Von Menschen, Monstern und Maschinen
Übernehmen Computer die Macht? Geht die Welt unter – oder nur der Kapitalismus? Und was bedeutet das für den Journalismus – und die junge Welt?
Über eine Technik nicht selbst zu verfügen ist für die EU kein Hinderungsgrund, regulatorisch einzugreifen. Verwunderlich ist höchstens, dass es rund vier Jahre seit allgemeiner Nutzbarkeit von »großen Sprachmodellen« – landläufig als künstliche Intelligenz (KI) bezeichnet – gedauert hat, bis die EU-Kommission am 2. August ein Regelwerk dazu in Kraft gesetzt hat. In Artikel 50 der EU-Verordnung (»AI Act«) werden professionelle Anbieter und Betreiber verpflichtet, künstlich erzeugte oder manipulierte Inhalte (wie Bilder, Chatbots oder auch redaktionelle Texte) unmissverständlich als KI-Inhalte zu kennzeichnen – wenn sie »besondere gesellschaftliche Relevanz« haben oder »öffentliches Interesse« berühren. Dies ist bei Presseerzeugnissen gegeben. Ausnahmen bestehen, wenn Menschen das Endlektorat vornehmen oder es sich um Kunst, Satire oder rein fiktionale Werke handelt. Eine ganze Reihe völlig ungeklärter Auslegungsfragen dürfte die Gerichte in den nächsten Jahren gut beschäftigen.
Für die Redaktion der Tageszeitung junge Welt ändert sich durch die Verordnung nichts, denn unsere eigene – bereits im Juni aktualisierte – Richtlinie zum Umgang mit dieser Technik schränkt deren Verwendung erheblich ein und geht dabei über die EU-Anforderungen deutlich hinaus: In der jW »schreiben Menschen für Menschen. Wir veröffentlichen daher keine maschinell erstellten oder mit Hilfe einer KI umgeschriebenen Texte«, heißt es in unseren Geschäftsbedingungen (Paragraph 8.4 ff.). Auch die (wenigen) Ausnahmen wie Datenanalyse- oder Übersetzungswerkzeuge werden definiert: Die Kontrollinstanz ist stets ein Mensch. Verwendung ist offenzulegen, im Falle von kreativer Bildbearbeitung müssen Modifikationen kenntlich gemacht werden.
Auch andere Medien mussten in der regulierungsfreien Zeit ihren Umgang mit der längst in die Büros geschwappten Software finden. Hier dürften nun teils hektische Nachbesserungen nötig sein, um der EU Genüge zu tun. Doch bevor wir einen Blick auf den Umgang der Konkurrenz mit der KI werfen, ist eine grundsätzliche Einschätzung der Entwicklung nötig.
Künstliche Intelligenz …
Ende Juli hatte Sam Altman bedeutende Neuigkeiten zu verkünden. »Wir sind jetzt in der Singularität, das ist der Moment«, sagte der CEO des billionenschweren KI-Unternehmens Open AI. Was meint der Mann? Die sogenannte technologische Singularität ist ein (hypothetischer) Zustand, in dem Maschinen die menschliche Innovationskraft allumfassend abgelöst haben. Die erste derartige Intelligenz wäre also die letzte Erfindung der Menschheit. Danach übernehmen Elektronenhirne. Und das soll tatsächlich jetzt und gerade passiert sein? Zweifel sind angebracht.
Bereiche, in denen Computer dem Menschen überlegen sind, gibt es seit langem. Um schnelles Rechnen, das alle Taschenrechner-Apps besser als die klügsten Mathematiker der Welt beherrschen, geht es Altman nicht. Sondern um eine Art Gottesmaschine, die alles kann, besser als jeder Mensch. Ein solches Denken ist in der westlichen Popkultur und auch im US-amerikanischen Techmilieu tief verankert: HAL 9000, Skynet, Blade Runner. Nicht zu vergessen: Open AI mit Altman an der Spitze steht in Konkurrenz zu Firmen wie Anthropic (USA) – und ganz vielen weiteren, die fast alle in der VR China beheimatet sind. Es geht um Hunderte Milliarden US-Dollar, die eingesammelt werden sollen. Da kommen Horrormeldungen wie die vom »Ausbruch« der KI, die unkontrolliert auf Raubzug gegangen sein soll, für die nächste Kapitalisierungsrunde ganz recht, beweisen sie doch die vermeintliche Allmacht des Produkts.
