Die Spiele der anderen
Visabeschränkungen und Einreiseverbote prägen die WM. Die unfairen Bedingungen für Teams aus dem globalen Süden zeigen: Das Turnier reproduziert das neokoloniale Machtgefüge
Schon jetzt ist die Fußballweltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und den USA in die Geschichte eingegangen. Wie kein Turnier in den vergangenen Jahrzehnten hat die WM Rassismus und neokoloniale Herrschaftsverhältnisse sichtbar werden lassen. Das gilt zuvorderst, aber nicht ausschließlich, für die USA, wo die bewaffneten Schlägerbanden der US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE täglich Gewalt gegen die Bevölkerung mit und ohne Zuwanderungsgeschichte ausüben. Die Superlative, die das Turnier eigentlich mit drei Gastgebern, einem auf 48 Teams vergrößerten Teilnehmerfeld und 104 zu vermarktenden Spielen prägen sollten, sind in den Wirrungen von Reisebeschränkungen und Einreiseverboten verschwunden.
Fußball vereint?
Den Auftakt machte die iranische Nationalmannschaft. US-Präsident Donald Trump und FIFA-Boss Gianni Infantino betonten im Gleichklang, dass die Iraner wie alle anderen auch bei der WM willkommen seien – trotz des US-amerikanisch-israelischen Angriffskriegs. Lange jedoch blieben Visaangelegenheiten für Spieler, Trainer- und Funktionsstab sowie Delegierte ungelöst. Ein erstes Resultat war der Wechsel des WM-Quartiers von Tucson im US-Bundesstaat Arizona nach Tijuana im mexikanischen Bundesstaat Baja California. Alle drei Spiele der Gruppenphase der Iraner hingegen finden in den Vereinigten Staaten statt. Schlussendlich durften 15 Delegierte, darunter der iranische Verbandschef Mehdi Tadsch, gar nicht in die USA einreisen. Gleiches gilt im übrigen für Fans aus der Islamischen Republik, denen pauschal die Einreise verboten wurde. Dem Team sind »Tagesausflüge« zu den Spielen in den USA gestattet. Regenerationszeit ist nicht erlaubt. Das geht vermutlich auf Trumps Kappe, dem Bundeskanzler Friedrich Merz beim G7-Gipfel vergangene Woche in zweifelhafter Fußballmetaphorik und mit bourgeoisem Grinsen attestierte, zugleich ein guter Angreifer und Verteidiger zu sein. Nach ihrem zweiten Unentschieden im Turnier gegen Belgien am Sonntag (0:0) hinterließ die iranische Nationalmannschaft jedoch eine handschriftliche Dankesnotiz mit versöhnlichen Worten in der Kabine. Das Team verlasse Los Angeles »mit Würde« und danke für die »Gastfreundschaft«, wie Anadolu berichtete.
Auch Offizielle des afrikanischen Kontinentalverbands CAF traf der US-amerikanische Verbotswahn. Dem aus Somalia stammenden CAF-»Schiedsrichter des Jahres 2025«, Omar Abdulkadir Artan, war trotz Visums und Diplomatenpass nach elf Stunden Befragung die Einreise in Miami verweigert worden. Vergleichbare Visabeschränkungen habe es für Offizielle bei der WM in Russland 2018 nicht gegeben, kritisierte Dschibril Radschub nach dem Eröffnungsspiel in Mexiko-Stadt gegenüber AP. Radschub, Präsident des Palästinensischen Fußballverbands, hatte eigenen Angaben zufolge trotz FIFA-Akkreditierung kein Visum für die USA erhalten. Nun gehört Radschub zu jenen Delegierten, insbesondere aus dem Nahen Osten, die nur in Mexiko willkommen sind.
Dem hält der Weltfußballverband FIFA eine seiner schwülstigen Kampagnen entgegen: Das Turnier unter dem Motto »Football Unites the World« (»Fußball verbindet die Welt«) stehe für eine globale Bewegung, die Menschen mit Hilfe des Sports inspiriere, vereine und fördere. Wer das Turnier nicht boykottiert, wird im Sechzehntelfinale, im Spiel um Platz drei und im Finale den Slogan auf den linken Ärmeln der Trikots entdecken, wie Sky Sport berichtete. Den Platz am linken Ärmel muss die FIFA besonders häufig wechseln, schließlich inszeniert man sich auf der ganz großen Politbühne. Während der Gruppenphase ist man vereint für Frieden (»Unite for Peace«). Und wenn schon diese beiden Ziele schwer einzuhalten sind, ist man wenigstens vereint für Bildung (»Unite for Education«), der Ärmelaufdruck für alle übrigen K.-o.-Runden-Spiele.
Wider die Hegemonie des Westens
Vom größeren Teilnehmerfeld der WM soll auch der globale Süden profitieren. Statt bisher fünf Mannschaften konnte der afrikanische Verband CAF zehn Teams entsenden. Asien hat dreieinhalb weitere Startplätze erhalten. Doch viele afrikanische Teams treten in den USA unter schlechteren Bedingungen an. Für insgesamt 50 Staaten dieser Welt hat die Regierung in Washington Sicherheitsleistungen für Visa eingeführt. Diese Kaution, ein sogenannter Visa Bond, in Höhe von bis zu 15.000 US-Dollar betrifft allein 33 afrikanische Länder. Die Kaution soll sogenannte Overstays reduzieren. Gemeint sind Fristüberschreitungen von Visa, die auch zum Zwecke der Migration erfolgen können. Ein weiteres Werkzeug im Trumpschen Sommermärchen.
