Weltmeisterschaften sollte für Klopp zu schaffen sein. Vielleicht wird sogar der viermalige Weltmeister Italien wieder dabei sein. Längst schon wird laut über eine weitere Aufstockung des Turniers auf 64 Mannschaften nachgedacht, wobei: An diesem Punkt ist das gar keine schlechte Idee. Es ist eh schon egal. Ob es nun zwölf Vorrundengruppen gibt oder 16, spielt keine Rolle, und wenigstens würden dann im Kampf um die Playoffteilnahme die unwürdigen Fernduelle um bessere und schlechtere dritte Plätze ein Ende nehmen.
Aufgrund dieser wurde beim heurigen Turnier ausgerechnet der Iran rausgekegelt, der eine WM der besonderen Art hinter sich hat. Zwar wurden die Spiele des Teams nicht aus den USA nach Kanada oder Mexiko verlegt, doch die Spieler wurden jedes Mal gezwungen, unmittelbar nach Spielende wieder auszureisen. Kapitän Mehdi Taremi bezeichnete die WM als »Katastrophe« für sein Team. Erstaunlicherweise verlor man unter diesen Bedingungen kein einziges Spiel, doch drei Unentschieden reichten trotzdem nicht, um die Playoffphase zu erreichen. Was tat Gianni Infantino? Er stattete den Iranern nach ihrer ersten Partie einen Besuch in der Kabine ab. Ein Gönner der großen Art.
Das Zauberwort
Mit Argentinien, Spanien, Frankreich und England erreichten die ersten vier Teams der FIFA-Weltrangliste das Halbfinale. Muss man der FIFA zugestehen, wenigstens die Stärke der Teams richtig einzuschätzen? Vielleicht. Allerdings wurde erstmals in der Geschichte der WM so ausgelost, dass die ersten vier Teams der Weltrangliste – Gruppensiege in der Vorrunde vorausgesetzt – erst im Halbfinale aufeinandertreffen konnten. Dass es für die Einnahmen der FIFA besser ist, wenn die großen Teams länger im Turnier bleiben, ist kein Geheimnis. Wieviel ist die FIFA bereit, dafür zu tun? Das liegt, wie so vieles bei diesem Schweizer Verein, im Dunkeln.
Die intellektuellen und moralischen Verrenkungen, die verlangt werden, um dem WM-Spektakel noch etwas abgewinnen zu können, sind enorm. Als gäbe es nicht schon genug Ärgernisse, nervt auch noch der ewige Fokus auf die Superstars, ganz so, als würden nicht 48 Teams um den Titel spielen, sondern Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Kylian Mbappé. Vielleicht hat es damit zu tun, dass seit längerem keine großen taktischen Revolutionen mehr Gesprächsstoff liefern. Millennials kennen keinen Fußball ohne Gegenpressing und Viererketten mehr. Dass Teams inzwischen den Anstoß freiwillig ins Seitenaus befördern, hat nur beschränkten revolutionären Wert. Bleibt also, was der damalige Präsident der Sozialistischen Arbeitersport-Internationalen (SASI) Julius Deutsch schon 1928 konstatierte: »Rekord und abermals Rekord – das ist das Zauberwort, um das sich alles dreht.«
Widerstand? Fehl am Platz. Wer nach irgendeiner Persönlichkeit im WM-Umfeld sucht, die ein bisschen kritisches Flair hat, bleibt beim Hipster Jackson Irvine hängen, der sowohl beim FC St. Pauli als auch bei der australischen Nationalelf die Kapitänsbinde trägt. Irvine äußert sich korrekt zu LGBTQ-Fragen und Palästina, aber Kapitalismuskritik? Fehl am Platz. Es geht freilich noch schlimmer: Zlatan Ibrahimović, »cooler Typ mit großer Fresse«, ließ es sich nicht nehmen, dem Kampfsportspektakel beizuwohnen, das zu Trumps 80. Geburtstag vor dem Weißen Haus stattfand. Dass das schwedische Team, dessen langjähriger Kapitän Ibrahimović war, zur gleichen Zeit sein erstes WM-Match bestritt, war dem Mann egal.
Augen zu
Politische Botschaften beschränkten sich auf ein bisschen nationalistisches Säbelrasseln nach Argentiniens Sieg gegen England. Dort hatte ein Transparent mit der Aufschrift »Die Falklandinseln sind argentinisch« den Weg aufs Spielfeld gefunden. Die FIFA, die so etwas nicht mag, weil sie Politik hinter verschlossenen Türen bevorzugt, drückte ein Auge zu.
Wenn irgendwer den Superstars an Aufmerksamkeit Konkurrenz machte, dann die Schiedsrichter. Es stimmte schon: Von klarer Linie wenig Spur, da gedeihen Verschwörungstheorien. Aber war Israel wirklich daran gelegen, dass Ägypten gegen Argentinien verliert, weil es in Argentinien eine zionistische Lobby gibt? Fragwürdig. Manchmal lag das Problem auch bei den Beschwerdeführern selbst: Dass sich die Schweiz nach der Fremdschämschwalbe, die dem ehemaligen Schalke- und Gladbach-Stürmer Breel Embolo völlig zu Recht einen Platzverweis einbrachte, auf den Schiedsrichter einschoss, war eher würdelos.
Sollte es irgendwann eine kommunistische Gesellschaft geben (die Hoffnung stirbt zuletzt), wird man mit Kopfschütteln an den moralischen Verfall zurückdenken, der den Fußball Anfang des 21. Jahrhunderts prägte. Aber irgendwann wird der Spuk ein Ende haben. Es geht nicht anders.
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