Sonne und Solidarität
Während ein Großteil der Welt den US-Zwangsmaßnahmen gegen Kuba tatenlos zusieht, liefert eine Gruppe solidarischer Länder direkte materielle Unterstützung
Kuba verteidigt sein alternatives Gesellschaftsmodell seit mehr als 60 Jahren vor allem aus eigener Kraft gegen die mörderischste Blockade, der ein Land je ausgesetzt war. Obwohl es unglaublich scheint, trotzt die Bevölkerung an diesem Mittwoch bereits seit 217 Tagen einer von US-Präsident Donald Trump angeordneten totalen Energieblockade, mit der die Versorgung der gesamten Insel mit Strom, Wasser, Nahrungsmitteln und Medikamenten sowie der Transport, die Krankenhäuser und die Schulen lahmgelegt werden sollen.
»Die Welt schaut zu und weiß Bescheid, doch unternimmt größtenteils nichts. Fluggesellschaften haben ihre Flüge nach Havanna eingestellt; ausländische Unternehmen ziehen ihre Investitionen ab; die Angst vor Sekundärsanktionen, der Strafe für den Handel mit Kuba, hat die internationale Gemeinschaft gelähmt, nicht aber die Solidarität der Völker«, beschrieb der kubanische Journalist Raul Capote das komplizenhafte Schweigen. Wie der Genozid am palästinensischen Volk in Gaza ist auch die völkermörderische Blockade gegen Kuba längst Teil eines globalen Konflikts, in dem die sozialistische Inselrepublik jedoch nicht wie ein Kaninchen auf die imperialistische Schlange starrt, sondern ihre Souveränität und Unabhängigkeit verteidigt.
Es gibt »die, die kämpfen, und die, die weinen«, überschrieb damals der argentinische Journalist Jorge Masetti eine Reportage über die von Fidel Castro angeführten Guerilleros in der Sierra Maestra. Er besuchte sie, um deren Motive für den scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die von den USA hochgerüstete Diktatur von Fulgencio Batista zu verstehen. Heute könnte er zwischen denen unterscheiden, die einem bedrohten, um sein Überleben kämpfenden Volk Hilfe leisten, und denen, die dazu schweigen oder den Aggressor gar unterstützen. Während bei der UN-Abstimmung im Oktober vergangenen Jahres 165 Länder (zu denen auch Deutschland zählt) die sofortige Beendigung der US-Blockade verlangten, stellten sich die rechten Regime Israels, der Ukraine, Argentiniens, Paraguays, Ungarns und Nordmazedoniens offen auf die Seite Washingtons. Zwar hilft die Solidarität der 165 Nationen den Menschen, denen die Lebensgrundlage entzogen wird, nicht unmittelbar, aber sie gibt ihnen Mut zum Durchhalten und zeigt, dass nicht Kuba, sondern das Trump-Regime in der Welt isoliert ist.
Neben der wichtigen Hilfe durch zahlreiche Projekte der internationalen Solidaritätsbewegung, unterstützen die Regierungen mehrerer Länder, allen voran China, Russland und Mexiko wie auch Brasilien, Vietnam und Spanien, die kubanische Bevölkerung durch konkrete Hilfe – Kompromisse und Widersprüche inbegriffen. Mexiko hatte zum Beispiel einerseits im Januar die Öllieferung nach Kuba ausgesetzt, brachte aber andererseits gleich Anfang Februar zwei erste Schiffe mit 814 Tonnen Hygieneprodukten und Lebensmitteln nach Havanna. Bis März hatte sich die humanitäre Hilfe aus Mexiko bereits auf über 3.100 Tonnen summiert. Im April erklärte das Land gemeinsam mit Brasilien und Spanien, die Hilfe für Kuba zu verstärken. In einer gemeinsamen Erklärung verteidigten die drei Länder das Recht des kubanischen Volkes, selbst über seine Zukunft zu entscheiden. Nach Havannas Bekanntgabe der Wirtschaftsreformen erklärte die Präsidentin Mexikos, Claudia Sheinbaum, dann im Juni, nach Wegen zu suchen, wie die Treibstoffversorgung mit privaten Unternehmen wieder aufgenommen werden könne.
Aus Vietnam erreichten im August Hilfslieferungen im Wert von rund 3,5 Millionen Euro die Insel sowie 470 Tonnen Reis aus einem gemeinsamen Anbauprojekt. Ende März hatte der russische Tanker »Anatoli Kolodkin« die Seeblockade der USA durchbrochen und trug mit der Lieferung von rund 730.000 Barrel Rohöl zu einer vorübergehenden Entlastung bei. Der Treibstoff reichte jedoch nur für wenige Wochen. Mitte Mai erklärte Kubas Energieminister Vicente de la O Levy, dass das aus Russland gelieferte Öl aufgebraucht und das Stromnetz praktisch ohne Reserven sei.
