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Aus: Ausgabe vom 02.01.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Diese Worte sind mir unvergessen«

Quellenforschung im Weißen Haus: Was Günter Grass, Gerhard Schröder und Franz Beckenbauer an Donald Trump geschrieben haben
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Begehrter Partner: Der scheidende US-Präsident als Klobürste

Anfang November ist im Hamburger Verlag Hoffmann und Campe die Übersetzung der »Trump-Tagebücher« erschienen, herausgegeben von einem Whistleblower, über dessen Identität noch nichts bekannt geworden ist. Das Buch enthält nicht nur private Aufzeichnungen des US-Präsidenten, sondern auch viele Briefe, die er geschrieben oder erhalten hat – unter anderem von John Wayne, Frank Sinatra, Richard Nixon, Henry Kissinger, Andy Warhol, Paul McCartney, Osama bin Laden und Groucho Marx. Und kein einziger dieser Briefe ist schmeichelhaft für Donald Trump.

Inzwischen hat der anonyme Herausgeber weitere Dokumente zur Veröffentlichung freigegeben. Es handelt sich um Briefe von Günter Grass, Gerhard Schröder und Franz Beckenbauer an Trump. Wir dokumentieren sie im Folgenden. (jW)

Im April 2011 setzte Grass sich mit Trump in Verbindung, um ihn von den Vorzügen der Sozialdemokratie zu überzeugen. Die Mühe, den Brief in englischer Sprache zu verfassen, machte Grass sich nicht, und es ist ungewiss, ob Trump sich seinerseits die Mühe machte, die Zeilen des Literaturnobelpreisträgers zu lesen.

Lieber Herr Trump,

gewiß, Sie kennen mich nicht, und es wird Sie vielleicht irritieren, daß ich Sie in meiner Muttersprache anrede. Man hat mir zwar den Nobelpreis für Literatur verliehen, aber des Englischen bin ich nur mäßig mächtig, und da Ihr Land das meine besiegt hat, in einem ungleichen Kampf, als dessen Resultat noch heute manche späte Wunde blutet, nehme ich es als gegeben an, daß Ihr Büro keine Probleme damit haben wird, meinen Brief in die Ihnen qua Geburt gemäße Sprache zu übersetzen.

Als Deutscher beobachte ich das politische Geschehen in Ihrem Land sehr genau, und es ist mir nicht entgangen, daß Sie für die Interessen des Kapitals in Amerika eintreten und ein hohes, wenn nicht gar das höchste Staatsamt anstreben. Dies sei Ihnen gegönnt. Als Sozialdemokrat möchte ich Sie jedoch darauf hinweisen, daß ein Interessenausgleich zwischen der Arbeitnehmerschaft und dem Unternehmertum langfristig die bessere Option ist als das knallharte Kalkül des Cash-as-Cash-can, wie wir es schon allzu oft erlebt haben.

Ich spreche hier als Europäer, dessen Worte in der Vergangenheit nicht unbeachtet geblieben sind. Staatsmänner wie Gustav Heinemann, Willy Brandt, Björn Engholm und Gerhard Schröder haben sich von mir beraten lassen, im Vertrauen auf einen Sachverstand, der sich nur jenseits der politischen Arena bilden kann.

Als Schriftsteller stehe ich in Verbindung mit vielen Kollegen von Weltruf, und sie alle stärken mich in der Ansicht, an die Herrschenden zu appellieren: Werdet klug! Beendet das Gegeneinander! Macht Schluß mit dem Profit um jeden Preis!

Sie werden sich nun vielleicht fragen, wie ausgerechnet ich dazu komme, Sie anzuschreiben. Lassen Sie mich Ihnen dazu eine kleine Geschichte erzählen. Als ich im Bundestagswahlkampf 1965 in Duisburg einmal mit dem sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten Erhard Eppler zusammentraf, ermutigte er mich dazu, mich noch entschiedener einzumischen. Wörtlich sagte er: »Die Demokratie braucht kritische Köpfe, die sich über das Lagerdenken hinwegzusetzen vermögen.«

Diese Worte sind mir unvergessen. Ich habe seither keine Konfrontation gescheut und den vermeintlich Mächtigen dieser Welt mehr als einmal mein Nein vor die Schwelle gelegt, wenn sie, wie ich meinte, den Boden unserer Grundwerte zu verlassen schienen oder ihn gar mit jenen Füßen traten, in deren Marschtritt das Echo einer unheilschwangeren Vergangenheit nachklingt.

Bedenken Sie also bitte, daß hier ein zwar vielfach angefeindetes Individuum, aber zugleich ein Bürger Europas spricht, der viele Menschen gleichen Geistes hinter sich weiß und mit Sorge darauf sieht, wohin der Erdball treibt, auf dem wir alle unser Auskommen zu finden hoffen und den wir unseren Nachkommen so fruchtbringend vererben wollen, wie er uns selbst einst geschenkt worden ist.

Ich lege diesem Brief mein Buch »Aus dem Tagebuch einer Schnecke« bei. Es handelt sich um eine Sammlung politischer Skizzen und Randbeobachtungen, die Ihnen vielleicht helfen werden, sich neu zu orientieren und die eine oder andere vorgefaßte Meinung zu hinterfragen.

Lassen Sie uns, über alle politischen Gräben hinweg, im Gespräch bleiben. Meine Tür steht Ihnen offen.

Es grüßt Sie

Ihr

Günter Grass

Fünfeinhalb Jahre später beglückwünschte der Altbundeskanzler Gerhard Schröder den President-elect Trump zum Wahlsieg. In deutscher Übersetzung lautet Schröders Brief:

Sehr geehrter Herr Trump!

