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Israels Krieg gegen den Libanon

Nachhaltig vergiftet

»Daher weist für uns die Spur zu Bayer«: Der Verdacht steht im Raum, dass Israel im Südlibanon Produkte des Leverkusener Konzerns als Chemiewaffen einsetzt

Foto: Emilie Madi/REUTERS
Untersuchung einer Bodenprobe aus dem Südlibanon auf Rückstände von weißem Phosphor (Beirut, 20.5.2024)

Am 8. Oktober 2023 eröffnete die Hisbollah vom Südlibanon aus eine zweite Front zur Unterstützung Gazas. Bis zum Inkrafttreten des Waffenstillstands am 27. November 2024 wurden mehr als 4.000 Libanesen durch israelische Angriffe getötet. Während Israel behauptet, ausschließlich auf »Terroristen« zu zielen und Zivilisten zu schonen, sieht die Realität anders aus. Zum einen sind Hisbollah-Mitglieder – genau wie diejenigen der Hamas – nicht automatisch militärische Kombattanten. Die »Partei Gottes« ist eine Massen- und seit mehr als 20 Jahren auch Regierungspartei im Libanon, die Rundfunksender, Genossenschaften, Geschäfte, Kindergärten und Krankenhäuser betreibt und über Zehntausende Mitglieder und Beschäftigte verfügt, die reine Zivilisten sind. Zum anderen ist gut dokumentiert, dass die israelische Armee sowohl Journalisten und medizinisches Personal gezielt angreift als auch auf Kriegstechniken setzt, die den massenhaften Tod von Zivilisten mindestens billigend in Kauf nehmen. Dazu zählen etwa die Bombardierung von Wohnhäusern, wodurch wiederholt ganze Familien auf einen Schlag ausgelöscht wurden, oder Anschläge mittels präparierter Pager.

Bereits ab dem 10. Oktober 2023 setzte Israel zudem weißen Phosphor in Dutzenden Dörfern und Städten im Südlibanon ein. Das chemische Element entzündet sich bei Kontakt mit Sauerstoff und brennt mit einer Hitze von bis zu 1.300 Grad Celsius. Es hinterlässt großflächige und tiefe Verbrennungen und kann beim Eindringen in den Blutkreislauf zu Organversagen und zu schweren Folgeerkrankungen führen. Ähnliches gilt für die Vegetation: Da Phosphorbrände kaum zu löschen sind, richten sie große Schäden bei Pflanzen und Böden an, die zudem nachhaltig vergiftet werden. Daher warnen Wissenschaftler, dass die israelische Kriegführung langfristige und womöglich irreversible Schäden an der Umwelt und der Landwirtschaft verursachen und den Süden des Libanon möglicherweise sogar unbewohnbar machen könnte. Ahmad Baydoun zufolge, der zu den räumlichen und ökologischen Auswirkungen von Kriegführung forscht, setzte Israel zwischen Oktober 2023 und November 2024 rund 250mal weißen Phosphor ein. Der libanesische Landwirtschaftsminister Nizar Hani sprach von »massiven Schäden auf Tausenden von Hektar« in Höhe von mehr als 800 Millionen US-Dollar.

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Allerdings ist weißer Phosphor nicht die einzige Substanz, die die israelische Armee als faktische Chemiewaffe im Libanon einsetzt. Anfang Februar 2026 erhob die libanesische Regierung Vorwürfe, wonach Israel das Umweltgift Glyphosat über libanesischem Gebiet versprüht habe. Hani zufolge lag die Konzentration »20 bis 30mal höher als die übliche Dosis«, in der das Pestizid normalerweise in der Landwirtschaft eingesetzt wird und die bereits als giftig und sogar krebserregend gilt. Betroffen sei ein Gebiet, das sich über 18 Kilometer entlang der Grenze zwischen Libanon und Israel erstreckt. Das Thema kam in Deutschland am 13. Februar bei einer Regierungspressekonferenz und am 13. März im Zuge einer schriftlichen Anfrage der Linkspartei zur Sprache. In beiden Fällen zielten die Fragen an die Bundesregierung darauf ab, was diese zu dem Einsatz zu sagen habe, und in beiden Fällen lautete die Antwort fast wortgleich: »Jede (militärische) Maßnahme« müsse »im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht stehen«.