Große Bedeutung kommt deshalb der Unterstützung aus China zu, das neben 60.000 Tonnen Reis vor allem weitere Solaranlagen lieferte. Das strategische Kalkül dahinter soll Trumps Blockade längerfristig die Wirkung nehmen. Denn durch Photovoltaik erzeugter Solarstrom kann auf der Insel immer produziert werden – egal, wie viele Blockaden von außen verhängt werden. Beijings Botschafter Hua Xin übergab Anfang August in Havanna eine zweite chinesische Spende in Form von 5.000 Photovoltaikanlagen, die ländliche Haushalte, Gesundheitszentren, Notaufnahmen, Kinderheime, Alteneinrichtungen und Bankfilialen in 169 Gemeinden des Landes mit Solarstrom versorgen sollen. Die Übergabe folgte einer ersten Lieferung von ebenfalls 5.000 Anlagen im November 2025, die der staatliche Stromversorger Unión Eléctrica bereits installiert hat.
Mit Chinas Hilfe findet in Kuba derzeit eine Veränderung statt, die sich zu einer der schnellsten Energiewenden weltweit entwickelt hat. Nach Angaben des Datenportals »Exports of Clean Energy from China« stiegen die kubanischen Importe chinesischer Solarmodule im Gesamtwert von 117 Millionen US-Dollar bereits 2025 auf das 34fache gegenüber dem Vorjahr – das ist mehr als in jedem anderen Land der Welt. In den vergangenen zwei Jahren hat Kuba mit chinesischer Ausrüstung, Finanzierung und technischer Unterstützung bereits mindestens 41 mittelgroße und 18 kleinere Solarparks errichtet. In diesem Jahr hat auch die Lieferung von Batteriespeichersystemen zugenommen. Ohne die anhaltende Unterstützung aus Beijing wäre diese beispiellose Expansion unmöglich gewesen. China hat sich zudem verpflichtet, bis 2028 insgesamt 92 mittelgroße Solarparks mit einer Gesamtleistung von rund 2.000 Megawatt zu errichten, was fast der gesamten derzeitigen Stromerzeugungskapazität Kubas aus fossilen Brennstoffen entspricht.
Ob Havanna das ambitionierte Ziel der Energiesouveränität in den nächsten Jahren tatsächlich erreicht, ist ungewiss. Doch wenn China seine Unterstützung im bisherigen Umfang fortsetzt, Kuba das Installationstempo hält und ausreichende Batteriespeicherkapazitäten erreicht, gibt es eine reelle Chance, Trumps Energieblockade einen Teil ihrer Wirkung zu nehmen.
→ No War on Cuba! Ganztägige Protestwache vom 12. bis 19. September vor der US-Botschaft am Brandenburger Tor in Berlin. Infos unter unblock-cuba.org.
Hintergrund: Souveränität erhalten
Trotz der totalen US-Blockade hat am Dienstag für rund 1,5 Millionen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der Unterricht an den Schulen und Hochschulen Kubas begonnen. Eine Woche zuvor hatte das Zentrum für Molekulare Immunologie (CIM) in Havanna mitgeteilt, dass kubanische Wissenschaftler ein eigenes neues Krebstherapiemittel entwickelt haben. Es soll ein wegen der US-Blockade für Krebspatienten auf der Insel nicht verfügbares Medikament ersetzen.
Zwei aktuelle Beispiele, die vom Widerstand gegen den Versuch des Trump-Regimes zeugen, Errungenschaften der Kubanischen Revolution zu zerstören. Gesundheitsversorgung und Bildung für alle waren – neben der Erlangung von Unabhängigkeit und Souveränität – zentrale Ziele, die nach dem Sieg über die von Washington unterstützte Diktatur umgesetzt wurden. Aus einer unterentwickelten US-Kolonie wurde das sozialistische Kuba zu einem souveränen Land, dessen Bildungs- und Gesundheitswesen nicht nur im globalen Süden als Vorbild galten. Weil Kuba damit beweist, dass eine andere Welt möglich ist, ist es seit mehr als 60 Jahren Zielscheibe derjenigen, die ihre gewaltsame imperialistische Vorherrschaft aufrechterhalten wollen.
Mit Beginn des neuen Schuljahres werde das »würdige und nachhaltige« Bildungsangebot für alle weiter gewährleistet – trotz totaler US-Energieblockade, Treibstoffmangel und Stromausfällen, versicherte Bildungsministerin Naima Trujillo. Da die Blockade zu Schwierigkeiten beim Transport von Lehrkräften, der Stoffe für Schuluniformen und der Schulverpflegung führe, werde der Unterricht durch Flexibilität und Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten aufrechterhalten. Als Beispiele nannte sie besondere Unterstützung für Schülerinnen und Schüler, die weiter von der Schule entfernt wohnen, und die Verknüpfung von Präsenzveranstaltungen und Onlineunterricht in der Hochschulausbildung, ein Modell, dass schon zu Zeiten der Coronapandemie erprobt wurde.
Wie mit der Entwicklung eigener Covid-19-Impfstoffe beweisen kubanische Wissenschaftler mit ihrem selbst entwickelten Krebsmedikament 2C12 die anhaltende Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems. Da das vom US-Konzern Merck vermarktete, weltweit umsatzstärkste Mittel nicht nach Kuba geliefert werden darf, gilt das im CIM entwickelte und in der klinischen Testphase befindliche Medikament als Alternative. Seine Wirksamkeit wird derzeit an Patienten mit fortgeschrittenem, operativ nicht mehr zu behandelndem Hautkrebs getestet. Aus eigener Kraft beweist Kuba abermals, dass Widerstand sich lohnt, und straft die Propaganda von einem gescheiterten sozialistischen Staat Lügen. (vh)
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
