Südkoreanisches Börsenwunder
Neues vom Börsenboom der künstlichen Intelligenz (KI). Diesmal aus Südkorea. Die bisher nur in Seoul notierte Firma SK Hynix sammelte an diesem Freitag durch die Ausgabe neuer Aktien an der US-Börse Nasdaq etwa 27 Milliarden US-Dollar ein. Das soll den Rückstand in der Börsenbewertung gegenüber der US-Konkurrenz – insbesondere dem Chipfabrikanten Micron – etwas ausgleichen. Hynix und die bei uns wegen der beliebten Handys viel bekanntere südkoreanische Samsung sind im Lauf der vergangenen Monate in jenen exklusiven Klub von Unternehmen wie Nvidia, Apple, Alphabet-Google, Microsoft und zuletzt auch Space X aufgenommen worden, die einen Börsenwert von einer Billion US-Dollar überschritten haben. Hynix produziert jene Speicherchips, die in Bündeln gestapelt in großen Mengen für die Rechenzentren benötigt werden, über die ihrerseits die KI-Anwendungen laufen.
Der Investitionsboom in Rechnerleistung hat mittlerweile die Nachfrage nach solchen Chips derart ausgeweitet und ihre Preise in solch lichte Höhen katapultiert, dass Hynix Umsatzrenditen von über 60 Prozent erzielt. Das Unternehmen nutzt das Geld aus der Kapitalerhöhung, um die Chipproduktion deutlich auszuweiten, und wird dabei von der Regierung unterstützt, die satt Geld zuschießt und dafür darauf achtet, dass die Investitionen auch in bisher weniger industriell entwickelten Regionen stattfinden. Hynix und Samsung dominieren den koreanischen Aktienmarkt und machen mittlerweile knapp die Hälfte seines gesamten Wertes von umgerechnet 4,4 Billionen US-Dollar aus, was über dem von Frankreich oder Deutschland liegt. Seit Anfang 2025 bis heute ist der südkoreanische »Kospi«-Index um das Dreifache gestiegen und war damit Spitzenreiter unter allen Weltbörsen.
In der vergangenen Woche büßte der Kospi – unter Führung der Aktien von Samsung und Hynix – binnen weniger Tage mehr als 20 Prozent ein, erholte sich aber am Donnerstag von diesem Rückschlag im Vorfeld der Börsenemission der Hynix-Aktien an der Nasdaq wieder ein wenig. Die koreanische Währung Won ist erstaunlicherweise in den vergangenen zwei Jahren mitten im Börsenboom und trotz des kontinuierlich hohen Überschusses in der Leistungsbilanz Südkoreas per Saldo schwächer geworden. Die Schwankungsanfälligkeit (im Börsendeutsch vornehm Volatilität genannt) der Währung gilt demnach in Finanzkreisen als Achillesferse Südkoreas. Der Finanzmarkt des Landes gilt noch als »Emerging Market«, während das Land längst Mitglied der OECD, dem Klub der entwickelten Industrieländer, ist und vom Internationalen Währungsfonds an 10. bis 15. Stelle der großen Industrieländer (je nach aktuellem Wechselkurs des Won) geführt wird – mit einem BIP pro Kopf, das höher als das Japans ist.
Die Erinnerung an die Asienkrise 1997 bestimmt bis heute das Geschehen in Südkorea. Das hereingeströmte Geldkapital verließ damals das Land noch plötzlicher, als es gekommen war, und verursachte einen Wirtschaftseinbruch weit stärker, als ihn 2007 bis 2009 der Rest der Welt in der großen Finanzkrise erlebte. In einem bis heute von den USA besetzten Land ist freilich eine eigene kapitalistische Wirtschaftspolitik noch weniger möglich als anderswo.
Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen.
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