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Landlust

Egersdörfer

Aus der Provinz

Foto: Andreas Weihs/imago
Matthias Egersdörfer in der Humorzone Dresden im Alten Schlachthof

Kaum etwas gibt genauer Auskunft über die deutsche Provinz als das jeweilige Regionalmonopolpreßerzeugnis. Die uns bekannten Nürnberger Nachrichten sind ein getreuer Widerschein der namensgebenden Stadt, einer Mulde voller Schäbigkeit, ungerechtfertigter Arroganz und intellektueller Betätigung auf dem Niveau klimakatechismusabhängiger Kleingärtner.

Anfang des Jahres wurde wieder der Deutsche Kabarettpreis verliehen, und dem Prozedere gemäß eröffnete der Vorjahreshauptpreisträger Matthias Egersdörfer die Angelegenheit. Das Entree zu seinem Monolog war eine Meditation über einen Kronkorken vor einem Kellerfenster, ein Beispiel dafür, dass allein der schauend sinnierende Mensch ein der kleinteiligen Wirklichkeit hingegebener ist, ein Wesen, das der Weltkälte und dem Regiment von Dummheit und Konformismus scheinbar belanglose Impressionen entgegenzusetzen versucht.

Das ist Egersdörfers unvergleichliche Leistung: die melancholische Zerstäubung des Kabarettkosmos, in dem Gedankenlosigkeit, Empfindungsindolenz und Sprachverschüttung obwalten; die Aufkündigung des Paktes, den die öffentlich-rechtlich alimentierten Staatsschleimer mit dem tonangebenden politischen Personal und dem kognitiv perforierten »Zeitgeist« geschlossen haben.

In gemessenem Ton legte Egersdörfer danach dar, wie es um die kurrente Korruption in Nürnberg bestellt ist. Der »Immobilienherzog Dr. Schmelzer«, der CEO des fränkischen Bezirks der Arbeitgebervereinigung Schlau-Scheine-Werden, und seine Gattin, die »Kulturbürgermeisterin Prof. Dr. Julia Lehner« (die über »Mode im mittelalterlichen Nürnberg« promoviert hat), fungierten als »die leuchtenden Edelsteine in unserem Stadtbild«, sintemalen dieses »Traumpaar« in unablässiger reziproker Befruchtung den letzten hiesigen Künstlern die Ateliers unter den Ärschen wegreiße, ein »Zukunftsmuseum« aus der Luft gefischt habe, für das es aus Markus Söders Staatsknetebeutel knapp drei Millionen Euro Miete pro Jahr einstreiche, und – unter der Hutfederführung der egoorientierten Marketingdozentin Lehner – ein »Kulturareal Kongresshalle« aus dem herrschaftlichen Zylinder gezogen, also auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände ein »Diktaturüberbleibsel zum Wohlfühlen«, »ein Neuschwanstein« zum »Chillen in antifaschistischer Leichtigkeit« gebastelt habe, in dem womöglich demnächst »Kinder kleine Hakenkreuzbrezen formen« und der »Superstars der guten Unterhaltung« gedacht werde, Adolf Dürers und Albrecht Hitlers, der »ewigen Nürnberger Cashcows«. Brevis: Lehner und Schmelzer – beide bei der Veranstaltung anwesend –, die Neoinkarnation des gewieften Eheduos aus »Hart aber herzlich«, hätten »Sinn und Verstand überwunden in Reinform«, zugunsten eines »Reichsparteitages, den die Welt noch nicht gesehen hat«.

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Das Publikum in der Tafelhalle quittierte Egersdörfers überfällige Annotationen äußerst dankbar (ich besitze den Mitschnitt). Birgit Ruf, die letzte Feuilletonredakteurin des Altpapierbündels Nürnberger Nachrichten, sah’s anders. Um drei zusätzliche Exemplare des Blattes loszuschlagen, quackelte sie, einen Skandal insinuierend, von Egersdörfers »Rage-Rede« daher und stiefelte eine ganze Kulturseite voll: »persönliche Abrechnung«, »ergoss sich Egersdörfers Güllebottich in Haudraufmanier über das Paar«, »Stänkereien über Lehners Promotionsthema«, »abgeledert«, »missbraucht«, »überzogen und deplaziert«, »schlägt um sich und überzieht dabei«.

