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Wochenendgespräch
1953

»Da waren viele Genossen, die gegen die Nazis gekämpft hatten«

Über den Juni 1953 in Berlin, die beiden Demonstrationen vor dem Haus der Ministerien und die verlorene Fähigkeit zu offenen Aussprachen in der SED. Ein Gespräch mit Ursula Münch

Foto: akg-images/Picture Alliance
Menschenauflauf an der Sektorengrenze in der Friedrichstraße, nachdem sowjetische Panzer am 17. Juni 1953 den weiteren Zustrom von Demonstranten aus Westberlin blockiert haben

Sie haben die Junitage 1953 in Berlin als Mitarbeiterin des Zentralrats der FDJ miterlebt. Können Sie etwas zu Ihrem Lebensweg bis zum Jahr 1953 und Ihren damaligen Lebensumständen sagen?

Ich bin im März 1946, kurz vor der Vereinigung der beiden Arbeiterparteien, in Dresden Mitglied der KPD geworden, nach einer mir unvergesslichen Veranstaltung mit dem ehemaligen Reichstagsabgeordneten und KJVD-Vorsitzenden Fritz Große. Mitglied der FDJ wurde ich, als sie in Dresden aus der Antifajugend hervorging. Das war auch 1946. 1949 begann ich ein Studium an der Universität Leipzig, das ich abbrach, als mein Mann nach Erfurt versetzt wurde. Ein Fernstudium habe ich als Diplomwirtschaftlerin abgeschlossen. Meine erste Stelle habe ich, noch ohne Diplom, 1950 im Büro des damaligen Thüringer Ministerpräsidenten Werner Eggerath angetreten. 1953 war ich beim Zentralrat der FDJ tätig. Der hatte seinen Sitz in der Straße Unter den Linden. Mein Mann, Günter Münch, hatte 1952 die Leitung der Abteilung Studenten beim Zentralrat übernommen. Ich wurde damals als Instrukteurin in der Abteilung für Agitation und Propaganda eingestellt. Das war für uns eine auch persönlich herausfordernde Zeit. Wir hatten bereits zwei Kinder, die vorläufig von meiner Schwiegermutter betreut wurden. Die Trümmerwüste, die Berlin in Teilen immer noch war, haben wir täglich per Straßenbahn und S-Bahn von dem nahe der Wuhlheide gelegenen FDJ-Funktionärswohnheim bis zum Bahnhof Friedrichstraße durchquert. Auch durch das Fenster meines Arbeitszimmers im Zentralrat blickte ich auf Ruinen.

Was war Ihr Aufgabenbereich beim Zentralrat?

Meine Aufgabe bestand in der Ausarbeitung von Lektionen, die sich für Vorträge in Grundorganisationen des Jugendverbandes eigneten. Eine trug ich selber in einer FDJ-Vollversammlung des Stahlwerks Riesa vor. Ich freute mich über den Beifall. Und darüber, dass keine Diskussion vorgesehen war, denn ich war nicht gerade schlagfertig.

Wie haben Sie die letzten Wochen vor den Juniereignissen in Erinnerung?

Dass es wegen der beschlossenen Normenerhöhungen Unruhe in den Betrieben gab, haben wir meiner Erinnerung nach gewusst, auch wenn ich das mit dem Abstand so vieler Jahrzehnte nicht mehr sicher sagen kann. Vielleicht haben wir das Problem unterschätzt, weil unter uns die Einkommensfrage nicht so im Vordergrund stand. Auch unser Gehalt war alles andere als üppig. Aber es zählte allein die politische Aufgabe. In Einstellungs- oder Versetzungsgesprächen wurde nicht über Geld gesprochen, was heute vielleicht nur noch schwer vorstellbar ist. Hauptsache, es reichte zum Leben. Immerhin waren die wichtigsten Nahrungsmittel noch rationiert und billig. In der HO leistete man sich am Tag der Auszahlung des Gehalts ein Stück feines Gebäck. Viele FDJ-Mitglieder verzichteten ebenso wie ich seit geraumer Zeit auf einen Teil des Einkommens, namentlich für den Aufbau der Stalinallee.

Sie haben am 16. Juni die erste Demonstration der Bauarbeiter aus der Nähe beobachtet?

Ja. Ich bin mitgelaufen, wenn man so will. Am Vormittag des 16. Juni zog an der Rückfront des Zentralratsgebäudes zur Mittelstraße hin ein Demonstrationszug entlang. Niemand wusste, wo der herkam. Ein paar Mitarbeiter des Zentralrats, darunter auch ich, liefen kurzentschlossen hinterher und landeten so mit den Demonstranten vor dem Haus der Ministerien in der Wilhelmstraße. Wir hatten schnell festgestellt, dass der Zug fast ausschließlich aus Bauarbeitern bestand. Ihre Forderungen drehten sich um die Normenfrage. Losungen gegen die SED oder die Regierung hörte ich nicht. Es ging diesen Arbeitern um das Geld in der Lohntüte. Eine Episode habe ich noch deutlich vor Augen. Als einer von uns versuchte, ein beruhigendes Wort an die Umstehenden zu richten, wurde er sofort nach seinem Einkommen gefragt. Wir waren ja durch die FDJ-Bluse kenntlich. Der Angesprochene konnte nicht antworten, denn er wurde gleich niedergeschrien. Vermutlich hätte seine Auskunft überrascht, denn die Erbauer der Stalinallee verdienten mehr als dieser hauptamtliche FDJ-Funktionär. Aber die Arbeiter waren einfach davon überzeugt, dass die Funktionäre ein hohes Einkommen hatten. Man merkte da den Einfluss einer feindlichen Propaganda, denn das entsprach ja überhaupt nicht den Tatsachen. Einer der diskutierenden FDJler wurde über die Köpfe hinweg aus der Demonstration befördert.

