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Sportpolitik

Die Quittung

Der neue Präsident des Internationalen Skiverbandes FIS heißt Alexander Ospelt, der bisherige Amtsinhaber Johan Eliasch verlor die Wahl denkbar knapp

Foto: REUTERS/Borut Zivulovic
Eine Frage der Perspektive: Endlich aufwärts oder weiter abwärts?

Am 11. Juni dieses Jahres wurde beim Kongress des Internationalen Skiverbandes FIS in Belgrad ein neuer Präsident gewählt. Medial ging dies fast völlig unter, schließlich wurde am selben Tag die Fußball-WM eröffnet, und wen kümmert im Sommer schon der Wintersport? Doch angesichts der gegenwärtigen Kritik an Gianni Infantino, dem Präsidenten des Internationalen Fußballverbandes FIFA, gewinnt die Änderung an der Spitze der FIS neue Aktualität.

FIFA und FIS haben einiges gemeinsam. Beide haben ihren Sitz in der Schweiz, wo sie als gemeinnützige Vereine registriert sind. Genauso wie Infantino war der FIS-Präsident der letzten Amtsperiode, der 64jährige Johan Eliasch, ein Verfechter schonungsloser Kommerzialisierung und autokratischer Führung. Doch bei der Abstimmung um eine weitere Amtszeit verlor er in Belgrad denkbar knapp mit 64 zu 65 Stimmen gegen seinen Herausforderer, den 58jährigen Rechtsanwalt Alexander Ospelt aus Liechtenstein.

Moralisch dreist

Eine Chronologie der Ereignisse:

Im Sommer 2021 kommt es beim FIS-Kongress zu einer außerordentlichen Wahl des Präsidenten, da der Schweizer Gian Franco Kasper sein Amt aus Gesundheitsgründen zurücklegt. In der Regel wird der Präsident der FIS alle vier Jahre gewählt. Kasper war 23 Jahre im Amt, sein Vorgänger und Landsmann Marc Hodler ganze 47 Jahre.

Kaspers Nachfolger wird Johan Eliasch. Der schwedisch-britische Unternehmer und Multimillionär hat keinerlei Qualifikationen im Skisport, doch er ist Geschäftsführer einer der weltweit größten Skifirmen. Die Wahl zum FIS-Präsidenten gewinnt er mit dem Versprechen, als erfolgreicher Unternehmer der FIS höhere Einnahmen zu bescheren. Seine aufwendige Werbekampagne wird von Skistars unterstützt, die bei seiner Firma unter Vertrag stehen, darunter der mehrfache Olympiasieger und Weltmeister Aksel Lund Svindal aus Norwegen und die Skilegende Lindsey Vonn aus den USA.

Doch schon bald kommt es zu ersten Reibereien zwischen Eliasch und den großen Skisportverbänden aus Österreich und der Schweiz. Es geht vor allem um die Vermarktung der Weltcuprennen. Eliasch will die Vermarktung zentralisieren, obwohl sie traditionell in den Händen der nationalen Skiverbände liegt. Der FIS-Präsident bedient sich eines klassischen Arguments: Bei einer zentralen Vermarktung würden sich die Einnahmen gerechter auf alle Mitgliedsländer der FIS verteilen lassen. Profitgier getarnt als demokratisches Projekt. Dass ein beträchtlicher Teil der Fördergelder, die nationalen Skiverbänden zukommen, in den Taschen korrupter Funktionäre versickert, tut nichts zur Sache.

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Beim FIS-Kongress 2022 wird Eliasch im Amt bestätigt, doch 47 von 117 Delegierten verlassen vor der Wahl aus Protest den Saal. Eliasch stört das nicht. Die FIS verkündet danach, er sei mit 100 Prozent der abgegebenen Stimmen wiedergewählt worden. Technisch richtig, moralisch dreist.

