Die Lügen durchschauen
Wer besiegte Nazideutschland? Eine Streitschrift präsentiert Zahlen und Fakten, die im »Westen« gängige Mythen über den Zweiten Weltkrieg hinterfragen
Nicht nur Hollywood hat über Jahrzehnte hinweg die Landung der US-Armee in der Normandie zum entscheidenden Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg stilisiert. Die Rolle der Sowjetunion bei der Zerschlagung des deutschen Faschismus ist auch in der Bundesrepublik stets verkleinert und relativiert worden. Dagegen gab es immer auch Widerspruch. Nun stellt eine neue Streitschrift über den »antifaschistischen Weltkrieg« die auf den »Westen« zentrierte Erzählung über den Zweiten Weltkrieg in Frage – vor allem mit einem Hebel, der sich schwer ignorieren lässt: Zahlen. Sie widerlegen vor allem die Legende, wonach die USA und (zum kleineren Teil) Großbritannien die Welt vor dem Faschismus gerettet hätten.
Einiges von dem präsentierten Material dürfte Leserinnen und Lesern, die etwa die in der DDR erschienenen Überblicksdarstellungen zum Zweiten Weltkrieg kennen, bekannt sein. So fehlt nicht der Hinweis, dass gegen die Westalliierten stets nur ein kleiner Teil der Wehrmacht eingesetzt war – auf dem nordafrikanischen Kriegsschauplatz, wo die Schlacht von El Alamein nach dem Krieg zu einem mit Stalingrad vergleichbaren Wendepunkt hochstilisiert wurde, bekanntlich nur ganze zwei Divisionen. Und während den Truppen der Westmächte im Sommer 1944 in Frankreich 54 deutsche Divisionen gegenüberstanden, standen zum gleichen Zeitpunkt an der Ostfront gegen die Rote Armee 156 Divisionen im Kampf. Obwohl die Sowjetunion und China zum damaligen Zeitpunkt nur über knapp ein Sechstel der weltweiten Wirtschaftsleistung verfügten, zerstörten sie über 80 Prozent der deutschen und japanischen Militärmacht. 73 Prozent der Kriegstoten entfielen auf die Völker in sozialistischen und kolonialisierten Ländern, auf die USA und Großbritannien gerade einmal ein Prozent.
Verfasser der Arbeit ist Neville Roy Singham vom Tricontinental Institute for Social Research. Die Schrift ist keine klassische Monographie, sondern eine Streitschrift mit wissenschaftlichem Apparat, die auf rund hundert Seiten Statistiken und historische Daten präsentiert, die das Institut zusammengetragen hat. Der Zweite Weltkrieg wird dabei als ein Abschnitt im hundertjährigen Kampf des Imperialismus gegen den Sozialismus interpretiert, der 1917 begonnen habe und bis heute andauere.
Nachdem die direkte militärische Intervention gegen Sowjetrussland 1919 gescheitert war – die USA sandten 11.500 Soldaten und investierten über 50 Millionen US-Dollar –, änderte sich die Strategie. Fortan wurde der Faschismus als Waffe gegen den Kommunismus aufgebaut. Bis 1941 lieferten die USA 80 Prozent des japanischen Erdöls, 250 US-Konzerne investierten in Hitlers Kriegsmaschinerie. Erst 1944, als es nicht mehr ausgeschlossen schien, dass die Rote Armee auf ihrem Weg nach Westen allein die deutsche Kriegsmaschinerie zerschlagen würde, landeten Truppen der USA und Großbritanniens in Westeuropa – »um zu verhindern, dass die sozialistische UdSSR den gesamten Kontinent befreite«, wie Singham betont.
Churchill, der bekanntlich schon 1919 den Bolschewismus »in der Wiege erwürgen« wollte, erwog 1945 insgeheim einen Überraschungsangriff auf die sowjetischen Truppen in Mitteleuropa, für den er auch soeben entwaffnete Wehrmachtseinheiten einsetzen wollte. »Churchills genozidale Impulse richteten sich gleichermaßen gegen Kommunisten und kolonialisierte Völker«, heißt es in der Schrift.
Während der Hungersnot in Bengalen 1943 weigerte sich der britische Premierminister, Hilfslieferungen zu veranlassen, und ließ statt dessen Reis exportieren – drei Millionen Inder starben. Insgesamt kamen in den Kolonien elf Millionen Menschen ums Leben – mehr als das Zehnfache der gesamten anglo-amerikanischen Kriegstoten. Doch jene Länder, die nach 1945 die kulturelle Hegemonie errangen, kontrollierten auch die Erinnerung an den Krieg. Der Westen beanspruche den Sieg für sich, »während diejenigen, die ihn tatsächlich errungen haben, zu Millionen in anonymen Gräbern liegen«.
In China begann der Krieg bereits 1931. Zehn Jahre lang kämpfte das Land – abgesehen von sowjetischer Hilfe – weitgehend allein, band die japanischen Streitkräfte und verhinderte so einen Angriff Japans auf die Sowjetunion. Diese kämpfte gegen die Zeit und trieb die Industrialisierung »im Gewaltmarsch« voran – »im Wissen, dass eine Invasion unmittelbar bevorstand«. Ein Jahrzehnt später bot die Wehrmacht die größte Invasionsstreitmacht der Geschichte gegen die UdSSR auf.
Die Kapitel über die Nachkriegszeit machen deutlich: Nach 1945 folgte kein Bruch. Korea, Vietnam, Indonesien – die Opferzahlen der fortgesetzten imperialen Aggression summieren sich auf über 90 Millionen Menschen. Das Buch macht sichtbar, welche Rolle die Teile der Welt spielen, die in westlichen Darstellungen des Krieges oft nur am Rand erscheinen, und belegt, dass nicht in erster Linie bürgerlich-liberale Staaten den Faschismus besiegt haben, sondern sozialistische und kolonisierte Völker – während der Westen ihn lange für seine Zwecke zu instrumentalisieren versuchte.
Dieselbe Propagandamaschine, die diese Wahrheit auslöschte, sei auch heute am Werk, heißt es in der Schrift – um neue Kriege vorzubereiten. Die historische Wahrheit zu verteidigen, ist deshalb kein allein akademisches Anliegen, sondern eine politische Notwendigkeit. Wer die Gegenwart verstehen will, muss die Lügen über die Vergangenheit durchschauen.
→ Tricontinental Institute for Social Research (Hrsg.): Der antifaschistische Weltkrieg. Wer hat die Menschheit befreit? Rekonstruktion der historischen Wahrheit. Das Neue Berlin, Berlin 2026, 128 Seiten, 10 Euro
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