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Bergsteigen

Der Kolonialismus klettert mit

Zum Tod des nepalesischen Bergsteigers Nirmal Purja

Foto: IMAGO/NurPhoto
Trauerfeier für verunglückte nepalesische Bergsteiger, darunter Nirmal Purja (mittleres Foto), am 8. August in Katmandu

Der tragische Tod der ehemaligen Weltklassebiathletin Laura Dahlmeier am Laila Peak im pakistanischen Karakorum-Gebirge im Sommer 2025 erregte weit über Deutschlands Grenzen hinaus Aufsehen. Fast auf den Tag genau ein Jahr später ereignete sich nun im Karakorum-Gebirge eine neue Tragödie. Bei einem Lawinenabgang am Broad Peak starben zehn Bergsteiger, darunter kurz nach seinem 43. Geburtstag einer der absoluten Superstars der Szene, der Nepali Nirmal Purja.

Große Namen sorgen für Aufmerksamkeit. Dabei kommen alleine in den Alpen jedes Jahr rund 300 Bergsteiger ums Leben. Die Zahl der Bergsteiger im Hochgebirge hat sich enorm erhöht. Den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest, besteigen heute fast 1.000 Menschen pro Jahr. Im Jahr 2000 waren es noch 100. Besonders umstritten sind Methoden wie die Höhenanpassung zu Hause. Manager in London können in Höhenzelten schlafen, Xenon inhalieren und Blutdoping betreiben, um danach innerhalb von einer Woche den Mount Everest zu besteigen und wieder nach Hause zu fliegen. Einst musste man für ein solches Unternehmen zwei Monate vor Ort sein.

Entscheiden tut das Geld. Eine Mount-Everest-Besteigung kostet zwischen 50.000 und 100.000 Euro, bei einer Höhenanpassung zu Hause legt man bis zu 50.000 Euro drauf. Der Südtiroler Alpinist Reinhold Messner, der als Erster die Gipfel aller 14 Achttausender auf dieser Erde bestieg, meinte 2023 in einem Interview: »Es gibt so viele reiche Leute, denen langweilig ist, und dann sagen sie: Warum soll ich mein Geld auf den Malediven verpulvern, ich gehe mal auf den Everest. Die Leute glauben: Das hat die Sekretärin gemacht, und ich bin der CEO, also muss ich das auch machen. Die werden betreut wie im Kindergarten. Sie müssen sich den ganzen Zauber vorstellen: Der Berg wird in Seile und Ketten gelegt, eine Piste bis zum Gipfel gebaut.«

Auch Influencer lieben das Hochgebirge. Schöne Bilder, extreme Leistungen, Rekordjagden, alles dabei. Allerdings kann das auch zu erhöhter Risikobereitschaft führen. Nirgends ist die Linie zwischen cooler Socke und verantwortungslosem Idioten so dünn wie am Berg.

Dass sich selbst die erfahrensten Bergsteiger irgendwann irren können, ist altbekannt. Im Hochgebirge reicht ein Fehltritt, und alles kann vorbei sein. Nirmal Purjas letzter Eintrag auf Instagram macht nachdenklich: »Eigentlich war der Plan, nur Gasherbrum II zu machen. Aber bevor ich nach Pakistan flog, habe ich mir die Zahlen angeschaut und gesehen: Wenn ich auf dieser Tour den Broad Peak abhake, fehlt mir nur noch der Cho Oyu. Und dann werde ich der erste Mensch sein, der alle Achttausender zweimal ohne Sauerstoff bestiegen hat.« Machte Purja die Sucht nach Rekorden sorglos?

Nirmal Purja war in vielerlei Hinsicht ein Phänomen. Anders als die meisten nepalesischen Bergsteiger gehört er nicht der Volksgruppe der Sherpa an. Bergsteiger wurde er erst mit 29 Jahren, als er bei einer Eliteeinheit der britischen Royal Navy diente. Zuvor diente er sechs Jahre lang in der nepalesischen Gurkha-Einheit der britischen Armee.

