Unter Aufsicht gesprengt
Widersprüche und offene Fragen: Georg Tidl untersucht die Sprengung der Ostseepipelines und die Interessen der verschiedenen Akteure
Am 7. Februar 2022 erklärte US-Präsident Joe Biden in Washington im Beisein von Bundeskanzler Olaf Scholz: »Wenn Russland einmarschiert, das heißt, wenn Panzer und Truppen wieder die Grenze zur Ukraine überschreiten, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben. Dann setzen wir dem ein Ende.« Scholz sagte dazu nichts. Wenige Wochen später begann der Krieg in der Ukraine, der seit mittlerweile über vier Jahren andauert. In der Nacht zum 26. September 2022 kam es in der Ostsee in der Nähe der dänischen Insel Bornholm zu vier Explosionen, bei denen drei der vier Röhren der Nord-Stream-Pipelines beschädigt und außer Betrieb gesetzt wurden.
Kürzlich erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen einen mutmaßlich beteiligten Ukrainer, der im Auftrag staatlicher Stellen seines Landes gehandelt haben soll. Darüber hinaus kursieren verschiedene Theorien, jedoch kaum wirklich belastbare Informationen zu den Hintergründen. Die deutsche Regierung verschanzt sich hinter dem Hinweis, Auskünfte würden das »Staatswohl« gefährden. Für Georg Tidl belegt diese Formel, »dass befreundete Staaten oder Geheimdienste kompromittiert werden könnten«.
Der österreichische Journalist und Historiker, der als ORF-Redakteur durch seine Recherchen zu Kurt Waldheim bekannt wurde, zeichnet in seinem Buch nach, wie in ersten Reaktionen in westlichen Medien zunächst Russland für die Sprengungen verantwortlich gemacht wurde und später, als sich diese Erzählung als nicht vermittelbar erwies, die Segelyacht »Andromeda« mitsamt einer kleinen ukrainischen Kommandogruppe in den Fokus trat. Die Stärke des schmalen, aber durchaus materialreichen Buchs liegt darin, in konzentrierter Form die zahlreichen Widersprüche, offenen Fragen und politischen Interessen hinter den konkurrierenden Erzählungen herauszuarbeiten.
Besonders überzeugend ist es dort, wo es einzelne Aspekte der Geschichte um die »Andromeda« einer Plausibilitätsprüfung unterzieht. Tidl trägt Aussagen von Fachleuten zusammen, die Zweifel erhärten, ob mit einer 15-Meter-Yacht eine so komplexe Operation überhaupt hätte durchgeführt werden können. Allein schon das Gewicht an Ausrüstung und Sprengstoff, das die Yacht dafür hätte transportieren müssen, sei zu hoch. Dazu komme, dass die Orte der Sprengungen 76 Kilometer auseinanderlägen. Allenfalls eine der vier Explosionen könne das Team der »Andromeda« herbeigeführt haben. Dann sei aber immer noch nicht die Frage geklärt, wie ein derartiges Unternehmen in einem der am stärksten überwachten Seegebiete der Welt unbemerkt hätte stattfinden können.
Tidl verweist darauf, dass der Bereich um die Anschlagsorte unter ständiger Beobachtung der NATO und der deutschen Marine gestanden habe. Vor den Sprengungen fanden in diesem Seegebiet Übungen von NATO-Kriegsschiffen statt, bei denen auch die Verlegung von Minen am Meeresgrund trainiert wurde. Waren diese Übungen eine »raffinierte Tarnung«? Es würden »Nebelgranaten verschossen«, konstatiert der Autor. Mitunter verlässt die Argumentation den Boden belastbarer Analyse, etwa wenn Tidl Spekulationen über thermonukleare Sprengsätze und einen angeblichen Schockwellenangriff auf Kaliningrad wiedergibt. Zudem bremsen gesellschaftspolitische und historische Exkurse die ansonsten schlüssige Darstellung hier und da aus. Andere inzwischen erschienene Bücher zum Anschlag finden keine Erwähnung – eine Einordnung der verschiedenen Deutungen wäre aber gerade bei einem derart umstrittenen Thema wünschenswert gewesen.
Breiten Raum nimmt die Frage nach den Interessen im Zusammenhang mit dem Anschlag ein. Unabhängig von der Täterschaft sind für Tidl die USA und Polen wirtschaftliche Profiteure. »Wir sind jetzt der führende Lieferant von Flüssigerdgas für Europa«, triumphierte der damalige US-Außenminister Antony Blinken. Im Juli 2025 kündigten EU und USA Energieimporte aus den USA im Wert von rund 750 Milliarden US-Dollar bis 2028 an. Mit Nord Stream 2 wäre die Bundesrepublik zur Drehscheibe der Gasversorgung Europas geworden. Polen plante dagegen gemeinsam mit den USA, den zentraleuropäischen Gasmarkt neu aufzuteilen und das deutsche Transfergeschäft zu übernehmen – ein Vorhaben, das durch den Wegfall von Nord Stream eindeutig vorangekommen ist. Bei der Einweihung der »Baltic Pipe« erklärte der polnische Ministerpräsident Morawiecki am Tag nach dem Anschlag das »Ende der Ära der Abhängigkeit von russischem Gas«. Polnische Politiker feiern den Anschlag. Politiker und Juristen diesseits und jenseits der deutsch-polnischen Grenze würden sich »drehen und wenden«.
Tidls Resümee lautet, der 26. September 2022 sei ein »Wendepunkt für Deutschland« gewesen. Wirtschaftlich, politisch und kulturell sei »Europa zu einem Endpunkt gekommen«. Ob die Sprengung tatsächlich eine »alte Weltordnung« zerstört hat oder doch nur die Verschiebungen einer längst brüchigen Ordnung sichtbar machte, wäre zu diskutieren. Die Forderung nach vollständiger Aufklärung bleibt berechtigt. In dieser Hinsicht ist das Buch eine lesenswerte Intervention.
→ Georg Tidl: Nord Stream. Die Sprengung der alten Weltordnung. Das Neue Berlin, Berlin 2026, 112 Seiten, 14 Euro
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
