Zum Inhalt der Seite
Drusen

Spielball des Besatzers

Die Drusen in den Grenzgebieten zu Syrien werden seit Jahrzehnten von Israel als Vorwand für die eigene Expansionspolitik instrumentalisiert

Foto: Middle East Images/IMAGO
Einsatzbereit: Drusen aus den von Israel besetzten Golanhöhen überqueren die syrische Grenze (Madschdal Schams, 16.7.2025)

Israels Verhältnis zu den Drusen ist seit jeher instrumentell: Im komplizierten und wiederholt blutigen Verhältnis zum Nachbarland Syrien benutzt Tel Aviv die religiöse Minderheit als Spielball, um eigene Sicherheits- und Territorialinteressen an der Nordflanke voranzutreiben. Seit Jahrzehnten hält sich in israelischen Sicherheitskreisen die Idee eines von Tel Aviv gestützten Drusenstaats oder eines autonomen Drusengebiets als Puffer zu Syrien – insbesondere seit dem Junikrieg 1967 mit der Besetzung der überwiegend von Drusen bewohnten Golanhöhen. Einige tausend Drusen wohnen seitdem de facto auf israelischem Territorium, wobei sich die meisten bis heute weigern, israelische Staatsbürger zu werden.

Während sich Tel Aviv traditionell als Schutzmacht der Drusen in Syrien gebärdet, steht die Realität oft im direkten Widerspruch zu diesem behaupteten Anspruch. Im Verlauf des ab 2011 entfachten Kriegs in Syrien kooperierte Israel über Jahre hinweg mit mindestens zwölf syrischen Rebellengruppen und finanzierte und bewaffnete Tausende ihrer Kämpfer. Unter dem Deckmantel »humanitärer Hilfe für Kinder, Frauen und Verwundete« (Verteidigungsminister Yaalon) unterstützte Israel bei der Logistik und medizinischen Versorgung auch syrische Rebellen. Darunter befanden sich Dschihadisten, nachweislich auch Kämpfer der vom heutigen syrischen Präsidenten Ahmed Al-Scharaa – damals unter seinem Kampfnamen Abu Mohammed Al-Dscholani (»der vom Golan Stammende«) bekannt – geführten Al-Nusra-Front. »Israel behandelt im syrischen Bürgerkrieg verwundete Al-Qaida-Kämpfer«, titelte die erzkonservative Jerusalem Post im März 2015. Aufgrund der hohen Präsenz und der Aktivitäten der Islamisten im israelischen Grenzgebiet nannten israelische Soldaten den Grenzübergang Kuneitra (nur halb scherzend) »Nusra-Übergang«.

Als im Juni 2015 Dschihadisten das südsyrische Drusendorf Hadar belagerten, machte sich Angst breit, dass es, wie wenige Tage zuvor im nordsyrischen Idlib, zu islamistischen Pogromen kommen könnte. Dass Israel jene Dschihadistengruppen unterstützte, die nur wenige Kilometer entfernt ihre drusischen Geschwister belagerten, ließ auf dem besetzten Golan die Spannungen eskalieren. Es kam zu Protesten, in deren Verlauf ein vom israelischen Militär abtransportierter syrischer Kämpfer gelyncht wurde. Der Fall entlarvte Tel Avivs humanitäre Rhetorik als zynische Geopolitik und verdeutlichte das tiefe Misstrauen gegenüber Israel: Die syrischen Drusen lehnten jegliche Einmischung des Landes kategorisch ab, da sie die vermeintliche Schutzmacht als Unterstützer ihrer potentiellen Schlächter betrachteten.

Um die geostrategische Achse Moskau–Teheran–Damaskus unumkehrbar zu brechen, sollte Al-Scharaa rasch ins westliche Lager geholt werden: Die damalige Bundesaußenministerin Annalena Baerbock und ihr französischer Amtskollege Jean-Noël Barrot besuchten den neuen Partner wenige Tage nach dessen Machtergreifung in Damaskus. »Ich habe ihn im Grunde an die Macht gebracht«, behauptete gar US-Präsident Donald Trump, der ihn im ersten Amtsjahr ins Weiße Haus einlud, samt kumpelhaftem Basketballgeplänkel mit hochrangigen US-Militärs.

Anzeige

Schnell war klar, dass die Regierung sunnitischer Dschihadisten von der US-Terrorliste gestrichen werden würde – geschehen schließlich Ende August dieses Jahres –, was bereits 2025 mit der Aufhebung der Sanktionen durch EU und USA vorbereitet wurde. Aus israelischer Perspektive drohte damit die Entstehung eines potentiellen Rivalen vor der eigenen Haustür. Zuvor war das Verhältnis zum ehemaligen syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad über Jahrzehnte mehr oder weniger von Pragmatismus geprägt: Westlicher Wirtschaftskrieg via Knebelsanktionen sowie die umfassende Isolation des Landes sorgten ohnehin dafür, dass an ein Erstarken Syriens nicht zu denken war. Doch unter dem neuen Präsidenten drohte sich das zu ändern.

Deswegen begann Tel Aviv nach dem Sturz Assads im Dezember 2024 und der Machtübernahme durch Al-Scharaa verstärkt damit, die syrischen Drusen für seine aggressive Interventions- und Expansionspolitik zu instrumentalisieren. Konnte man sich in Israel den Syrien-Plänen des Patrons in Washington nur schwer kategorisch verweigern, sollten deren Auswirkungen auf die eigenen Interessen zumindest eingehegt werden. Israel will kein geeintes, erstarkendes Syrien, sondern Destabilisierung, Unruhen und Spaltung. Die Drusen – verstärkt religiöser Verfolgung durch die neue Regierung ausgesetzt und notgedrungen dazu bereit, materielle Hilfe von außen anzunehmen – sollen zu diesem Zweck eingesetzt werden.