Was bedeutet dies für die menschliche Schaffenskraft im allgemeinen – und für Text- und Medienproduktion im besonderen? Wenn das Jahr 2022 – damals erfolgte der Durchbruch zur Massentauglichkeit – als Geburtsstunde der KI genommen wird, ist nicht nur besagte Intelligenz, sondern auch die künstliche Dummheit rund vier Jahre alt. Ministerpräsidenten, die ihre Ansprachen von Chat-GPT schreiben lassen und dann ungeprüft ablesen; hochbezahlte Leitartikler, die ihre Sottisen in Sekunden auf Knopfdruck generieren und dann mit dem eigenen Namenszug adeln; Studenten, die ohne Internet an den einfachsten Fragen scheitern – all diese Missstände scheinen in sehr kurzer Zeit über uns gekommen zu sein. Ihr menschliches Äquivalent aber ist bedeutend älter. Auch früher sind Politiker über Doktorarbeiten gestürzt, die von (menschlichen) Ghostwritern zusammenkopiert wurden. Schüler haben geschummelt, Journalisten Quellen und Aussprüche erfunden. Manchmal wurden sie erwischt.
… menschliche Dummheit
Die Frage allerdings, ob die heute als KI bezeichnete Technik schon einen einzigen wirklich originellen eigenen Gedanken hervorgebracht hat oder doch nur eine bessere Autovervollständigungsfunktion ist – ob sie also mehr ist und sein kann als die Summe der Daten, mit denen sie trainiert wurde –, ist letzten Endes philosophischer Natur. Um diese Diskussion, die im Silicon Valley mit religiösem Eifer geführt wird, kann und soll es hier nicht gehen; wer sich in die Untiefen eines im Kern idealistischen US-Diskurses einlesen möchte, mag nach dem kruden Gedankenexperiment »Rokos Basilisk« im Internet suchen.
Halten wir uns statt an Gottesmaschinen besser an den Marxismus. China verwendet die Bezeichnung »neue Produktivkräfte« für die KI und weitere Zukunftstechnologien (wie humanoide Robotik). Damit wird nicht zufällig auf Marx und Engels Bezug genommen. Dass »jede neue Produktivkraft, sofern sie nicht eine bloß quantitative Ausdehnung der bisher schon bekannten Produktivkräfte ist, (…) eine neue Ausbildung der Teilung der Arbeit zur Folge« habe, hatten die beiden schon in der »Deutschen Ideologie« 1845/46 festgestellt. Die Produktivkräfte korrespondieren also mit den Produktionsverhältnissen: Die damals neuen Techniken wie Eisenbahn und Schwerindustrie benötigten zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu ihrer vollen Entfaltung bestimmte (andere) gesellschaftliche Bedingungen und Voraussetzungen; einen modernen, kapitalistischen Staat. Die feudalen Strukturen waren dazu außerstande und wurden durch Kriege und Revolutionen beiseitegeräumt.
Wenn die Einschätzung der chinesischen Marxisten richtig ist, stellt sich die Frage erneut: Mit welcher Gesellschaftsordnung harmonieren diese »neuen Produktivkräfte« in dem Sinne, dass sie dem Menschen ein Nutzen und kein Übel sind? Und was passiert, wenn sie sich statt dessen doch im Kapitalismus zu entfalten trachten? Es genügt, die Automatisierung der Produktion, die KI im Bunde mit Robotik zu leisten verspricht, konsequent zu Ende zu denken: Ohne »doppelt freie« menschliche Arbeit entsteht kein Mehrwert. Roboter erhalten keinen Lohn – und kaufen auch nicht ein. Und da der durchschnittliche Arbeitslohn nur die notwendige Reproduktion der Ware Arbeitskraft ermöglicht, aber eben auch nicht mehr, würde eine weitgehende Automatisierung Massenverelendung zur Folge haben – auch wenn Elon Musk das Gegenteil behauptet und von »Luxus-Kommunismus« schwadroniert. Mit ihm als Chefboss und Gewinnberechtigtem wäre das eher ein Technofaschismus.