Zu Ihrem Wahlerfolg möchte ich Ihnen von Herzen gratulieren. Als alter Sozialdemokrat kann ich Ihrer politischen Agenda zwar nicht in sämtlichen Punkten zustimmen, aber ich glaube, dass Ihr Erfolg für sich selbst spricht. Sie haben sich ihn hart erarbeitet und ihn daher letztlich auch verdient.

Ich schreibe Ihnen heute aber noch aus einem anderen Grund. Wie Sie sicherlich wissen, gehöre ich zu den Fürsprechern einer Politik des Miteinanders der Zivilgesellschaften in Ost und West. Ein Schwerpunkt meines Engagements liegt dabei auf einer engen Kooperation zwischen der westlichen Welt und der Russischen Föderation. Ich glaube, dass es politisch und auch wirtschaftlich in unser aller Interesse wäre, zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zu finden.

Ich kenne den russischen Präsidenten Wladimir Putin aus vielen persönlichen Begegnungen und Gesprächen. Er entspricht nicht dem Feindbild, das man vielfach von ihm zeichnet. Ich halte ihn für einen verlässlichen Partner, der für dieselben Werte eintritt wie wir und sich rückhaltlos für eine Zukunft einsetzt, von der wir alle profitieren werden.

Deshalb möchte ich Ihnen raten: Gehen Sie auf Putin zu und ergreifen Sie seine Hand! Damit wäre uns allen gedient – nicht zuletzt auch den Vereinigten Staaten. Wenn Sie es wünschen sollten, stehe ich Ihnen im Vorfeld eines Treffens mit Putin sehr gern beratend zur Seite.

Lassen Sie es mich wissen, wenn ich Ihr Interesse wachgerufen haben sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Gerhard Schröder

Man sieht, dass Schröder intensiv darum bemüht war, hier das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, also seine eigenen Geschäftsinteressen mit dem Geist der Entspannung. Ob Trump etwas darauf geantwortet hat, ist zur Stunde noch unklar.

Kurz darauf, im Frühjahr 2017, steckte der ehemalige deutsche Fußballstar und -funktionär Franz Beckenbauer tief in der Bredouille, nachdem sich herausgestellt hatte, dass bei der Organisation der Fußballweltmeisterschaft 2006 Schmiergelder in Millionenhöhe geflossen waren. Beckenbauer sah sich neuen Korruptionsvorwürfen ausgesetzt und richtete damals große Hoffnungen auf den neuen US-Präsidenten Trump. Auch Beckenbauers Brief geben wir hier sowohl als Faksimile als auch in deutscher Übersetzung wieder:

Sehr geehrter Herr Präsident,

lassen Sie mich Ihnen zunächst zu Ihrem überwältigenden Wahlerfolg gratulieren. Es beruhigt mich, dass das wichtigste politische Amt der Welt jetzt von einem Mann versehen wird, der sein Handwerk versteht.

Wir sind einander in New York einmal auf einer Geburtstagsfeier von Rudolf Nurejew begegnet. Da ich nicht weiß, ob Sie sich noch an mich erinnern, möchte ich Ihr Gedächtnis kurz auffrischen.

Ich habe mit der deutschen Nationalmannschaft als deren Kapitän 1974 die WM gewonnen, mit dem FC Bayern München, Cosmos New York und dem Hamburger SV als Spieler viele Siege errungen und bin später ein erfolgreicher Trainer geworden. Hier sollte ich wohl auch den Triumph bei der Fußball-WM 1990 erwähnen.

In Deutschland bin ich viermal zum Fußballer des Jahres gewählt worden, und man hat mir den den Beinamen »Der Kaiser« verliehen. Außerdem bin ich Ehrenspielführer der deutschen Fußballnationalmannschaft und Träger zahlreicher Auszeichnungen. Ich nenne hier nur den FIFA-Verdienstorden, den FIFA Presidential Award, die Ehrennadel der FIFA, das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, den Goldenen Ehrenring der Stadt München, den bronzenen und den silbernen Bravo-Otto sowie den Bambi in der Kategorie »Millennium Bambi«.

Trotzdem – oder vielleicht gerade auch deswegen – machen mir viele Neider das Leben schwer. Man wirft mir Knüppel zwischen die Beine und versucht, mir ein Fehlverhalten in meiner Eigenschaft als Botschafter des Fußballs nachzuweisen, obwohl ich wahrscheinlich mehr als jeder andere Europäer für den Sportsgeist getan habe. Aktuell droht mir sogar eine Haftstrafe.

Kurzum: Ich möchte Sie fragen, ob Sie, sehr geehrter Herr Präsident, mir in den USA politisches Asyl gewähren können.

Da ich nicht weiß, ob mein Telefon und mein E-Mail-Konto von den Finanzbehörden überwacht werden, habe ich ganz bewusst nur meine Privatdresse angegeben.

Ich hoffe, bald von Ihnen zu hören.

Hochachtungsvoll

Ihr

Franz Beckenbauer

Aus dem Asyl in den USA ist bekanntlich nichts geworden. Stellungnahmen zu diesen Briefdokumenten liegen bislang weder von Beckenbauer noch von Schröder vor, und auch die Günter-Grass-Stiftung in Bremen hat sich noch nicht geäußert.

Wenn wir Glück haben, wird der Anonymus auch künftig Quellenarbeit in Trumps Privatarchiv betreiben.

Anonymus: Die Trump-Tagebücher. Aus dem Englischen von Susanne Mönnigsen, Hoffmann und Campe, Hamburg 2020, 205 Seiten, 22 Euro

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