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Genesungskriege

Foto: jW

Der US-Militärstratege Edward Luttwak gewinnt am Donnerstag in der Neuen Zürcher Zeitung nachträglich den Iran-Krieg. Die Niederlage sei auf »die Angst vor einem Ereignis, das sich niemals zutragen würde«, zurückzuführen. Luttwak meint »die Hysterie um einen ›Einsatz von Bodentruppen‹, die unter Isolationisten und Mitarbeitern des Vizepräsidenten J. D. Vance um sich zu greifen schien«. Niemand habe aber eine Invasion in den Iran vorgeschlagen, obwohl vor Beginn des Krieges »rund 3.000 Fallschirmjäger der 82. Luftlandedivision in die Region entsandt« worden seien, die sich den dort bereits stationierten 5.000 Marines angeschlossen hätten. Nach Luttwaks Meinung wäre diese Truppenkonzentration »mehr als ausreichend gewesen, um der völlig vorhersehbaren – und vorhergesagten – Reaktion der Revolutionswächter entgegenzuwirken«, nämlich dem Abschnüren der Straße von Hormus.

Das geschah nicht, und Luttwak sieht als Ursache: »Auch Amerika ist heute ein postheroisches Land. Die USA zeigen heute keine höhere Bereitschaft mehr, in den Krieg zu ziehen, als ihre europäischen NATO-Verbündeten. Gegenüber dem politischen und kulturellen Wandel ist selbst eine starke Führung machtlos.« Er sei »eine unausweichliche Folge des Rückgangs der Geburtenrate auf 1,6 Kinder pro Frau«. Der Verlust eines Sohnes im Krieg bedeute »häufig das Ende der Familie«. Die Auffassung, Kriege hätten etwas mit Geburtenraten zu tun, ist zwar bei kriegsgeilen Schreibtischstrategen verbreitet, aber selten derart kurzschlüssig zur Taktikerklärung herangezogen worden. Luttwak kommt es vermutlich nur auf die Schlussfolgerung an: »Dieser Krieg, der von einem wankelmütigen Präsidenten geführt wurde, hat nicht nur dazu geführt, dass Amerikas schlimmste Feinde trotz primitiver Raketentechnik, ungeschickten Militäroperationen und einer völlig desaströsen nationalen Politik als Sieger hervorgegangen sind. Er hat die Schlagkraft der Vereinigten Staaten auf europäisches Niveau gesenkt. Truppen, die selbst für wichtige Ziele nie eingesetzt werden, sind von geringem Wert.«

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Das stimmt, aber Luttwak sieht das mit den »Europäern« falsch. Die haben zwar auch wenig Kinder, rappeln sich aber aus ihrer Kriegsuntüchtigkeit heraus. Ein Vorbild ist der deutsche Kriegsminister Boris Pistorius. Er wählte den 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am Montag, um ein Manöver mit der in Litauen für den Krieg gegen Russland stationierten deutschen Brigade zu besuchen. Mehr prä- als postheroische Propaganda steuerte am selben Tag die FAZ mit einer Reportage über die Übung bei. Überschrift: »Immer abschreckender«. Unterzeile: »22. Juni 2026. Erstmals übt die neu aufgestellte Brigade Litauen als Kampfverband mit Hunderten Soldaten der Ostflanke. Es sieht schon ganz gut aus – wenn bloß die Norweger nicht wären.« Die stellten nämlich den Feind dar und gewannen. Wladimir Putin muss noch nicht kapitulieren.

Soll er aber, herrschte am Donnerstag Gesine Dornblüth in einem Kommentar für den Deutschlandfunk zur Ukraine-Geberkonferenz in Gdańsk: »Russland muss in der Ukraine scheitern.« Dann werde »nicht nur die Ukraine genesen, sondern mit ihr auch das kränkelnde Europa«. Kränkelschwester Dornblüth hat’s gefunden. Mit »Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen« bestritt schon der Kaiser den Ersten Weltkrieg. Die Ukraine ist fast wie damals unser, da müssen auch die alten Parolen wieder her. Luttwak hat keine Ahnung, zu welchen Genesungskriegen das kinderlose Westeuropa, pardon: Deutschland, fähig ist.

→ Mit »Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen« bestritt schon der Kaiser den Ersten Weltkrieg. Die Ukraine ist fast wie damals unser, da ziehen auch die alten Parolen wieder.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.06.2026, Seite 3, Der schwarze Kanal

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