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Nahostkonflikt

Teherans rote Linie

Iran besteht auf Einbeziehung Libanons in Feuerpause und startet gemeinsam mit Jemens Ansarollah Vergeltungsangriff gegen Israel. Tel Aviv bombardiert Teheran

Foto: Naama Stern/REUTERS
Irans Feuerkraft hat den Westen überrascht: Abgebrannte Raketenstufe in der von Israel besetzten Westbank (8.6.2026)

Dichte Rauchwolken steigen über der iranischen Hauptstadt auf – zum ersten Mal seit 61 Tagen, seitdem die Waffenruhe vom 8. April zwischen den USA und Iran in Kraft getreten ist. Am Montag waren Explosionen in Teheran, Täbris, Isfahan und Karadsch zu hören, der Flughafen Mehrabad wurde gesperrt. Die israelische Luftwaffe hat in der Nacht Ziele im Westen und Zentrum des Landes angegriffen – trotz der Warnung von US-Präsident Donald Trump an Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, weitere Bombardements zu unterlassen.

Was wie eine plötzliche Eskalation wirkt, folgt einer Kette von Ereignissen, die kurz zuvor in den südlichen Vororten Beiruts ihren Anfang nahm: Israel bombardierte am Sonntag den Stadtteil Dahija – zum ersten Mal seit der Erneuerung der US-vermittelten Waffenruhe, die erst drei Tage alt war. Ein Wohngebäude wurde getroffen; zwei Menschen starben und zwanzig wurden verletzt, wie das libanesische Gesundheitsministerium mitteilte. Aus iranischer Sicht hat Israel damit eine »rote Linie« überschritten – Teheran hatte zuvor damit gewarnt, dass weitere Angriffe auf Beirut Konsequenzen haben würden. Das iranische Militär schoss daraufhin eine Salve ballistischer Raketen auf Israel ab, Tel Aviv erwiderte das Feuer – womit die Waffenruhe das wurde, was sie von Beginn an war: Makulatur.

Teherans Angriffe machen klar, dass das Land keinen isolierten Frieden mit den USA akzeptieren will. Aus iranischer Sicht kann ein Arrangement mit Washington nicht von Libanon, Gaza und weiteren Schauplätzen israelischer Aggression abgekoppelt werden. Für die Al-Dschasira-Korrespondentin Zeina Khodr stellt der Iran somit ein neues Prinzip auf: Wenn ihr Beirut angreift, greifen wir Israel an. Dabei bleibt Irans Vorgehen militärisch begrenzt. Um tatsächlich operativ wirksam zu sein, müsste das Land einen sogenannten Sättigungsangriff durchführen und gezielt israelische Sensorik, Flugabwehr und Führungsstrukturen ins Visier nehmen. So demonstriert Teheran vor allem, dass es weiterhin über umfangreiche militärische Kapazitäten verfügt.

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Parallel verschärft sich für Israel der maritime Druck: Die Ansarollah (»Huthis«) im Jemen haben eine vollständige Sperre für die Schiffahrt des Landes im Roten Meer und durch den Bab Al-Mandab erklärt sowie ihrerseits eine Raketensalve auf Tel Aviv abgefeuert. Damit rückt neben Hormus auch Bab Al-Mandab als Nadelöhr globaler Waren- und Lieferströme wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Eskalation treibt die Ölpreise nach oben: Händler kalkulieren wieder ein höheres Risiko für Störungen an den beiden Meerengen ein.

Was wie ein Kontrollverlust Washingtons über seinen engsten Verbündeten aussieht, ist die bewusste Arbeitsteilung einer operativen Einheit: Washington dementiert direkte Beteiligung, hält aber den militärischen Schutzschirm, ohne den Israels Eskalationspolitik kaum denkbar wäre, aufrecht. Während Trump öffentlich verkündete, er allein treffe die Entscheidungen, und Netanjahu habe dabei nichts zu sagen, weitet Israel den Krieg immer weiter aus. Das Zentralkommando der US-Streitkräfte (Centcom) bestätigte zwar eine militärische Abstimmung mit Tel Aviv, dementierte allerdings eine direkte Beteiligung an den Angriffen. Teheran weist diese Trennung zurück: Außenamtssprecher Esmaeil Baghaei machte die USA als Hauptunterstützer der Netanjahu-Regierung und Unterzeichner des Waffenruheabkommens für israelische Verstöße mitverantwortlich.

Den ideologischen Rahmen der US-amerikanisch-israelischen Einheit benennt kaum jemand so offen wie Mike Huckabee, US-Botschafter in Israel mit Sitz in Jerusalem. Für Huckabee sind die Großisrael-Ansprüche zwischen Nil und Euphrat biblisch legitimiert – ohne inhaltliches Dementi aus Washington. Was er ausspricht, ist die Grundlage aktueller israelischer Regierungspolitik: Finanzminister Bezalel Smotrich – zentraler Architekt des derzeitigen Annexionskurses im Westjordanland – hatte seine »Vision« 2017 schriftlich niedergelegt: ein israelischer Großstaat vom Mittelmeer bis zum Jordan ohne palästinensische Selbstbestimmung. Der Koalitionsvertrag Netanjahus kodifiziert das als Staatsdoktrin: Das jüdische Volk habe ein ausschließliches und unveräußerliches Recht auf alle Teile des »Landes Israel«.

Und so sperrte Israel in einer weiteren Eskalation der Vertreibungspolitik am Montag die Grenzübergänge Kerem Schalom und Rafah für medizinische Evakuierungen und Hilfslieferungen nach Gaza. Am Wochenende waren bei israelischen Angriffen in der abgeriegelten Enklave mindestens 22 Menschen getötet worden, darunter Kinder und Vertriebene in Zelten – seit der Waffenruhe im Oktober hat die Armee nach lokalen Behördenangaben knapp tausend Palästinenser getötet.

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.06.2026, Seite 7, Ausland

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