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Double Dutch Affair
Von Hinterhöfen über HipHop bis zum Boxen: Der Weg des Seilspringens zum Wettkampfsport
Es gab in meiner Jugend etwas, das als »Gummihupfen« bezeichnet wurde. Zwei Mädchen spannten ein elastisches Band um ihre Beine, und andere Mädchen sprangen in verschiedenen Varianten drüber. Burschen waren nie dabei, in den Alpen war das Leben in den 1980er Jahren streng nach Geschlechtern getrennt, von der Kirche bis zum Schulhof. Es ist hoffentlich nicht mehr so.
Die alpine Geschlechtertrennung war in keiner Hinsicht gerecht. Gummihupfen galt als lächerlicher Zeitvertreib, während der bedeutendste Zeitvertreib der Burschen, nämlich Fußball, als Sport galt. Dabei vollbrachten viele Mädchen beim Gummihupfen bemerkenswerte athletische Leistungen. Sobald das Band von den Knöcheln zu den Knien oder noch höher gewandert war, mussten ansehnliche Höhen übersprungen werden, noch dazu in einer bestimmten Ordnung und, in avancierten Variationen, mit Kunststücken, etwa dem Überkreuzen des Bandes. Insofern ist es kein Wunder, dass es eine Variante des Gummihupfens heute auch als organisierten Sport gibt.
Beim sogenannten Double Dutch werden keine Gummibänder gespannt, sondern zwei Seile verwendet, die so herumgewirbelt werden, dass andere über sie springen können. Angeblich wurde die Aktivität im 17. Jahrhundert aus den Niederlanden in die USA exportiert, daher der Name. Double Dutch erlangte zunächst nicht als Sportart Bedeutung, sondern, genauso wie das Gummihupfen, als Freizeitbeschäftigung. Spätestens in den 1950er Jahren wurde es zu einem ikonischen Bestandteil afroamerikanischer Frauenkultur. Double Dutch ließ sich überall betreiben, es brauchte dafür keine Sportplätze und keine besondere Ausrüstung. Im Notfall wurden Wäscheleinen zu Sprungseilen umfunktioniert.
In den 80er Jahren fand Double Dutch Eingang in die HipHop-Kultur. Der ehemalige Manager der Sex Pistols, Malcolm McLaren, veröffentlichte 1981 den Song »Double Dutch«, der heute womöglich als kulturelle Aneignung gelten würde, doch das dafür gedrehte Musikvideo ist ein bemerkenswertes Zeitdokument. 1983 legte Frankie Smith mit dem funkigen »Double Dutch Bus« nach. Prominente MCs wie KRS-One verwiesen in ihren Songs immer wieder auf Double Dutch.
Das Erbe hält an. Michelle Obama ließ sich als First Lady vor dem Weißen Haus beim Double Dutch ablichten, und Double Dutch war selbstverständlicher Bestandteil einer 2024 von Spike Lee in Brooklyn veranstalteten Block Party, deren Anlass das 35jährige Jubiläum der Premiere seines Films »Do the Right Thing« war. Die »Fusion«-Variante von Double Dutch beinhaltet bis heute HipHop-Musik und Breakdance-Elemente.
New York ist auch die Wiege von Double Dutch als Wettkampfsport. In den 70er Jahren wurde die National Double Dutch League gegründet, der erste offizielle Wettbewerb fand 1974 statt. 2009 wurde Double Dutch in New York ins Sportförderprogramm öffentlicher Schulen aufgenommen. Zu dem Zeitpunkt hatte sich der Sport bereits global verbreitet. Teils dank der HipHop-Kultur, teils dank anderer Formen kulturellen Austauschs. In Deutschland führte der Kaiserslauterer Sportlehrer Wolfgang Westrich Double Dutch in den 80er Jahren ein, nachdem er den Sport bei einem Schüleraustausch mit den USA kennengelernt hatte.
Das Seilspringen als Sport fällt in Deutschland unter die Ägide des Deutschen Turnerbundes. Dieser gab 1994 erstmals eine Broschüre zum Seilspringen heraus. Die Seilsprunggemeinde geht mit der Zeit und spricht von »Rope Skipping«. Double Dutch ist eine ihrer Disziplinen. Auch das klassische Seilspringen, als Aufwärmprogramm großer Boxer legendär, gehört dazu. Beim klassischen Seilspringen sind vor allem Speedwettbewerbe populär. Der Weltrekord für 30 Sekunden liegt bei 111 Sprüngen. Beim »Triple Under« muss das Seil dreimal unter den Füßen hindurch, bevor diese wieder den Boden berühren. Wenn das Seil am Fuß hängenbleibt, ist man raus. Weltrekord: 1.052 Sprünge ohne Unterbrechung.
Auch beim Double Dutch gibt es Speedwettbewerbe, doch aufregender ist der sogenannte Freestyle. Hier werden bis zu drei Minuten lange und von Punktrichtern bewertete Küren zum Besten gegeben, mit Musik und Tricks aller Art. Die Gesamtpunktezahl ergibt sich aus dem Schwierigkeitsgrad und der Durchführung der Tricks sowie dem künstlerischen Eindruck. Dem Eiskunstlauf also nicht unähnlich. Das gilt auch für die Disziplin »Compulsory«, die sich mit der Pflicht im Eiskunstlauf vergleichen lässt und ähnlich langweilig ist.
Nicht zu unterschätzen ist die Rolle der Seilschwinger. Während der Fokus auf den Athleten liegt, die über die Seile springen und mit ihren Tricks glänzen, kann die kleinste Unregelmäßigkeit der kaum beachteten Schwinger die ganze Übung versauen. Eine undankbare Aufgabe.
Seit 2018 gibt es mit der International Jump Rope Union einen internationalen Dachverband für den Seilsprungsport. Er entstand aus dem Zusammenschluss von Verbänden, die zuvor miteinander konkurrierten. Weltmeisterschaften werden jedes zweite Jahr organisiert, die nächsten finden im Sommer 2027 in Norwegen statt. Der europäische Dachverband ist die European Rope Skipping Organisation, die in geraden Jahren Europameisterschaften veranstaltet. Auch diese fanden in diesem Jahr in Norwegen statt, quasi als Generalprobe für die WM.
Dabei ist Norwegen keine führende Seilsprungnation in Europa. Es dominieren Belgien, Ungarn und Dänemark. Deutschland mischt mit. Duos wie die »Twirly Twins« oder die »Springhäschen« erbringen in der Disziplin »Wheel« achtbare Leistungen. Dabei springen zwei Athleten über zwei Seile, von denen sie jeweils ein Ende in einer Hand halten. Klingt kompliziert? Ist es auch. Koordinationsvermögen ist beim Seilspringen Trumpf.
Bei Weltmeisterschaften können die Europäer im Moment nur schwer mithalten. Das gilt allerdings auch für die US‑Amerikaner. Bei der WM 2025 in Japan räumten vor allem die Gastgeber ab. Die Globalisierung macht auch vor dem Seilspringen nicht Halt.
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