Zum Inhalt der Seite
Personalmangel bei der Bundeswehr

Wehrunwille wächst

Steiler Anstieg: Fast 6.000 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung allein im ersten Halbjahr 2026

Foto: Pia Bayer/dpa
Mit bisher drei Schulstreiks haben Zehntausende Jugendliche gegen die Wehrpflicht protestiert (Bamberg, 5.3.2026)

Eigentlich hatte das Verteidigungsministerium die Anzahl von Anträgen auf Kriegsdienstverweigerung zur Verschlusssache erklärt. Dennoch hat das dem Familienministerium unterstellte Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am Dienstag aktuelle Zahlen mitgeteilt. Demnach ist die Anzahl der Anträge auf Verweigerung »steil« angestiegen. Bereits 5.862 Anträge seien allein im ersten Halbjahr 2026 beim Bundesamt eingegangen – eine deutliche Zunahme im Vergleich zum vergangenen Jahr. So hatten im gesamten Jahr 2025 noch 3.867 Menschen einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt, 2024 waren es 2.998. Laut RND waren 2011, als die Wehrpflicht ausgesetzt wurde, 4.348 entsprechende Anträge gestellt worden.

Es scheint, als habe jemand im Bundesamt für Familie das Memo nicht bekommen, oder aber die neuerliche Veröffentlichung der Zahlen ist eine Abkehr von der zuletzt geübten Regierungspraxis, keine genaueren Angaben mehr zu Kriegsdienstverweigerern zu machen.

Noch Anfang Juni hatten mehrere Linkspartei-Politiker um die Abgeordneten Desiree Becker, Gökay Akbulut und Janina Böttger von der Bundesregierung Auskunft zur Umsetzung des »Wehrdienstmodernisierungsgesetzes« verlangt und unter anderem gefragt, wie viele Verweigerungsanträge in diesem Jahr schon gestellt wurden. Doch die Regierung drückte sich um eine Antwort in öffentlicher Form und verwies auf das »Staatswohl«. Denn »Unbefugte« könnten aus den Zahlen »vermeintliche Rückschlüsse auf die Aufwuchsfähigkeit und die Personalbedarfsplanung der Bundeswehr« ziehen. Kriegsgegner wie die DFG-VK hatten die staatliche Geheimniskrämerei scharf kritisiert.

Anzeige

Die Bundesregierung plant, die deutsche Armee zur stärksten nichtatomar bewaffneten Streitkraft des ­europäischen Kontinents hochzurüsten. Dafür fließen nicht nur Milliardensummen in neues Kriegsgerät, auch Zehntausende neue Soldaten sollen angeworben werden. Als Zielgröße werden immer wieder rund 270.000 aktive und mindestens 200.000 Reservesoldaten genannt, auch wenn Militärs wie der ehemalige Heeresinspekteur, Generalleutnant a. D. Alfons Mais, bereits erhebliche Zweifel äußerten und von einem deutlich höheren Personalbedarf von bis 800.000 Soldaten ausgehen. So legte Mais Anfang Juni in einem Interview mit dem Nachrichtenportal ­Defence Network dar, dass allein die Teilstreitkraft Heer »100.000 zusätzliche aktive Soldaten und 200.000 Reservisten zusätzlich braucht«. Er sei sich »absolut sicher, dass die Zahl irgendwo bei 700 bis 800.000 liegt. Dann muss man sich darüber unterhalten, wie viel davon sind aktiv und wie viel davon müssen aus der Reserve kommen.«

Doch bisher sieht es so aus, als könnte die Bundeswehr noch nicht einmal die Anzahl von 460.000 aktiven Soldaten und Reservisten ohne Zwangsdienst an der Waffe erreichen. Im Gespräch mit Spingers Welt (Dienstagsausgabe) berichtete der Wehrbeauftragte Henning Otte (CDU) von kuriosen Beschwerden. So hätten sich Berufssoldaten bei ihm darüber beklagt, »dass sie ihre Stuben für erwartete Freiwillige räumen mussten, die dann gar nicht in der prognostizierten Zahl kamen«.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 15.07.2026, Seite 4, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!