Steigende Anleiherenditen
Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Scott Bessent, Finanzminister der USA unter Donald Trump, wurde es zu viel. Die Kurse der lang laufenden Staatsanleihen fielen unaufhörlich. Entsprechend stiegen ihre Marktrenditen. Im Fall der 30jährigen bis auf 5,34 Prozent. Der früher als Hedgefondsmanager tätige Kenner der Marktgepflogenheiten kündigte an, das Volumen der Käufe dieser Staatsanleihen durch das Schatzamt von monatlich zwei- auf vier Milliarden US-Dollar zu erhöhen. Die Ankündigung zeigte Wirkung. Die Preise der Papiere stiegen, und entsprechend gaben ihre Renditen nach – im Fall der 30jährigen auf etwas über 5,2 Prozent.
Es ist nicht überliefert, ob das Schatzamt bei diesen Kursgewinnen als Käufer überhaupt beteiligt war. Aber erkennbar war, dass das Schatzamt (Treasury), welches wie überall auf der Welt eigentlich Staatsschuldenamt heißen sollte, als Marktagent ernst genommen wird. Allerdings sicher nur kurzfristig. Denn mittel- und langfristig spielen vier Milliarden US-Dollar als Marktpflegequote keine Rolle – verglichen mit einem Volumen aller schon ausgegebenen US-Staatsbonds von 32 Billionen US-Dollar und einer Gesamtstaatsverschuldung, die gerade in diesen Tagen die 40-Billionen-Marke durchbrochen hat.
Mittelfristig spielt auch die steigende Staatsverschuldung der USA als Grund für die steigenden Renditen (Marktzinsen) keine Rolle. Es gibt für die US-Staatsschulden keine wirkliche Alternative. Das bedeutet, dass die Kurse und Renditen der Staatsanleihen anderer Länder sich fast immer parallel zu denen der US-Bonds bewegen. In den letzten Wochen erlebten die Renditen italienischer und französischer Staatsanleihen, genau wie die deutscher Bundesanleihen und der US-Anleihen, langjährige Rekordhochs. Gemeinsamer Nenner der Entwicklung ist überall die Entwicklung der Geldentwertung. Steigt die Inflation, verlangt der Investor tendentiell eine höhere Verzinsung seiner Schuldverschreibung, will er nach Ablauf der Laufzeit noch mit einer real positiven Verzinsung aus dem Geschäft herauskommen.
Mit der Inflation, die 2021 – kurz vor den verschärften Sanktionen der westlichen Staaten gegen Russland – mit Macht einsetzte, stiegen auch die Anleihezinsen in aller Welt. Obwohl die Inflation auf der Verbraucherebene in den USA schon Ende 2022 in der Spitze neun Prozent erreichte, stiegen die Kapitalmarktrenditen nicht annähernd so hoch. Schließlich konnte man zunächst annehmen, dass die hohen Inflationsraten nur von kurzer Dauer sein würden.
Ähnlich war der Schock durch den Angriffskrieg der USA und Israels auf den Iran am letzten Februartag dieses Jahres. Mit dem Anstieg des Ölpreises stiegen sofort die Anleiherenditen, weil mit Recht anziehende Inflation erwartet wurde. Obwohl die Seestraße von Hormus praktisch geschlossen blieb, ging verblüffenderweise der Ölpreis im Sommer von Hochs bei 120 US-Dollar je Barrel (Fass; 159 Liter) vorübergehend auf wieder fast normale 70 US-Dollar zurück, um erst zuletzt wieder auf über 90 US-Dollar je Fass anzusteigen. Der Anstieg der Renditen am Staatsanleihenmarkt ist das bisher deutlichste Zeichen dafür, dass Öl und Gas teuer bleiben, die Inflation wieder stärker wird und die USA auch nach Ansicht des größten Finanzmarkts des Globus den Krieg gegen den Iran nicht gewinnen werden.
Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen.
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