Alles falsch, alles grobe bratwurstliche Autosuggestion. Egersdörfer hat keine noch so kleine Rechnung mit den beiden mythischen Geldvermehrern offen. Am nächsten Tag marschierte Birgit Ruf gleichwohl weiter (»Die Wellen schlagen hoch«, »diffamierende und beleidigende Tiraden […] unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit«), und sie zitierte – derweil assistiert von der Kabarettsendung »Radiospitzen« auf Bayern 2 (»brachial-satirische Abrechnung«) – die Faltenrockwurfphilosophin Lehner: »Es war, als würde jemand Müll über uns gießen. Das war kein Kabarett, sondern eine Hassrede. Der Spaß hört auf, wenn Erinnerungskultur instrumentalisiert wird, um Menschen zu beschädigen, und man sich verfassungsfeindlicher Symboliken bedient, um mich herabzuwürdigen.«

Ois drin: Hass und Hetze, Nazineigung, Erinnerungskulturschändung, Verfassungsfeindlichkeit, Vernichtungswille. Das nennt man Selbstimprägnierung. Egersdörfer hatte das genaue Gegenteil gesagt. Der Spaß hört allerdings gefälligst exakt dort auf, wo man den Großkopferten eine höchst verdiente Watschen verpasst. Egersdörfer sollte bei Bosetti, Böhmermann und dem schmerzlicherweise verwirrten Max Uthoff in die Lehre gehen. Besser dich, Bub!

Die zusammenphantasierte »Schlammschlacht« (Donaukurier) fand pressepraktisch kein Ende. Deshalb trat mein kokettes Lieblingsgenie, der Chefkommentator Alexander Jungkunz, auf den Plan und schüttete ein paar rare, vor gemimter Generosität müffelnde Zeilen auf die Seite zwei: »Achtung: Hier schreibt eine Null. ›Alexander Jungkunz bringt es fertig, absolut nichts zu können. Er kann nicht schreiben, er weiß vollkommen nichts, er versteht nicht einmal, eine Suchmaschine zu benutzen.‹ So (und härter) fertigte mich der Taz-Autor Jürgen Roth in einigen Glossen ab; einige Kollegen gerieten ebenfalls in seinen Vernichtungs-Häcksler. Was das mit der Rede von Matthias Egersdörfer bei der Verleihung des Nürnberger Kabarettpreises (…) zu tun hat, die nun heftig debattiert wird? Egersdörfer und Roth sind gute Bekannte, sie schrieben zusammen ein übrigens sehr schönes Buch über eine ›Reise durch Franken‹. Und beide eint offensichtlich eine sehr eigene Form von Humor, nennen wir es Empörungs-Salven. Es ist Satire mit der Brechstange, brachial und brutal.«

Ich muss Herrn Jungkunz neuerlich korrigieren, ungeachtet seiner persistenten stilistischen Unbeholfenheit und grammatikalischen Unzulänglichkeiten: Es ist Satire mit Brechreiz, mit pleonasmusgesättigtem brachialen und brutalen Brechreiz. Und sein Chefredakteur, Michael Husarek, hätte im Medienpodcast »Sachlich richtig« weniger darüber greinen sollen, dass seinen »Content«, sein »Themenmanagement«, der »Trust zu unserer Medienmarke« und seine »lokalen und regionalen Storys« keine Sau mehr interessieren; sondern darüber berichten dürfen, dass die Geschäftsführung des nordbayerischen Buchstabenhauses die Taz und mich vor gut eineinhalb Jahren bei einem Streitwert von einer Viertelmillion über zwei Instanzen kaputtzuklagen versucht hat.

Sie haben scheppernd verloren. Ich lobe den Rechtsstaat und schließe die Akte Nürnberger Nachrichten.

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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