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12.05.20264 Leserbriefe
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Berlin will nicht verhandeln
»Spaltung«, »Affront«, »Finte«: Putins Vorschlag, Exkanzler Schröder im Ukraine-Krieg vermitteln zu lassen, findet in der BRD wenig Zuspruch
Mit einer Nebenbemerkung bei einer Pressekonferenz am Sonnabend in Moskau hat der russische Präsident Wladimir Putin für helle Aufregung in Berlin gesorgt. Auf die Frage, wer sein favorisierter Vermittler für die Wiederaufnahme eines Dialogs mit »Europa« sei, hatte Putin den deutschen Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) genannt. Die Bundesregierung wies den Vorschlag zurück. Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte am Montag, er sehe in Putins Äußerungen »keinen substantiellen Fortschritt«. In der jetzigen Lage brauche es keinen Vermittler. Derartige Vorschläge zielten offenbar auf eine »Spaltung« der öffentlichen Meinung in der BRD.
Auch bei den Parteien überwog die Ablehnung. Lediglich bei der SPD, der AfD und beim BSW hielt man Putins Idee überhaupt einer Erörterung für würdig. Das Springerblatt Bild hatte für diese drei Parteien am Sonntag gleich die passende Einordnung bereit. Ziel der »Russen-Propaganda« seien »die Moskau-Treuen in Linkspartei, BSW und AfD«. Und ganz besonders wichtig sei für Putin der »linke und der pazifistische Flügel in der Regierungspartei SPD«. Denn dort funktionierten noch »die jahrzehntealten Kreml-Reflexe«.
Gemeint waren damit der SPD-Außenpolitiker Ralf Stegner und Adis Ahmetovic, außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Stegner hatte dem Spiegel am Sonntag anvertraut, er begrüße jede Initiative, »die den Krieg beenden könnte«. Bislang seien Europäer nicht an den Verhandlungen beteiligt und könnten keine Vorschläge machen. »Wenn das über jemanden wie Schröder gelingen würde, wäre es fahrlässig, das auszuschlagen.« Ahmetovic erklärte gegenüber dem Nachrichtenmagazin, jedes Angebot müsse »ernsthaft geprüft werden, wie verlässlich es ist«. Das Ziel müsse sein, »mit am Verhandlungstisch zu sitzen«. Eine Beteiligung Schröders dürfe »nicht sofort kategorisch ausgeschlossen werden«.
Allerdings ist der Vorschlag auch innerhalb der SPD nicht unumstritten. Der frühere Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Michael Roth, nannte die Idee gegenüber dem Tagesspiegel einen »Affront gegenüber den USA und ein durchsichtiges Manöver«. Wer »ernsthaft« Frieden wolle, »beginnt mit einem Waffenstillstand.« Ein Vermittler bei möglichen Verhandlungen mit dem Kreml könne »nicht einfach Putins Buddy sein«. Entscheidend sei, »dass er vor allem von der Ukraine akzeptiert wird«.
Anders sah es BSW-Chef Fabio De Masi. »Wir sollten den Altkanzler einsetzen. Was haben wir zu verlieren?«, erklärte er am Sonntag gegenüber AFP. Mit Schröder in einer Vermittlerrolle »würden wir auch Putin unter Zugzwang bringen«, so De Masi weiter, weil es ein Angebot wäre, »das er nicht ablehnen kann«. Markus Frohnmaier, außenpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, betonte, jede Vermittlung, die »dazu beitrage, das Sterben auf beiden Seiten zu beenden«, sei zu begrüßen.
Bei den anderen Parteien löste Putins Idee nur Ablehnung aus. So erklärt der CDU-Außenpolitiker Peter Beyer, für einen »Propaganda-Aprilscherz« sei die Lage viel zu ernst. Man dürfe nicht »auf solch durchschaubare Finten hereinfallen«. Britta Haßelmann, Chefin der Bundestagsfraktion der Grünen, konstatierte am Sonntag gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, Putin trage die Verantwortung »für diesen völkerrechtswidrigen Krieg in der Ukraine«. Dass er Schröder als Vermittler vorschlage, sei »abwegig«. Man müsse doch auch im Kreml wissen, dass dieser wegen »seiner engen Freundschaft zu Putin in Europa zu einer Persona non grata geworden« ist.