Reichtum findet Wege

Als nun vier Jahre später die nächste Präsidentschaftswahl anstand, wurde die Luft für Eliasch dünn. Einflussreiche Athleten, darunter die Gesamtweltcupsieger bei den Alpinen, Marco Odermatt und Mikaela Shiffrin, warfen ihm mangelnde Transparenz vor und stellten sich gegen ihn. Sowohl der schwedische als auch der britische Skiverband weigerten sich, Eliasch ein weiteres Mal als Präsidenten zu nominieren. Doch reiche Menschen finden Auswege. Eliasch wurde im Handumdrehen Staatsbürger Georgiens und vom dortigen Skiverband nominiert.

Wie Infantino baute Eliasch im wesentlichen auf die Unterstützung kleiner Verbände. Er hatte es jedoch etwas schwerer, als es Infantino in der FIFA hat. In der FIFA haben alle Mitgliedsländer genau eine Stimme, die von Brasilien zählt genauso viel wie die von Andorra. In der FIS kommen auf die nationalen Verbände, je nach Größe, ein bis drei Stimmen.

Ursprünglich hatte Eliasch vier Gegenkandidaten, doch als sich Alexander Ospelt als der aussichtsreichste von ihnen etablierte, zogen die anderen zurück. Diego Züger, Geschäftsführer des Schweizerischen Skiverbandes, nahm in der Neuen Zürcher Zeitung kein Blatt vor den Mund: »Das gemeinsame Ziel ist es, sich hinter der aussichtsreichsten Kandidatur zu vereinen und Eliasch aus dem Amt zu drängen.«

Dass dies letztlich nur mit einer hauchdünnen Mehrheit gelang, bestätigt, dass Eliasch die Mehrheit der nationalen Verbände weiter hinter sich vereinen konnte. Es waren einzig die Verbände der großen Skisportländer – von Kanada über Deutschland bis Norwegen –, die ihn aus dem Amt hievten. Beim Deutschen Ski-Verband (DSV) zeigte man sich erfreut. »Dieser jahrelange Alptraum ist vorbei«, kommentierte Stefan Schwarzbach, Geschäftsführer der Marketingabteilung.

Man darf sich freilich keinen Illusionen hingeben. Die Zielsetzungen der nationalen Skiverbände unterscheiden sich nicht wesentlich von denen ­Eliaschs: Es geht ums Geld. Die Frage ist nur, wie man am besten an dieses kommt und wie es verteilt wird. Der Zickzackkurs des ehemaligen Schweizer Skiverbandspräsidenten Urs Lehmann ist dafür symptomatisch: 2021 war er einer der Kandidaten für das Präsidentschaftsamt der FIS, die gegen Eliasch den Kürzeren zogen. 2023 holte Eliasch ihn als Geschäftsführer der FIS mit ins Boot, nachdem die FIS einen lukrativen Marketingvertrag mit einem Schweizer Unternehmen abgeschlossen hatte. Eine Woche vor dem diesjährigen Kongress legte Lehmann dieses Amt dann wieder zurück – wohl in Vorahnung des Wahlresultates.

Manche gehen zu weit

Zwischen der FIFA und dem europäischen Dachverband UEFA verhält es sich ähnlich: Es handelt sich nicht um einen Kampf von Gut gegen Böse, Sport gegen Kommerz, Integrität gegen Korruption. Es handelt sich um einen Kampf verschiedener Kapitalfraktionen um Einfluss, Macht und Gewinn.

Aber ja: Manche treiben den Machtmissbrauch, die Korruption und die Gier besonders weit. Es mag Vorteile bringen, diese Menschen zu stoppen. Die FIS hat der FIFA gezeigt, wie es geht: Man muss sich auf einen Gegenkandidaten einigen und gezielte Lobby­arbeit unter jenen Verbänden betreiben, auf deren Stimmen es ankommt. Ist man damit erfolgreich, geht das alte Spiel wahrscheinlich von vorne los, aber wenigstens gibt es eine neue Chance.

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.08.2026, Seite 16, Sport

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