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In der Welt der Bergsteiger arbeitete sich Purja mit Mut, Ausdauer und geschickter Selbstvermarktung rasch bis ganz nach oben. 57mal stand er auf dem Gipfel eines Achttausenders, öfter als jeder andere. 2019 bestieg er innerhalb von sechs Monaten und sechs Tagen alle 14 von ihnen. Der vorherige Rekord dafür lag bei acht Jahren. Die Netflix-Dokumentation »14 Gipfel: Nichts ist unmöglich« machte Purja weltbekannt.

Purja symbolisierte wie kein zweiter einen Paradigmenwechsel in der Bergsteigerszene. Nepali wollen keine Diener weißer Helden mehr sein. Sie stellen ihre Leistungen mehr in den Vordergrund. Die Mehrheit der Unternehmen, die Touren im Himalaja anbieten, ist heute in nepalesischer Hand. Purja hatte eine eigene Ausrüstungsfirma und ein eigenes Expeditionsunternehmen. Eine persönliche Everest-Besteigung mit ihm kostete eine Million Euro. 2,3 Millionen Menschen folgten ihm auf Instagram.

Tatsächlich wurden die Sherpa, ohne die im Himalaja gar nichts geht, lange missachtet. So kennen die wenigsten den Namen Tenzing Norgay, obwohl er den Neuseeländer Edmund Hillary, der als Erstbesteiger des Mount Everest gilt, 1953 auf den Gipfel begleitete.

Zur Gänze verschwunden ist das koloniale Erbe freilich nicht. 2023 halbierte die Norwegerin Kristin Harila den Achttausenderrekord von Purja. Sie schaffte aufgrund modernster Logistik alle 14 Gipfel in 92 Tagen. Die wenigsten haben dabei auf dem Schirm, dass Harila von sechs Sherpas begleitet wurde und einer von ihnen, Tenjen Sherpa, neben ihr auf jedem Gipfel stand.

Harila komplettierte ihren Rekord am K2, dem zweithöchsten Berg der Welt, an einem Tag, als dort der pakistanische Höhenträger Mohammad Hassan verstarb. Harila ging, genauso wie fast 70 andere Gipfelstürmer, an dem Mann vorbei, als er noch lebend kopfüber in einem Seil hing. Es gab keinen Versuch, ihn zu retten.

Auch der österreichische Bergsteiger Wilhelm Steindl befand sich an jenem Tag am K2, aber nicht in der Nähe Hassans. Nach dessen Tod sammelte Steindl Geld für Hassans Familie. Der österreichischen Tageszeitung Der Standard zufolge meinte Steindl, »dass alles unternommen worden wäre, wenn er oder ein anderer westlicher Bergsteiger betroffen gewesen wäre, um die verletzte Person aus der Todeszone und vom Berg runterzubringen«.

Bergsteiger, die eine Gipfeljagd abbrechen, um anderen zu helfen, sind heute eine Seltenheit. Dem Österreicher Lukas Wörle wurde ein pakistanischer Orden verliehen, nachdem er 2023 den schwer höhenkranken Träger Murtaza Sadpara am Broad Peak alleine ins Basislager zurückgeschleppt und ihm das Leben gerettet hatte. Sadpara war von seiner Gruppe beim Gipfelaufstieg zurückgelassen worden. Wörle hingegen brach den Aufstieg ab. »Hätte ich nur eine Sekunde darüber nachgedacht, weiterzuklettern, wäre ich vor mir selbst erschrocken«, erklärte er danach.

Über Nirmal Purjas Vermächtnis liegen auch Schatten. 2024 gab es von mehreren Frauen Vorwürfe sexueller Übergriffe. Er wies diese stets zurück. Nicht allen war seine Selbstdarstellung geheuer, auch nicht in Nepal. Sein Tod gibt Anlass, über Kolonialismus, Massentourismus und Ethik am Berg zu reflektieren. Es bleibt viel zu tun.

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.08.2026, Seite 16, Sport

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