Knapper Kraftstoff in Russland
Regierung prüft nach Angriffen auf seine Raffinerien Benzinimporte aus dem Ausland. Schlangen an den Tankstellen wachsen
Russland ist der zweitgrößte Ölproduzent der Welt. Aber nach den ukrainischen Angriffen auf russische Raffinerien wird im Land offenbar der Kraftstoff knapp. Das Internet ist voll von Amateurvideos, die augenscheinlich kilometerlange Schlangen vor den wenigen Tankstellen zeigen, die noch offen sind. Teilweise stellen sich die Autofahrer mitten in der Nacht an, um die erlaubten 15, 20 oder 30 Liter pro Fahrzeug abzubekommen. Das Abfüllen von Treibstoffen in Kanister ist inzwischen verboten worden, denn geschäftstüchtige Verbraucher haben in den letzten Tagen und Wochen Benzin entweder für sich selbst gehortet, oder sie verkauften es über das Internet zu Wucherpreisen weiter. Die Behörden beschränken sich darauf, die sich bildenden Staus auf den rechten Fahrspuren der Straßen abzusichern – im sibirischen Irkutsk hatte der Bürgermeister immerhin den Gedanken, am Straßenrand vor den Tankstellen mobile Toilettenhäuschen aufzustellen.
Dabei ist das genaue Ausmaß der Krise nicht genau bekannt. Das US‑Propagandaradio »Swoboda« sprach Anfang der Woche von 40 russischen Regionen, in denen der Treibstoff inzwischen rationiert sei. Das Land umfasst allerdings etwa 90 Regionen, so dass der Mangel möglicherweise doch nicht so flächendeckend ist, wie es die Videos von den Schlangen suggerieren sollen.
In jeden Fall kommt die Treibstoffknappheit dem ukrainischen Kriegsgegner entgegen. Denn der beginnende Sommer ist, über die laufenden Bedürfnisse von Front und Heimat hinaus, auch die Zeit, in der die Landwirtschaft für ihre Maschinen extra große Mengen Benzin und Diesel benötigt. Außerdem stehen im September turnusmäßig Wahlen zur Staatsduma an, und wenn der Sommer der Treibstoffknappheit folglich zu einem Sommer der Unzufriedenheit mit dem System Putin wird, hat man in Kiew und weiter westlich sicher nichts dagegen. Wobei die Umfrageinstitute derzeit allerdings keine Anzeichen für sinkende Popularitätswerte Putins sehen.
Jedenfalls war Putin das Thema der Kraftstoffkrise wichtig genug, um am vergangenen Wochenende eine Sonderkonferenz führender Minister und Manager der Ölindustrie des Landes zusammenzurufen. Ergebnisse der Beratungen wurden nicht veröffentlicht, aber Berichte aus »gutunterrichteten Kreisen«, wonach Russland inzwischen erwäge, Benzin und Diesel zu importieren, zeugen davon, wie ernst das Thema an der politischen Spitze Russlands genommen wird.
Dabei sind die Möglichkeiten für Lieferungen von Treibstoffen nach Russland offenbar nicht so groß, wie man denken könnte. Belarus hat zwar erhebliche Raffineriekapazitäten, und der legale Export von deren Produkten liegt wegen der Sanktionen ohnehin darnieder. Aber in einer Aufstellung, die das erwähnte US‑Propagandaradio »Swoboda« veröffentlichte, war die Rede davon, dass die zwei belarussischen Raffinerien in Masyr und Nawapolazk zusammen ungefähr den Treibstoffbedarf von Moskau und dem Umlandgebiet befriedigen könnten. Da bliebe demnach also für den Rest des Landes kaum etwas übrig. Ob ein Reimport von aus russischem Rohöl gewonnenem Benzin, etwa aus Indien, überhaupt möglich wäre, ist eine offene Frage. Auf jeden Fall würde es aber zu einem starken Anstieg der Preise führen und damit der politischen Stimmung in der aufs Auto angewiesenen Bevölkerung des Landes mit seinen großen Entfernungen auch nicht unbedingt aufhelfen.
In der Notsituation, gegen die ständigen ukrainischen Drohnenschläge gegen seine Mineralölwirtschaft nichts wirklich Entscheidendes unternehmen zu können, hat Wladimir Putin nur langfristige Abhilfe parat: Die Produktion von Luftabwehrsystemen soll hochgefahren werden, kündigte er nach der Sitzung am Wochenende an.
Vorerst hat Russland seine Angriffe auf die verbliebenen Raffinerien der Ukraine wieder intensiviert: So wurde die größte Anlage der Ukraine im zentralukrainischen Krementschuk an diesem Wochenende erneut beschossen und geriet teilweise in Brand. Im Übrigen zerstören russische Drohnen seit einigen Wochen systematisch Tankstellen im ukrainischen Hinterland. Je näher an der Front, um so mehr betrifft das auch die ukrainische Armee. Und russische Drohnen setzen in den letzten Tagen in einer offenbar koordinierten Aktion vor der Ernte stehende Getreidefelder in der Südukraine in Brand. Das Ziel scheint klar: der Ukraine Importeinnahmen aus dem Verkauf von Weizen usw. zu nehmen. Wie sich das mit Russlands selbstgepflegtem Image als gegen Versorgungskrisen im globalen Süden engagiertem Akteur des internationalen Getreidemarktes verträgt, bleibt eine offene Frage.
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