Unabhängig davon, wie partnerschaftlich bis offen unterwürfig sich die neuen Machthaber in Syrien gegenüber ihren alten Unterstützern in Israel auch zeigten – selbst auf die hundertfache Bombardierung ihres Landes im Dezember 2024 gab es kaum eine Reaktion –, war Tel Avivs Auftreten gegenüber Damaskus von Anfang an äußerst feindselig. Israels Premier Benjamin Netanjahu verwehrte den neuen Regenten zum Amtsantritt die Souveränität über ihr eigenes Land: Man werde es der neuen Armee nicht gestatten, »in das Gebiet südlich von Damaskus vorzudringen«, sagte er am 24. Februar 2025 und forderte zugleich die Entmilitarisierung aller südlichen Provinzen Syriens. Das gilt freilich nur für Damaskus’ Truppen, nicht für die von Tel Aviv unterstützten drusischen Milizen, wie das Ende 2024 gegründete Suwayda Military Council (SMC).

Neun Tage nach Al-Scharaas Machtergreifung trafen die ersten israelischen Hubschrauber mit Waffen und Schutzausrüstung beim SMC ein, wie eine Investigativrecherche der Washington Post vom Dezember 2025 darlegt. Bereits vor dem Assad-Sturz unterstützten Mitglieder des israelischen Sicherheitsapparats demnach die syrischen Drusen beim Aufbau des SMC und leiteten dessen Anführer Tarek Al-Schoufi dafür Hunderttausende US-Dollar zu. Später folgten Scharfschützen- und Sturmgewehre; auch wurden monatliche Saläre in Höhe von ein- bis zweihundert US-Dollar an rund 3.000 drusische Milizionäre gezahlt. Israelische Offizielle sagten dem US-Blatt, die Unterstützung der Drusen habe ausdrücklich der Schwächung der neuen Zentralregierung in Damaskus gedient.

Im Juli 2025 erreichte die israelische Unterstützung der syrischen Minderheit ihren Höhepunkt, nachdem im südwestlich gelegenen Suweida die Gewalt zwischen Drusen und den nomadischen Beduinen sowie Regierungstruppen eskalierte und nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mehr als 1.000 Menschen getötet wurden. Israel sah sein Investment in Gefahr, griff daher an der Seite der Drusen offen militärisch ein und bombardierte syrische Regierungstruppen sowie das Verteidigungsministerium in Damaskus.

Nach zunehmendem Druck aus Washington, internen Machtkämpfen unter den Drusen und dem steigenden Risiko, immer tiefer in syrische Scharmützel hineingezogen zu werden, wurden die Überlegungen, die Drusen zu einer israelischen Proxymiliz aufzubauen, zunächst auf Eis gelegt und die Waffenlieferungen eingestellt. Auch weil Al-Scharaa von Beginn an Kooperationsbereitschaft zeigte, setzte sich auch in Tel Aviv die Vorstellung durch, dass über Verhandlungen zwischen beiden Ländern entsprechende Sicherheitsgarantien künftig zu einer Normalisierung führen könnten.

Hintergrund: Israels Krieg gegen Syrien

Seit seiner Staatsgründung 1948 befindet sich Israel mit Syrien im Kriegszustand, der in den folgenden Jahrzehnten im Rahmen der israelisch-arabischen Kriege mehrfach eskalierte. Im Junikrieg 1967 besetzte Israel den syrischen Golan und annektierte ihn per Gesetz 1981. Einzig die extrem rechten Regierungen in den USA (2019) und seit neuestem Kolumbien (2026) erkennen das annektierte Territorium als israelisches Staatsgebiet an. Nach Ausbruch des Syrien-Kriegs 2011 fuhr Israel zunächst auf niedriger Flamme eine Luftkampagne, die sich ab Mitte des Jahrzehnts zu einem Schattenkrieg auswuchs.

Kurz vor seinem Ausscheiden als Generalstabschef im Januar 2019 hatte Gadi Eisenkot gegenüber der New York Times das Ausmaß dieses Krieges dargelegt: »Wir haben Tausende von Zielen angegriffen, ohne die Verantwortung dafür zu übernehmen oder Anerkennung dafür zu verlangen«, so der damals ranghöchste Soldat des Landes über sein Konzept, das er als »Kampagne zwischen den Kriegen« bezeichnete. In den Jahren danach führten die israelischen Streitkräfte diesen »Zwischenkriegszustand« fort und verübten seit Beginn des Völkermords an den Palästinensern in Gaza nach dem 7. Oktober 2023 auch in Syrien gezielte Tötungen. Am 1. April 2024 wurden bei einem solchen israelischen Luftschlag auf das iranische Konsulatsgelände in Damaskus syrische Zivilisten sowie hochrangige Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden getötet.

Nachdem die Truppen des langjährigen Nusra-Führers Ahmed Al-Scharaa im Dezember 2024 den ehemaligen syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad stürzen und die Macht in Damaskus übernehmen konnten, nutzte Israel das Chaos und führte eine beispiellose Großoffensive gegen Syrien. Während Streitkräfte zu Land und See innerhalb weniger Tage Hunderte Ziele im gesamten Land bombardierten, besetzten Bodentruppen die demilitarisierte UN-Zone auf dem Golan und drangen weit darüber hinaus auf syrisches Territorium vor. Seitdem wurden mehrere illegale Stützpunkte errichtet. (jr)

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 03.09.2026, Seite 9, Schwerpunkt

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!