Er denkt, aber ist er, wer er denkt?
Phantastische Comics von Daria Schmitt, Régis Loisel und Jean-Blaise Djian im Bielefelder Splitter-Verlag
Manche Comics zeigen Dinge und erzählen Geschichten, die es im Film nicht zu sehen gibt. Drei groteske Erzählungen sind beim Splitter-Verlag erschienen. Die Französin Daria Schmitt hat zwei sonderbare Comics zu H. P. Lovecraft und René Descartes geschaffen. In unserer Welt steht auf Lovecrafts Grabstein das Zitat »I am Providence« aus einem seiner Briefe, »Ich bin die Vorsehung«. Der Meister des kosmischen Grauens wurde auch in Providence, Rhode Island, geboren und verbrachte dort mit Ausnahme von ein paar Ehejahren sein ganzes Leben. Im Comic ist Mr. Providence Wächter eines Parks, in dem unheimliche und gefährliche Dinge passieren. Die neue Direktorin aber plappert in schönstem Unternehmensneusprech von innovativen Konzepten, um den Park zum Freizeitangebot und zur Erholungsstätte zu machen. Kinder kommen zum Spielen. Philippe Druillet, der Lovecraft seit 1976 mehrfach adaptiert und illustriert hat, zeigt sich im Vorwort von Schmitts »magischen Visionen in Schwarz und Weiß« und ihren »wie eine Partitur komponierten Farben« begeistert.
Ebenfalls phantastisch gezeichnet und koloriert, aber erzählerisch etwas weniger überzeugend, ist Schmitts jüngere Arbeit »Der Totenkopf aus Schweden«. Der Schädel wird in der anthropologischen Abteilung des naturgeschichtlichen Museums in Paris aufbewahrt und gehörte vermutlich einmal René Descartes. Das ist leider nicht sicher, weil die Gebeine des großen Denkers mehrfach umgebettet wurden. 16 Jahre nach seinem Tod wurden sie nach Frankreich geschmuggelt und in der Kirche Sainte Geneviève beigesetzt. In den Wirren der Revolution wurden sie von dort in eine andere Kapelle verbracht – sofern die Gräber damals das richtige Grab leerten. Später führte das Hochwasser von 1910 zu großem Durcheinander. Entsprechend verwirrt ist der Geist. Er denkt, also ist er, aber ist er, wer er denkt? Seine philosophischen Gesprächspartner sind ein vor langer Zeit gestrandeter Blauwal, ein Dodo und noch ein paar andere Tiere, die es dem großen Denker immer noch übel nehmen, dass er sie seinerzeit als Automaten bezeichnet hat. Zum Glück liefert der illustrierte Anhang einige Hintergründe.
Ganz unwissenschaftlich, dafür ein wenig frivol und mindestens ebenso witzig wie Schmitts Phantasien ist »Das letzte Haus am Rand des Waldes« der erfahrenen Künstler Régis Loisel (Zeichnungen) und Jean-Blaise Djian (Szenario), die neben zahlreichen eigenen Werken schon viele Klassiker adaptiert und Serien weitergeführt haben. Pierrot de Cormolan ist Postbote in Paris und wirklich keine Schönheit. Grund dafür, dass er sich trotzdem für unwiderstehlich hält, ist nicht nur, dass er im Spiegel tatsächlich immer das Bild eines Schönlings sieht, sondern auch, dass er nicht gerade die hellste Kerze auf dem Kuchen ist. Täglich schmachtet er die Schaufensterpuppe Lola an, die in ihrer Reizwäsche trotz fehlender Arme sehr ansehnlich dasteht. Den Autos und der Kleidung nach sind wir in der guten alten Zeit vor Rockmusik und Internet, als die Menschen noch anständig gekleidet waren, Postboten noch Fahrrad fuhren und Märchen manchmal Wirklichkeit wurden.
Wie jeden Freitag fährt Pierrot zu seinen Eltern in der Vorstadt, aber diesmal fährt die zu Fleisch und Leben erwachte Lola mit und sitzt ihm sogar in der Tram gegenüber. Kurz verliert er sie aus den Augen, als er für seinen Vater, den der böse Zauber seiner Mutter schon vor langer Zeit in eine Steinbüste verwandelt hat, einen Geburtstagskuchen kauft. Dann stellt sich heraus, dass beide dasselbe Ziel haben, nämlich besagtes Haus am Rand des Waldes. Das ist ein wahres Anwesen, mit einem dunkelhäutigen Franglais sprechenden Diener, einem gewaltigen Garten mit zauberhaften und ein wenig angsteinflößenden Kreaturen, die genauso von der damals noch ungeübten Zaubermutter kreiert worden sind wie der sprechende Entenbadering in Pierrot Wanne, und einem Gewächshaus mit gigantischen fleischfressenden Pflanzen, die neben Klein- und Großtieren auch Einbrecher und Polizisten nicht verschmähen.
Frivol wird die Geschichte, wenn erst Lola beim Diner auftragsgemäß den Vater zu bezirzen beginnt, der in seiner früheren Existenz als Offizier nichts hat anbrennen lassen, aber jetzt eben arm- und beinlos und versteinert ist und nur zuschauen kann, dann Pierrots sadistische Mutter Lola vernascht und die beiden sich nur zu bald einvernehmlich ins Schlafgemach zurückziehen. Nun droht alles zu eskalieren. Dank mehrfachem unerwartetem Besuch bekommen auch die Karnivoren im Treibhaus ein üppiges Abendmahl, die Familie setzt sich heftig auseinander und wieder zusammen, und am Ende blättert man versöhnt und belustigt zurück, um Loisels Zeichnungen und Bruno Tattis Farben noch einmal ausgiebig zu bewundern: Was für ein schöner Quatsch!
→ Daria Schmitt: Das Traumbestiarium des Mr. Providence. Splitter-Verlag, Bielefeld 2023, 120 Seiten, 29,80 Euro
→ Daria Schmitt: Der Totenkopf aus Schweden. Splitter-Verlag, Bielefeld 2026, 120 Seiten, 25 Euro
→ Régis Loisel (Szenario), Jean-Blaise Djian (Zeichnungen), Bruno Tatti (Kolorierungen): Das letzte Haus am Rande des Waldes. Splitter-Verlag, Bielefeld 2026, 184 Seiten, 49,80 Euro
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