Gegen den Menschen
Aktuell müssen wir uns damit abfinden, dass hierzulande jede Innovation gegen den Menschen und seine ureigenen Interessen verwendet werden wird – als Mittel zur Erhöhung der Mehrwertrate und zur Veränderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals (durch Massenentlassungen). Es wäre sehr verblüffend, wenn die Medienbranche eine Ausnahme machen würde. Und so haben sich alle Häuser auf einer Skala von null (keine KI) bis 100 (KI macht alles) eingeordnet, bevor sich die EU zu Wort gemeldet hat. Wobei: »Null KI« ist unmöglich, wenn nicht wieder zu Schreibmaschine und Schere gegriffen werden soll, denn solche Tools sind mittlerweile tief verbaut – vom Freistellen von Bildern in Grafikprogrammen bis zur Autokorrektur.
Der Spiegel zum Beispiel fährt einen harten Kurs und schränkt die KI-Nutzung erheblich ein. Die FAZ hat einen Beitrag des Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt, der von einer KI geschrieben wurde, depubliziert, der Tagesspiegel seinen Chefkommentator freigesetzt. Auf der anderen Seite stehen Springers Blätter, deren oberster Chef Mathias Döpfner auch gern selbst zum Prompt greift, um schreibfaulen CDU-Ministerpräsidenten aufzuhelfen. Bei der Ostdeutschen Medienholding (Berliner Zeitung, Ostdeutsche Allgemeine) heißt es in der KI-Richtlinie gar: »KI-assistierte und KI-generierte Texte werden bei uns nicht gesondert gekennzeichnet. Da KI über kurz oder lang an nahezu allen Texten beteiligt sein wird und sollte, wäre eine Einzelkennzeichnung nicht mehr zeitgemäß.«
Wir sehen das anders. Denn allzu oft geht es bei verschwenderischer Nutzung von KI darum, viel »Content« mit entsprechend algorithmenoptimierten, knalligen Überschriften zu produzieren, die in den Netzwerken »geklickt« werden. Das erhöht die Werbeeinnahmen. Welche Qualität dieser »Content« hat, zeigt sich daran, dass solche Artikel oft auf keiner Startseite mehr verlinkt und damit in den offiziellen Medienauftritten gar nicht zu finden sind. Entscheidend ist nur, dass sie bei Google News oder auf Facebook hoch oben plaziert werden.
Unter gesellschaftlich rückständigen Produktionsverhältnissen ist Produktivkraftentwicklung oft eher Fluch als Segen, für Produzenten wie Konsumenten. Und dennoch lässt sich die Entwicklung nicht aufhalten, denn der Profitdruck selbst zwingt zur Automatisierung. Dem Rad der Zeit greift niemand in die Speichen, selbst die EU nicht. Insofern hat das Ideologengespann Mathias Döpfner/Holger Friedrich durchaus recht – aus Kapitalverwertungslogik betrachtet. Dass das, was dabei herauskommt, nur eine Perversion dessen ist, was unter anderen Bedingungen möglich wäre: geschenkt. Die junge Welt hingegen verfügt über den ganz unverschämten Luxus, keine Profite ausschütten zu müssen, sie steckt ihre bescheidenen Gewinne in Infrastruktur und Personalausbau (und erhöht ab und an die Löhne). Dem zum Dank entziehen wir uns einfach dieser Logik und machen weiter Journalismus: nicht geschrieben von Computern, sondern von Menschen – für Menschen, nicht für Algorithmen. Und das geht: aufgrund Ihres Abonnements!
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
