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Der Propaganda trotzen
Tausende verweigern den Kriegsdienst, ein paar hundert aber widerrufen. Derweil findet die Bundeswehr nicht genügend Freiwillige für die »Litauen-Brigade«
Es muss wahrlich schlecht um die Kriegsbereitschaft stehen, wenn selbst solche Zahlen zu Erfolgsmeldungen aufgebauscht werden: Ganze 402 Kriegsdienstverweigerer haben im ersten Halbjahr 2026 ihre Entscheidung zur Verweigerung widerrufen. Das berichtete am Montag das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) unter Berufung auf das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA). Demnach seien 2023 dort 536 entsprechende Verzichtserklärungen eingegangen, 2024 seien es 626 gewesen, im vergangenen Jahr 781. Bis zum Ende des Jahres rechnet das Amt noch mit einer weiteren Zunahme. Selbst wenn man davon ausgeht, dass im zweiten Halbjahr noch einmal genau so viele Verweigerungen widerrufen werden wie in den ersten sechs Monaten, wären das auch gerademal rund 800 Personen.
Dazu kommt, dass es sich dabei schwerlich um die von der Bundeswehr anvisierte Zielgruppe handelt. Das RND führte in seinem Bericht von Montag zwei Gewährsleute an, wohl um die nötige propagandistische Begleitmusik liefern zu können, ohne selbst Stellung zu beziehen. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Janosch Dahmen, Jahrgang 1981, habe seine Verweigerung zurückgezogen und sich als Reservist gemeldet – wegen »Putin«. Es könne »nicht nur die Aufgabe der anderen sein, unser schützenswertes Land und unsere freie, liberale Gesellschaft zu verteidigen, wenn sie von ihren Feinden angegriffen wird«, hatte Dahmen Mitte Juli dem Spiegel erklärt. Was genau »schützenswert« sein soll in diesem Lande, wurde nicht näher erläutert.
Ebenfalls dürftig waren die »Argumente« der zweiten genannten Person, des Autors und einstigen Bertelsmann-Managers Stephan Anpalagan, Jahrgang 1984. Das RND zitiert aus einem Interview, das Anpalagan vor rund einer Woche der katholischen Nachrichtenplattform aus.sicht gegeben hatte, wohl um sein neues Buch mit dem Titel »Für den Frieden – Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung« zu bewerben. In dem Gespräch finden sich Sätze wie dieser: »Wenn es einen Völkermord gibt, kommen wir irgendwann mit Reden nicht mehr weiter. Dann braucht es eine militärische Antwort.« Damit meint Anpalagan nicht etwa eine militärische Intervention gegen Israel, um endlich das Morden in Palästina zu stoppen, sondern – wie kann es anders sein – Russlands »Angriffskrieg gegen die Ukraine«.
Zudem sei sein Vater dement, weshalb er sich gefragt habe: »Was passiert dann mit all den Menschen, die nicht fliehen können, mit den Alten und Kranken – und mit meinem Vater?« Es müsse Menschen geben, die sie verteidigen. So sei sein Wunsch gewachsen, »für Frieden zu kämpfen«. Und weiter: »Pazifismus kann nicht bedeuten, dass wir einem Volk wie der Ukraine, das angegriffen wird, nicht beistehen. Denn zum Kern des Christentums gehören Solidarität, Empathie und Nächstenliebe.« Waffenlieferungen an ukrainische Nazibataillone sind mit dem Christentum offenbar nicht unvereinbar.
Vergangene Woche noch hatte das RND unter Berufung auf das BAFzA berichtet, dass die Anzahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung in den vergangenen Jahren stark gestiegen sei: von rund 3.000 im Jahre 2024 auf fast 6.000 allein im ersten Halbjahr 2026. Der Welt am Sonntag konnte man zudem entnehmen, dass die Bundeswehr nicht einmal 5.000 Freiwillige für die »Ostflanke« findet – noch immer fehlen rund 2.000 Soldaten für den Aufbau der »Litauen-Brigade«, ein Leuchtturmprojekt von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Manche Einheiten würden weniger als 30 Prozent ihres vorgesehenen Personalumfangs erreichen, zahlreiche weitere weniger als 50 Prozent. Und von 6.000 Dienstposten beim sogenannten Heimatschutz sind laut RND von vergangener Woche rund 1.000 nach wie vor nicht besetzt. Dabei soll die im April 2025 aufgestellte »Heimatschutzdivision« ihrem Kommandeur Andreas Henne zufolge »bis 2035 auf weit über 10.000 Soldaten wachsen«, wie es am Montag hieß.
Der Unwille, in einem künftigen Krieg gegen Russland die Schützengräben (und Massengräber) zu füllen, scheint in der Bevölkerung also nach wie vor stärker ausgeprägt zu sein als die Bereitschaft dazu – trotz propagandistischer Dauerbearbeitung.
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