-
22.05.2026
- → Kapital & Arbeit
Historischer Streik abgeblasen
Südkorea: Gewerkschafter sagen in letzter Minute Arbeitskampf bei Samsung ab. Konzernangebot kommt Arbeitern nur teilweise entgegen
Gerade mal eine Stunde vor Beginn wurde der für Donnerstag angedrohte, auf bis zu 18 Tage angesetzte Arbeitsausstand bei Samsung Electronics, der Prozessorsparte des südkoreanischen Technologiekonglomerats, wieder abgeblasen. Ab Freitag sollen die Gewerkschaftsmitglieder über den in letzter Minute ausgehandelten Kompromiss abstimmen. Gewerkschaftsführer Choi Seung-ho betonte jedoch, dass die Vereinbarung nur vorläufig und man noch nicht mit allen Details zufrieden sei – der Konflikt ist also keineswegs beigelegt.
Eigentlich hatte Choi die Verhandlungen noch am Mittwoch morgen für gescheitert erklärt. Wenige Stunden später schaltete sich dann aber Südkoreas Arbeitsminister Kim Young-hoon höchstpersönlich ein und zwang beide Parteien zurück an den Verhandlungstisch. Dann ging es relativ schnell; innerhalb kurzer Zeit gab es den Kompromiss, über den nun noch bis zum 27. Mai abgestimmt wird.
Eine Ablehnung durch die Belegschaft scheint eher unwahrscheinlich – zumal die Gewerkschafter heftigen Druck von offizieller Seite bekamen. So hatte ein Gericht angeordnet, dass einige Unternehmensbereiche vom Streik ausgenommen werden sollten, um die irgendwann anstehende Wiederaufnahme der Produktion nicht zu gefährden. Etwa 7.000 Beschäftigten wurde das Streiken verboten und der Konzern so vor noch größeren zu erwartenden Schäden abgeschirmt. Auch die Regierung, einschließlich Präsident Lee Jae Myung, signalisierte mehrfach, dass sie von den Gewerkschaften eine gewisse Zurückhaltung erwarte. An Samsung hängt ein beträchtlicher Teil der südkoreanischen Wirtschaftsleistung und somit des Steueraufkommens.
Wirklich durchsetzen konnte sich die Gewerkschaft mit ihren immerhin 70.000 Mitgliedern bisher mit keiner ihrer Forderungen, woran wohl auch weitere Verhandlungen nichts ändern werden. Die Deckelung von Bonuszahlungen an die Angestellten, ein wesentlicher Konfliktpunkt, bleibt laut dem aktuellen Kompromissvorschlag bestehen. Anstatt dessen soll in den kommenden zehn Jahren ein Zusatztopf für solche Boni eingerichtet werden, für den dann keine Beschränkungen gelten. Allerdings soll der nicht mit 15 Prozent der Konzerngewinne gefüllt werden, wie es die Gewerkschaften gefordert hatten, sondern lediglich mit 10,5 Prozent – nicht in Form von Geld, sondern in Aktien. Zudem muss der Konzern bis 2028 jährlich mindestens zwei Billionen Won (etwa 1,2 Milliarden Euro) einfahren, damit die Ausschüttung erfolgt, danach nur noch halb so viel.
Bei der Gleichbehandlung der verschiedenen Unternehmenssektoren kam der Konzern den Gewerkschaftern zumindest teilweise entgegen: Letztere hatten eine Verteilung von 70 Prozent der Boni, unabhängig von der Profitabilität des jeweiligen Konzernzweiges, gefordert. Geworden sind es nun 60 Prozent. Der Rest geht nur an Bereiche, die profitabel sind, was derzeit, und wohl auch in absehbarer Zukunft, nur die Memorychip-Sparte ist.
Wie die Abstimmung ausgehen wird, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Jedoch beginnt die Stimmung im Land, sich gegen die Gewerkschafter zu drehen. Ein Streik nach einem Kompromissangebot der Konzernleitung würde sicherlich stärkeren Gegenwind hervorrufen. Zwar hat die Regierung nicht explizit klargemacht, dass sich in diesem Fall auch Präsident Lee persönlich einmischen würde. Dessen Aussage, dass man auch die Rechte der »Arbeitgeberseite« respektieren müsse, darf aber wohl als Drohung interpretiert werden.
In jedem Fall hat das langwierige Kräftemessen in das Bewusstsein der südkoreanischen Gesellschaft für Samsungs immense Rolle hineingewirkt: Angesichts der Diskussion um die exorbitanten Gewinne des Konzerns fiel der Regierung auf, dass die Chipbranche im Land mit staatlichem Geld zugeschüttet wurde – von Steuergeschenken bis zur finanziellen Förderung neuer Fabriken mit teurer Infrastruktur. Durch direkte Beteiligung oder indirekt durch Steuern habe das ganze südkoreanische Volk den Erfolg des Konzerns ermöglicht, hieß es. Deswegen schlug Kim Yeong-beom, Direktor für nationale Politik unter Präsident Lee, in den sozialen Medien vor, die riesigen Profite des Chipsektors im Land als »Bürgerdividende« allen zugute kommen zu lassen. Das Wirtschaftsportal Bloomberg behauptete am 12. Mai sogar, Südkorea wolle eine Übergewinnsteuer einführen oder anderweitig Hand an die Konzerngewinne und Dividendenauszahlungen legen. Südkoreas Präsident musste sich persönlich einschalten, um diese Falschmeldung wieder einzufangen.
Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!