Was nicht zur Sprache kam, war die Frage, woher das Glyphosat denn eigentlich stammt. Das ist durchaus auffallend, denn der bekannteste Glyphosat-Hersteller der Welt, der US-Agrarkonzern Monsanto, wurde 2018 von der deutschen Bayer AG übernommen. Auf diese Zusammenhänge verwies im April die Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG). Brigitte Hincha-Weisel vom Vorstand der CBG erklärte damals anlässlich des Ostermarschs, ihre Initiative habe »in diesem Jahr noch einen Grund mehr, auf die Straße zu gehen, denn Glyphosat kommt im Nahostkrieg als Chemiewaffe zum Einsatz«. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Medico International und der libanesischen NGO »Public Works« vergangene Woche untermauerte Jan Pehrke von der CBG diese Vorwürfe. Er erläuterte, dass Glyphosat und weißer Phosphor aus demselben Grundstoff hergestellt werden, und verwies darauf, dass Amnesty International 2023 nachgewiesen hat, dass von Israel eingesetzter weißer Phosphor aus den USA stammt. »Daher weist für uns die Spur zu Bayer«, so Pehrke. Denn Monsanto sei in den Vereinigten Staaten das einzige Unternehmen, das Phosphor produziere. Zudem gebe es Unterlagen der US-Regierung, die belegten, dass von Monsanto stammendes Phosphor über das israelische Chemieunternehmen ICL Group an das US-Militär geliefert werde. Zwar hatte der Bayer-Vorstand auf der Aktionärshauptversammlung im April auf Nachfrage bestritten, Glyphosat an das israelische oder das US-Militär zu liefern. Trumps Dekret vom Februar, in dem Phosphor und Glyphosat als verteidigungsrelevant eingestuft wurden, hatte die Konzernspitze jedoch vehement und wiederholt begrüßt.

Hintergrund: Zerstörung des Südlibanon

Wie Amnesty International Ende Oktober 2023 berichtete, griff die israelische Armee am 16. des Monats das südlibanesische Dorf Dhayra mit weißem Phosphor an. Der NGO zufolge handelte es sich »um einen wahllosen Angriff« auf Zivilisten. Knapp ein Jahr später, am 1. Oktober 2024, marschierte Israel in den Südlibanon ein und machte mehrere Dörfer, darunter Dhayra, praktisch dem Erdboden gleich. Amnesty zufolge sind zwischen dem 4. Oktober 2024 und dem 30. Januar 2025 264 Gebäude in Dhayra zerstört worden, »71 Prozent der kompletten Bausubstanz«. Zudem wurden rund 18 Hektar der zum Dorf gehörenden landwirtschaftlichen Fläche durch die Besatzungsarmee vernichtet. Das Brandschatzen Dhayras ging seither noch weiter.

Bereits vor der Bodeninvasion setzte die israelische Armee auf systematische Zerstörungen in der Grenzregion. Dazu zählte nicht zuletzt der Einsatz von weißem Phosphor in über 30 Ortschaften entlang der sogenannten blauen Linie zwischen Libanon und Israel. Ein Großteil der Zerstörungen fand jedoch nach dem israelischen Einmarsch und vor allem nach Inkrafttreten des Waffenstillstands zwischen Israel und Libanon statt. Laut dem im Libanon stationierten UN-Kontingent (UNIFIL) hatte Israel das Abkommen rund 10.000mal verletzt, bevor die Hisbollah Anfang März dieses Jahres als Reaktion auf den erneuten Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran die Kampfhandlungen wieder aufnahm. Zu diesen Brüchen des Waffenstillstands zählte auch der Einsatz von Glyphosat im Südlibanon im Februar 2026. Seither hat Israel die Gewalt noch weiter gesteigert. Bei großangelegten Luftangriffen wurden über 3.400 Libanesen getötet und mehr als 10.000 verletzt. Rund 1,5 Millionen Menschen – etwa ein Viertel der libanesischen Gesamtbevölkerung – sind derzeit auf der Flucht, darunter mehr als 370.000 Kinder. Zivile Infrastruktur wird gezielt zerstört.

Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass es bei der systematischen Vertreibung der Bevölkerung und dem Einsatz von weißem Phosphor und Glyphosat primär darum geht, eine menschenleere Pufferzone im Südlibanon zu schaffen. Allerdings darf man nicht unbeachtet lassen, dass sich der siedlerkoloniale Expansionismus Israels durchaus auch auf den Libanon bezieht und die Entvölkerung die Grundlage für eine perspektivische Annexion und Besiedlung schafft. Darauf deuten auch die Worte von Israels Kriegsminister Israel Katz vom April hin, man werde im Libanon das »Rafah- und Khan-Junis-Modell« anwenden. Mit anderen Worten: totale Zerstörung und »ethnische Säuberung« bis hin zum Völkermord mit dem Ziel der Annexion. (lw)

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.06.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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