Kap Verde hat sich erstmalig für eine WM qualifiziert und ist seit dem 21. Januar auf der Visa-Bond-Liste des US-Außenministeriums zu finden. Diese basiert auf grotesken Wahrscheinlichkeitsrechnungen dazu, ob Menschen bestimmter Nationalitäten ihre Visa überziehen. Beim 0:0-Auftakt des Inselstaats gegen Spanien avancierte der 40jährige Torhüter Josimar Dias, bekannt als Vózinha, zum Spieler des Spiels. Nach der Partie war zu sehen, wie er in Tränen ausbrach. Vózinha begründete seine Emotionen damit, dass seine Großeltern, die viel für ihn getan hatten, vor ein paar Jahren verstorben seien und nicht dabei sein konnten. Außerdem erklärte Vózinha, dass er die Kaution für seine Mutter Ana Candida Evora nicht rechtzeitig aufbringen konnte. Seine Aussagen gingen viral, so dass sich das US-Außenministerium einschaltete. Mutter Ana erhielt schließlich das Visum, wie Reuters berichtete.
Ein anderer afrikanischer Staat ist seit dem 23. Oktober 2025 nicht mehr Teil der Visa-Bond-Liste. Das westafrikanische Mali widersetzte sich erfolgreich, indem die Regierung in Bamako für US-Bürger ebenfalls eine Kaution einführte. Ein hochrangiger malischer Außenpolitiker erklärte dazu: »Wenn ein Bürger Malis eine Kaution hinterlegen muss, um die USA zu besuchen, dann sollte auch ein US-Bürger eine Kaution hinterlegen müssen, um Mali zu besuchen. Das Prinzip der Gegenseitigkeit ist ein Grundpfeiler einer gleichberechtigten Partnerschaft.«
Vor der WM 2022 in Katar fanden gleich drei Weltmeisterschaften in Folge in Ländern statt, die zum BRICS-Bündnis zählen, das die unipolare Weltordnung in Richtung Multipolarität verschiebt: Südafrika (2010), Brasilien (2014) und Russland (2018). Alle drei Gastgeber implementierten vereinfachte Visaregularien für den Turnierzeitraum. Die Südafrikaner führten für die WM ein kostenloses Eventvisum ein, das eine priorisierte Vergabe vorsah. In Brasilien gab es ein kostenloses WM-Visum für Ticketinhaber und an den großen Flughäfen beschleunigte Abfertigungen. In Russland galt die Fan-ID als offizieller Visaersatz. Dennoch kam es auch in Russland zur Stornierung von Einreiseerlaubnissen. So ähnlich, wie es schottische Fans bei dieser WM mit ihren elektronischen ESTA-Visa für die USA erlebt haben. Für Delegierte hingegen gab es bei den vergangenen vier Turnieren keine vergleichbaren Einschränkungen wie bei dieser WM.
Vereint im Kolonialismus
»Die Geschichte des Kolonialismus ist dem Fußball eingeschrieben – wie auch die des Neokolonialismus«, konstatieren Carlos Gomes und Glenn Jäger in ihrer »Anderen Geschichte der Fußballweltmeisterschaft«. Wenn wie beim 4:2-Sieg der Engländer gegen Kroatien Kommentatoren nicht müde werden, zu betonen, dass es das erste rein europäische Duell der WM sei und zugleich das beste Spiel bisher, folgt dies einer kolonialen Logik. Gemeint sind damit verinnerlichte Denk-, Wissens- und Handlungsmuster aus Kolonialzeiten, die von der Überlegenheit des Westens gegenüber dem als rückständig konstruierten globalen Süden ausgehen. Dieselbe Logik liegt den vielen Reisebeschränkungen zugrunde.
Für Frantz Fanon ist die Dekolonisation der einzige Ausweg aus der Unterdrückung des Kolonisierten durch den Kolonisator. Seine Armeezeit wurde für Fanon zur Zäsur. Desillusioniert vom Rassismus und davon, seine eigene Identität zu verleugnen, kehrte er zurück. Seine Erfahrungen als Ungleicher unter Gleichen im Kampf gegen den Faschismus begründeten sein epochales Werk »Schwarze Haut, weiße Masken«. Die gegenwärtige Fußballweltmeisterschaft wird in die Geschichte eingehen als die »Spiele der anderen«. Als ein Turnier der Ungleichen unter den Gleichen, das einmal mehr die Arroganz und Vormachtstellung des Westens offengelegt hat.
Die von der FIFA organisierten Turniere vereinen sicher nicht die Welt; sie führen sportpolitisch eine Zweiteilung in globalen Norden und globalen Süden durch. Damit haben der Weltfußballverband FIFA und »seine« WM erneut bewiesen, dass sie tief im neokolonialen Machtgefüge mitmischen. Auch ein Mehr an Startplätzen bei gleichbleibenden oder noch mehr Widrigkeiten trägt zu keiner Veränderung bei. Wenn dieses Machtgefüge, beinahe einhundert Jahre nachdem die koloniale Geschichte der Weltmeisterschaft mit null Startplätzen für den afrikanischen Kontinent ihren Lauf nahm, noch immer fortbesteht, ist es an der Zeit für Dekolonisation. Für echte Gleichheit und echte Chancen. Für ein Turnier, bei dem kein Fan oder Familienangehöriger fernbleiben muss. Für einen dekolonisierten Fußball, eine dekolonisierte Weltmeisterschaft und eine dekolonisierte Welt. Für eine WM des globalen Südens.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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