Für ihre Verhältnisse moderat fiel die Reaktion der EU-Abgeordneten Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) aus. Ein Vermittler in dem Krieg müsse von beiden Seiten akzeptiert werden, sagte sie den Funke-Zeitungen. Schröder aber habe »den Angriff auf die Ukraine nicht klar genug verurteilt« und werde wohl kaum von der Ukraine akzeptiert werden. Linke-Fraktionschef Sören Pellmann verwies auf die enge Verbundenheit von Schröder und Putin. Dessen Vorstoß wirke da »nicht wie ein neutraler Vermittlungsvorschlag, sondern wie ein politisches Signal mit erheblichem innen- und europapolitischen Konfliktpotential«.
Auch die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas konnte Putins Vorschlag erwartungsgemäß nichts abgewinnen. Angesichts Schröders Vergangenheit als »Lobbyist« für russische Staatsunternehmen sei »klar«, warum Russlands Präsident ihn als Vermittler haben wolle, sagte Kallas am Montag vor einem Treffen der EU-Außenminister in Brüssel. Der Altkanzler würde dann »auf beiden Seiten des Verhandlungstisches« sitzen.
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Onlineabonnent*in Torsten Andreas S. aus B. 12. Mai 2026 um 13:38 UhrIch dachte sofort an Frau Merkel als Vermittlerin. Doch: Auch sie hat schlechte Karten, denn sie ist eine hausgemachte Putinversteherin (= der russischen Sprache mächtig). Wie übrigens auch der Muttersprachler Selenskij. Wie gruselig, oder?
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Istvan Hidy aus Stuttgart 12. Mai 2026 um 08:54 UhrDie Debatte geht völlig am Kern vorbei. Nicht Berlin verweigert Verhandlungen – Berlin spielt schlicht keine Rolle mehr am Verhandlungstisch. Wer Diplomatie jahrelang durch Moralrhetorik ersetzt, darf sich nicht wundern, wenn andere Akteure ohne Deutschland über Krieg und Frieden sprechen. Das ist kein Grund zur Freude, sondern das Resultat eigener Fehlentscheidungen.
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Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 12. Mai 2026 um 13:17 UhrAuch wenn man wenig zu sagen hat, könnte man sich für Frieden einsetzen. Und: Wer gerade 12 Milliarden in die Fortsetzung des Krieges investiert hat wie die BRD, könnte einiges unterlassen, was den Krieg verlängert. So einflusslos ist also nicht, was hierzutan getan oder unterlassen werden kann.
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Onlineabonnent*in Andreas E. aus S. 11. Mai 2026 um 21:21 UhrWen möchte denn die EU als Vermittler? Kiesewetter, Strack-Zimmermann oder Pistorius? Die Antwort aus Moskau dürfte ähnlich ausfallen wie die Reaktion aus Brüssel und Berlin auf Putins Vorschlag. Wer sich die komplette Pressekonferenz von Wladimir Putin vom Samstag anhört (auf Youtube vorhanden), wird eines spüren – Russland möchte, dass man seine Sicherheitsinteressen endlich ernst nimmt. Dass man seitens der EU endlich geschlossene Verträge, angefangen beim 2+4-Vertrag bis hin zu Minsk II, einhält. Der russische Botschafter Sergej Netschajew sagte bei einer von der BSW-Kandidatin für das Berliner Abgeordnetenhaus Sevim Dagdelen veranstalteten Matinee sinngemäß: »Wir wollen keinen Krieg mit der NATO und der EU – wir wollen nur, dass man auch unsere Interessen wahrnimmt. Und wenn es um Energielieferungen geht – ihr braucht nur den Finger heben – wir öffnen dann die Schieber.« Das PCK in Schwedt und die Region Uckermark (und darüber hinaus) würden es sehr danken, wenn sich die deutsche Regierung von ihrem hohen Ross herunter begäbe und sich vom Feindbild des »bösen Russen« endlich lösen würde. Dann muss auch Frau Reiche in Schwedt nicht die Wogen glätten. Ohne Russland wird es kein friedliches, sicheres und wirtschaftlich erfolgreiches Europa geben. Russland ist nicht unser Feind – unser Feind ist der Faschismus, der auf unterschiedlichen Feldern und in bestimmten Regionen wieder das Haupt hebt oder auch schon gehoben hat. Und unser Feind ist der Imperialismus, der sich anmaßt, der Weisheit letzter Schluss zu sein. Denn das macht er auf Kosten der kleinen Bürger, der Armen und der Schwachen, indem er diesem Prekariat das Geld für seine Hochrüstung aus der Tasche zieht und es denen zukommen lässt, die wie Merz und Co. eh schon genug haben. Der Teufel scheißt immer wieder auf die größten Haufen.
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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