Boeing droht mit »Notfallplan«
Beschäftigte beim US-Flugzeugbauer stimmen für Ausstand und lehnen Angebot des Konzerns ab. Der reagiert mit Kürzungen
Mit überwältigender Mehrheit haben Ingenieure und technische Beschäftigte von Boeing in den USA für einen Streik gestimmt. Sie lehnten das Angebot des US-Flugzeugherstellers für einen Vierjahresvertrag ab, womit das Unternehmen vor einem weiteren Problem steht. Denn der Flugzeugbau ist bereits von Verzögerungen und technischen Problemen geprägt. Die 17.000 Mitglieder der Gewerkschaft »Society of Professional Engineering Employees in Aerospace« (SPEEA) stimmten mit knapp 90 Prozent dafür, dem Verhandlungsteam die Befugnis zu erteilen, nach Ablauf des Vertrags am 6. Oktober einen Streik auszurufen, teilte die Gewerkschaft mit. Derzeit sind keine neuen Gespräche zwischen Boeing und der SPEEA geplant.
Ein Arbeitskampf der organisierten Beschäftigten würde die Zertifizierungsprozesse von Boeing für die Flugzeugmodelle 737 Max 10 und 777-9 weiter verzögern. Beide liegen jedoch bereits mehrere Jahre hinter dem Zeitplan zurück. Grund für die Ablehnung ist laut einer Stellungnahme der Gewerkschaft, dass die Gehälter sowie das Angebot von Boeing nicht mit der Inflation und der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in der Luft- und Raumfahrt Schritt halten. Zudem gingen von der SPEEA vertretene Arbeitsplätze verloren, würden vom Stammsitz in Seattle in andere Bundesstaaten oder ins Ausland verlagert. Qualität und Sicherheit träten zugunsten des bereits im Verzug liegenden Zeitplans in den Hintergrund, während ingenieurtechnische und fachliche Entscheidungen außer Kraft gesetzt oder ignoriert würden.
Zudem herrsche ein fundamentales Misstrauen zwischen der Führungsebene und der Belegschaft. »Fast 30 Jahre nach der Fusion von Boeing mit McDonnell Douglas haben wir alle gemeinsam immer noch mit den Folgen früherer Managemententscheidungen zu kämpfen«, so die Verhandlungsführer der Gewerkschaft. Die Übernahme werde oft als Wendepunkt bezeichnet, da Boeing seitdem den Schwerpunkt von Ingenieurskunst und technischer Exzellenz auf die Steigerung der Aktionärsrenditen verlagert habe, hieß es weiter.
Boeing reagierte auf die Streikbereitschaft mit »Enttäuschung« und ließ auf die Ablehnung des Angebots einen raschen Vergeltungsschlag folgen. Das Unternehmen kündigte an, einen »Notfallplan für den Fall eines Streiks« umzusetzen. Ben Nimmergut, Vizepräsident bei Boeing, erklärte in einer Stellungnahme, nun würden Mittel, die ursprünglich für Nachzahlungen und ein höheres Ziel für das Leistungsprämienprogramm für 2026 vorgesehen waren, teilweise zur Vorbereitung auf den Arbeitskampf genutzt.
Boeing hatte inflationsgebundene Lohnerhöhungen von maximal drei Prozent sowie weitere Erhöhungen auf Basis individueller Leistungen sowie anderer, vom Unternehmen festgelegter Kennzahlen angeboten. Mehrere Gewerkschaftsvertreter kritisierten, das Angebot liege unterhalb der Beträge, die konkurrierende Unternehmen zahlten. Die Begrenzung auf drei Prozent garantiere nahezu, dass Gehälter hinter der Inflation zurückbleiben werden. Im Großraum Seattle, wo die meisten SPEEA-Mitglieder arbeiten, war der Verbraucherpreisindex laut dem US-Statistikamt im vergangenen Jahr um 4,5 Prozent angestiegen.
Das Verhandlungsteam plane eine Umfrage unter den Mitgliedern, um herauszufinden, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein Vierjahresvertrag mit Boeing genehmigt werden kann, teilte ein Gewerkschaftssprecher mit. Die Abstimmung über die Streikermächtigung »sorgt für viel Transparenz«, sagte Kevin Boyd, ein Mitglied des Verhandlungsteams der SPEEA. »Die Mitglieder haben hier ein starkes Anliegen, und sie sind bereit, alles zu tun, um es durchzusetzen.«
Boeing wiederum hält sein Angebot für die größte Lohnerhöhung für die SPEEA seit 40 Jahren. Seit 2012 hat die SPEEA keinen neuen Tarifvertrag mit dem Unternehmen für ihre Mitglieder im Nordwesten ausgehandelt. 2016 und 2020 stimmten die Mitglieder lediglich Vertragsverlängerungen zu. Auch der letzte Streik der Gewerkschaft liegt lange zurück: Im Jahr 2000 streikten die Beschäftigten zuletzt 40 Tage. Damals gelang es ihnen, einen Tarifvertrag durchzusetzen, der ihre Forderungen nach Gesundheitsleistungen berücksichtigte und erhebliche Lohnerhöhungen garantierte. Nun könnte der nächste große Ausstand anstehen.
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