Kolonien, Konzerne, KZ
Essays eines italienischen Antifaschisten zu deutschem Faschismus und europäischem Widerstand
In Italien betreibt nicht erst die Regierung von Giorgia Meloni eine Geschichtspolitik, die den Faschismus verharmlost und antifaschistische Traditionen zurückdrängen will. Einen vom Staat geförderten historischen Revisionismus gibt es spätestens seit der ersten Berlusconi-Regierung in den 90er Jahren. Vielleicht erklärt das die Resonanz auf das Buch des italienischen Antifaschisten Guido Lorenzetti. Selbst die konservative Tageszeitung Corriere della Sera bescheinigte dem Band, auch jenen Neues zu vermitteln, die glauben, bereits alles über den Nazismus zu wissen.
Lorenzetti, Jahrgang 1938, engagiert sich in der Erinnerungsarbeit der italienischen Vereinigung der in die Nazilager Deportierten (ANED). Seine Essays entstanden ursprünglich für die ANED-Zeitschrift Triangolo Rosso und wurden 2024 für italienische Leser als Buch veröffentlicht. Lorenzetti widmet sich darin »einigen Protagonisten wenig bekannter Geschichten«, wie er in seiner Einführung schreibt – sowohl Henkern als auch antifaschistischen Helden, wobei er mehr an den europäischen als an den italienischen Widerstand erinnern möchte. Dass die meisten Beiträge des Bandes Themen behandeln, die Deutschland betreffen, macht ihn auch für eine deutsche Leserschaft interessant und die Übersetzung lohnend.
Die stärksten Kapitel handeln von Kontinuitäten: Deportationen, Konzentrationslager, Zwangsarbeit und medizinische Menschenversuche als Elemente des imperialistischen Kolonialismus erscheinen als Vorläufer der Verbrechen des »Dritten Reichs«. Die Rede vom »Lebensraum«, ein Kernbestandteil der Naziideologie, war bereits Jahrzehnte zuvor in kolonialen Debatten präsent. Den Völkermord an den Herero sieht Lorenzetti als »Training für die Konzentrationslager der Nazis; dieselben Nachnamen der Protagonisten, identische Methoden« – bekanntlich ging sogar die braune Kleidung der SA auf einen Restbestand an Uniformen der kolonialen »Schutztruppe« zurück.
Ein Beitrag zeichnet nach, wie intensiv sich NS-Juristen mit der rassistischen Gesetzgebung der Vereinigten Staaten beschäftigten. Die Entrechtung von Schwarzen und die Kriminalisierung sogenannter Mischehen dienten ihnen als Vorbilder. Dass einzelne US-Regelungen selbst den Verfassern der Nürnberger Gesetze als übermäßig hart erschienen, gehört zu jenen geschichtlichen Details, die geeignet sind, festgefügte Geschichtsbilder zu erschüttern.
Gegen die durch den Hollywoodfilm »Schindlers Liste« geprägte Vorstellung vom humanen Unternehmer erinnert Lorenzetti daran, dass die allermeisten Industriellen nicht Retter, sondern Profiteure waren. Bereits vor 1933 unterstützten führende Unternehmer die Nazis finanziell: »Keiner dieser Herren ähnelte Schindler. Es gab auch ein Wettrennen um Aufträge deutscher Unternehmen zum Bau der Gaskammern und Krematorien.« Konzerne wie IG Farben, Krupp, Siemens oder Daimler-Benz gehörten zu den wirtschaftlichen Stützen des NS-Regimes: »In der Nähe jedes Konzentrationslagers befand sich immer mindestens eine Fabrik, ein Steinbruch oder eine Mine.«
Dass viele Verantwortliche und Profiteure nach 1945 glimpflich oder völlig ungeschoren davonkamen, gehört zu den wiederkehrenden Motiven des Buches. Ob der Eugeniker Eugen Fischer, dessen Verbrechen in Deutsch-Südwestafrika spätere Rassentheorien beeinflussten, oder Industrielle wie Hugo Boss, die von Sklavenarbeit profitierten: Zahlreiche Täter wurden nach 1945 mit Nachsicht behandelt.
Daneben erzählt der Band von Menschen, die Widerstand leisteten. Er erinnert an die Rettung dänischer Juden, an ein weitgehend unbekanntes jüdisches Spezialkommando innerhalb der britischen Armee, an antifaschistische Geistliche im KZ Dachau oder an jene, die versuchten, die Alliierten frühzeitig über die Massenvernichtung in Auschwitz zu informieren. Der Erkenntniswert liegt dabei weniger in der Präsentation von »neuen« Fakten als in der konsequenten Verbindung mehr oder (oft) weniger bekannter Tatsachen zu einer transnationalen Geschichte von Kolonialismus, Kapitalismus und faschistischer Herrschaft.
Sehr persönlich wird der Band im abschließenden Kapitel, in dem der Autor an seinen Vater erinnert. Andrea Lorenzetti beteiligte sich am Wiederaufbau der in den 20er Jahren von den Faschisten zerschlagenen sozialistischen Partei im Untergrund, wurde verhaftet und nach der Besetzung Italiens durch die Wehrmacht in das Konzentrationslagersystem der Nazis verschleppt. Die Befreiung überlebte er 1945 nur um wenige Tage.
Lorenzetti versteht Erinnerung als politische Aufgabe der Gegenwart. Seine Texte erinnern daran, dass Faschismus weder aus dem Nichts entstand noch überwunden ist. Europa, warnt er, erlebt erneut den Aufstieg aggressiver Nationalismen, wachsender sozialer Ungleichheit und autoritärer Politik. Das Beispiel seiner »Helden« ist für ihn »ein politisches Mittel, um uns in der traurigen Realität von heute zu orientieren«. Das macht letztlich den Reiz dieses Buches aus. Es vertieft die wichtige Erkenntnis, dass die Beschäftigung mit dem historischen Antifaschismus immer auch eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart ist.
→ Guido Lorenzetti: Von Henkern und Helden. Faschismus und Widerstand. Eine Sicht aus der Resistenza. Herausgegeben von Ulrich Schneider. Aus dem Italienischen von Phillip Becher und Ulrich Schneider. Papyrossa, Köln 2026, 141 Seiten, 14 Euro
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