Produktion und Produkt
Die Gleichzeitigkeit von erwarteter »technologischer Arbeitslosigkeit« und Arbeitskräftemangel: Florian Butollos Buch »Das knappe Gut Arbeit«
Im vergangenen Jahr intervenierte der Soziologe Florian Butollo in die Debatten um die Digitalisierung und den Fachkräftemangel mit einem Aufsatz über »das knappe Gut Arbeit«. Er verknüpft darin die beiden Diskussionen an ihrer paradoxen Schnittstelle: Von Automatisierung und künstlicher Intelligenz wird nicht selten eine ganze Welle »technologischer Arbeitslosigkeit« erwartet, während gleichzeitig der demographische Wandel die Arbeitskräfte immer knapper werden lässt. Während allerdings die Bundesagentur für Arbeit in ihrer Fachkräfteengpassanalyse 2025 von 157 sogenannten Engpassberufen ausging, ist von der gegenläufigen Tendenz, also Massenentlassungen, bedingt durch technologischen Ersatz von menschlicher Arbeitskraft, bisher nichts zu merken. Hier setzt Butollo in seinem Buch an.
Er erklärt dieses Ausbleiben mit der Anwendung des sogenannten Rebound-Effekts auf die Digitalisierung. Dieser Effekt beschreibt ursprünglich die Differenz zwischen erwarteten Einsparungen durch Effizienzmaßnahmen und den tatsächlich erreichten Einsparungen, welche deutlich geringer ausfallen, weil die eingesparten Energie- oder Ressourcenmengen anders genutzt werden. Ein Beispiel sind immer effektivere Verbrennungsmotoren, deren potentielle Einsparungen an Verbrauch durch immer größere und schwerere Autos sowie durch deren wachsende Nutzung konterkariert werden.
Drei dieser Effekte identifiziert Butollo bei der Digitalisierung. Erstens den der Komplexität. Butollo erinnert hier an das Leitbild der »Industrie 4.0«, in dem das Ideal einer vollindividualisierten Produktpalette bedient wurde, in der jedes Produkt »maßgeschneidert« für die Kundenbedürfnisse produziert wird. Diese enorme Komplexitätszunahme erfordere neue Arbeitsschritte und Tätigkeitsprofile. Gleiches gilt auch für die anderen beiden Rebound-Effekte. Butollo weist zu Recht darauf hin, dass die Entwicklung der modernen Technik als Prozess gedacht werden muss, der immer mehr lebendige Arbeit absorbiert, und entsprechend die Forschung und Entwicklung, aber auch die Implementierung und das Anlernen für die moderne Technik dem Anliegen, durch diese Entwicklung Arbeit zu reduzieren, entgegenwirken. Diese »Arbeit an der Automatisierung« ergänzt Butollo um den dritten Rebound-Effekt, die »Arbeit an der sozialen Reproduktion«. Diesen Anstieg an Dienstleistungen in den Bereichen Erziehung und Gesundheit sieht Butollo genaugenommen nicht als »Folge der Automatisierung«, »weil Rationalisierungstendenzen in einen Modernisierungspfad eingebunden sind, der im steigenden Maße die gesellschaftliche Reproduktionsfähigkeit herausfordert«.
Das überzeugt, auch wenn hier und da eine gewisse Unentschlossenheit zu konstatieren ist. Einerseits rekurriert Butollo hier auf Theorien der technischen »Agency«, wenn er vom »janusköpfigen Gesicht der Technik« schreibt, die einerseits »die Effizienz« steigere und zugleich »neue Komplexität« erzeuge. Das resultiere unter anderem daraus, dass »wir« durch die Technik jetzt Möglichkeiten hätten, »die uns zuvor niemals in den Sinn gekommen wären«. Und es wird schon so sein, dass Techniken – gerade, wenn der Blick auf die jüngsten Entwicklungen der künstlichen Intelligenz geht – so einiges an Zwecksetzungen erlauben, die einem davor »niemals in den Sinn gekommen wären«. Und bei der individuellen Nutzung von KI hat Butollo auch recht, wenn er davon ausgeht, dass diese technischen Möglichkeiten auch »unsere« Ziele verändern, also neuartige Mittel auch neue Zwecke und Bedürfnisse hervorrufen. Andererseits steckt der Teufel im Detail: Es ist eben nicht »die Technik«, welche die »neue Komplexität« erzeugt, sondern in Butollos eigenem Beispiel vielmehr der Entschluss der Unternehmer, wie sie die Technik einsetzen: nicht für profane Arbeitsreduktion und weniger Schufterei für alle, wie Butollo selbst sehr genau weiß.
So schreibt er an anderer Stelle wieder sehr richtig: »Das Anliegen, sich auf den Märkten von der Konkurrenz abzuheben und möglichst einzigartige und passgenaue Angebote für Konsum zu entwickeln, wirkt dabei wie ein Transmissionsriemen in die eigentlichen Prozesse der Leistungserstellung hinein, denn es ist zwar aufwändig, aber nun auch möglich, ein hochgradig ausdifferenziertes Produktangebot auf den Markt zu werfen.« In der kapitalistischen Produktion mag es also stimmen, dass die Eroberung neuer Märkte durch individualisierte Produktion überhaupt erst durch technische Artefakte eröffnet wird, die etwas anderes erlauben als einen Markt von Massenprodukten wie jenem berühmten Ford-Modell, das in allen Farben geliefert werden konnte, vorausgesetzt, »die gewünschte Farbe war schwarz«. So wenig hat man es hier aber mit einer »Handlungsträgerschaft der Technik« zu tun.
Das macht Butollo selbst deutlich, wenn er in seinem Buch den Nachweis führt, dass von der technischen Potenz, die Arbeit leichter und weniger zu machen, nichts übrigbleibt, wenn die Maschinerie kapitalistisch genutzt wird. Wenn eben ein Weltmarkt erobert werden will durch individualisierte Produktion, dann wird die neue Technik gleich auf eine Weise genutzt, dass sich die »Möglichkeit« der Komplexitätsreduktion bei dieser kapitalistischen Zwecksetzung als Unmöglichkeit erweist.
Entsprechend ist aber weniger »die Technik«, als vielmehr die soziologische Betrachtungsweise dieser Technik »janusköpfig«. Einerseits bestimmt Butollo nämlich völlig richtig die digitale Technik als Mittel zur Individualisierung von Produkten in der Konkurrenz der Kapitalisten und erklärt die steigende Komplexität, das heißt den von ihm als Rebound-Effekt erkannten Prozess, als Produkt ebenjener ökonomischen Interessen. Andererseits soll ausgerechnet »sie« die Komplexität reduzieren und steigern, als wäre der sinnvoll auf die Digitalisierung angewendete Rebound-Effekt dann doch kein Ergebnis ihrer Nutzung, sondern von ihr selbst.
Florian Butollo: Das knappe Gut Arbeit. Automatisierung, Arbeitskräftemangel und sozialer Konflikt. Suhrkamp, Berlin 2026, 254 Seiten, 20 Euro
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