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08.06.2026
- → Politisches Buch
Die Grenzen der Institution
Krise der neoliberalen Universität: Ein Sammelband zwischen Kritik an autoritärer Formierung und akademischer Selbstvergewisserung
Die Universität ist ein Ort, an dem politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen stattfinden. Diese naheliegende Einsicht bildet den Ausgangspunkt des Sammelbandes »Umkämpfte Universitäten«. Die 15 Einzelbeiträge behandeln rechte Angriffe auf Wissenschaft, die Prekarisierung akademischer Arbeit und die stetig schlechter werdenden Bedingungen kritischer Wissensproduktion. Entstanden ist der Band im Nachgang der Tagung »Organisierte Halbbildung«, einer Konferenz zur Kritik der neoliberalen Universität. Sein Anspruch: den akademischen Betrieb als »gesellschaftliches Verhältnis« in einer Phase zugespitzter Krisen zu analysieren. Das Ergebnis ist durchaus widersprüchlich – und auch deshalb aufschlussreich.
Wissen wird stets unter Bedingungen von Macht und Herrschaft produziert. Welches Wissen wird anerkannt und verbreitet, welches marginalisiert? Die »autoritären Zeiten«, in denen wir leben, Militarisierung und wachsende soziale Ungleichheit spiegeln sich an den Hochschulen wider. Gegen kritische Wissenschaft wird dabei nicht nur von seiten der politischen Rechten mobilgemacht: Die Konflikte an Hochschulen im Zusammenhang mit dem israelischen Krieg gegen die Palästinenser zeigen, dass auch die sogenannte politische Mitte keine Sekunde mit Eingriffen in die vielbeschworene Freiheit der Wissenschaft zögert.
Der Soziologe Peter Ullrich ordnet diese Entwicklung in seinem Beitrag in den Kontext eines »autoritären Anti-Antisemitismus« ein. Charakteristisch dafür ist eine Gleichsetzung von Antizionismus, Israel-Kritik und Antisemitismus, die – gestützt durch eine breite Koalition aus Politik, Medien, Teilen der Zivilgesellschaft und Behörden – zur Basis von Sanktionen gegenüber wissenschaftlichen und politischen Äußerungen werden kann. Ullrich spricht von »Querfronten«: Der »autoritäre Anti-Antisemitismus« ermögliche die Inklusion auch liberaler oder progressiver Kräfte in ein autoritäres Projekt.
Dass von einer Autonomie der Universitäten angesichts von Drittmittelabhängigkeit und Einbindung in militärische Verwertungsinteressen nicht die Rede sein kann, thematisiert auch Jonathan Beullens, Vertreter der Zivilklauselinitiative an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zivilklauseln erscheinen bei ihm als ein Ansatzpunkt zu einer umfassenderen Kritik an der kapitalistisch und sicherheitspolitisch gerahmten Wissenschaft – Kritik, die auch andere Beiträge formulieren.
Vielfach bleibt diese aber auf der Ebene einer allgemeinen Kapitalismuskritik stehen, die sich eher aus dem Vokabular kritischer Theorie und linker Sozialwissenschaft speist als aus marxistischer Analyse. Die eigene akademische Praxis wird als kritische Intervention in die »Halbbildung« der neoliberalen Universität inszeniert, verbleibt jedoch im Rahmen der Möglichkeiten und Grenzen jener Institution, deren Logik kritisiert wird.
So plädiert der Sozialwissenschaftler Alex Demirović in seinem Beitrag »Die Linke und die Hochschulen« dafür, Universitäten trotz ihrer Funktion als staatlich lizensierte Rekrutierungs- und Herrschaftsapparate als Orte kritischer Intervention zu nutzen. Es sei dort noch immer möglich, »zu emanzipatorischem Wissen beizutragen«. Unklar bleibt dabei wieder, wie eine solche Praxis sich unter Konkurrenzdruck und Karrierezwang behaupten soll.
Der Band liefert zahlreiche treffende Beobachtungen zur Krise der Hochschulen und benennt reale Konfliktlinien. Gleichzeitig bleibt seine theoretische Fundierung oft hinter dem eigenen Anspruch zurück. Die Universität wird als »umkämpft« beschrieben, aber der Charakter dieses Kampfes – als Ausdruck kapitalistischer Widersprüche – wird nicht konsequent durchdrungen. In einigen Beiträgen zeigt sich zudem deutlich die Schwäche eines linksliberalen Akademismus, der kulturelle Hegemonie – unter Rückgriff auf poststrukturalistische und postkoloniale Ansätze – diskursiv analysiert, ohne die ökonomischen und politischen Grundlagen der autoritären Formierung freizulegen.
Aber gerade deshalb ist das Buch dennoch lesenswert: Es dokumentiert nicht nur die Krise der Universität, sondern auch die Krise ihrer Kritik. Zwischen materialistischen Ansätzen und liberalen Reformvorstellungen oszillierend, zeigt es exemplarisch, wie schwer sich die gegenwärtige akademische Linke damit tut, die eigenen Analyseinstrumente zu schärfen. Das Anliegen der Autoren ist es, die Universität zu einer »Institution der kritischen Wissenschaft zu machen« – wie das erreicht werden kann, bleibt unscharf. Aber vielleicht ist das auch zuviel verlangt von einem Buch, das selbst unter den Bedingungen organisierter Halbbildung entstanden ist.
→ Lukas Geisler, Lars Hebisch, Helena Schäfer (Hrsg.): »Umkämpfte Universitäten. Organisierte Halbbildung und kritische Wissensproduktion in autoritären Zeiten«. Transcript, Bielefeld 2026, 366 Seiten, 29 Euro
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