Können Sie sich an Ihre erste Reaktion auf die Demonstration erinnern?

Ich verstand die ganze Aufregung nicht so recht. Drei Jahre zuvor hatte unsere Leipziger Studentenbrigade die Tagesnorm der Bauarbeiter, die neben uns beim Bau des Berliner Walter-Ulbricht-Stadions eingesetzt waren, oft mit 200 Prozent erfüllt. Ich war davon überzeugt, dass von der Lösung dieses Problems die Entwicklung des Lebensniveaus der Bevölkerung abhing. Es ist dann aber eben unglücklich angepackt worden. Die umstrittenen Regelungen wurden am 16. Juni zurückgenommen.

Wie endete die Demonstration an diesem Tag?

Eigentlich recht friedlich. Die Regierungsmitglieder Heinrich Rau und Fritz Selbmann, die sich der Diskussion mit den Demonstranten stellten, wurden zwar ausgepfiffen und teilweise auch am Sprechen gehindert, aber nicht tätlich angegriffen. Die Demonstranten wollten eigentlich Ministerpräsident Otto Grotewohl sprechen und hörten deshalb seinen beiden Vertretern nicht zu, die sich nacheinander von einem herangeschleppten Tisch aus verständlich zu machen versuchten. Sie zogen sich schließlich ohne Erfolg zurück. Es gab da keinen Polizeieinsatz oder so etwas. Als die Menge allmählich auseinanderlief, kehrten wir an unseren Arbeitsplatz zurück. Abends nahm ich an der Versammlung des Berliner Parteiaktivs im Friedrichstadtpalast teil. Im Präsidium saßen die Mitglieder des Politbüros des ZK der SED. Die Reden klangen ernst und ungewohnt improvisiert. Ich fand es jedoch gut, dass die gemachten Fehler von der Parteiführung offen und selbstkritisch angesprochen wurden.

Wie war die Atmosphäre bei dieser Veranstaltung?

Es war eine Atmosphäre der Gemeinsamkeit, Entschlossenheit und Zuversicht. Da waren viele Genossen im Saal, die vor und nach 1933 gegen die Nazis gekämpft hatten. Man spürte, die würden nicht zurückweichen. Allerdings hatte ich an dem Abend sehr bestimmt das Gefühl einer bevorstehenden Bewährungssituation. Nach der Veranstaltung traf ich zufällig Horst Schumann, Sohn eines von den Nazis hingerichteten Kommunisten, später 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Leipzig. Wir fuhren ein Stück zusammen. Mir fiel auf, dass die S-Bahn für die fortgeschrittene Tageszeit ungewöhnlich voll war, und auch die Stimmung hier schien irgendwie anders als sonst.

Sie sind dann am 17. Juni wieder zum Zen­tralrat gefahren?

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Ja. Eigentlich erwarteten die meisten von uns keine weitere Demonstration. Vielleicht fehlten uns ganz einfach die Informationen, um die entstandene Lage realistisch einzuschätzen. Aber dann liefen die ersten Meldungen über Streiks und Demonstrationszüge ein und wir rannten erneut zum Haus der Ministerien. Diesmal war das im Gegensatz zum Vortag organisiert. Den Kern unserer Gruppe bildeten Lehrgangsteilnehmer der Jugendhochschule Bogensee, die zufällig in Berlin waren. Alles in allem waren wir weniger als 100. Als wir ankamen, war der Platz vor dem Haus der Ministerien noch leer, doch wir sahen den Demonstrationszug schon von weitem in der Leipziger Straße heranrücken.

Außer Ihrer Gruppe war da sonst niemand?

Da war niemand. Mir war damals und ist auch heute noch unerklärlich, dass das Regierungsgebäude an diesem Tag schutzlos dalag. Die Fenster waren geschlossen und nichts rührte sich, während wir uns an den Händen fassten und wenigstens eine Seite des Platzes vor dem Gebäude abzusperren versuchten. Selbstverständlich konnte das nicht mehr als eine symbolische Handlung sein. Denn wir bildeten lediglich eine leicht zu durchbrechende Doppelkette, und der Rest des Platzes lag offen.

War die Absperrung eine Initiative aus der FDJ-Gruppe? Oder gab es eine Aufforderung von anderer Seite?

Die Initiative kam von uns, nicht aus dem Haus. Wenn jemand die Absicht gehabt hätte, das Gebäude zu sichern, dann hätte er dafür bestimmt nicht eine Handvoll FDJler aufgeboten. Es war ein ziemlich beklemmendes Gefühl, als dieser Demonstrationszug langsam näherkam. Kurz vor dem Zusammenstoß allerdings schwenkte der Zug vor unserer nicht gerissenen Kette zur Seite, lenkte um die offene Flanke herum und kam mit der Spitze auf der Kreuzung Leipziger Straße/Wilhelmstraße zum Stehen. Bald waren auch die umliegenden Straßen von nachrückenden Demonstranten besetzt. Eigenartigerweise blieb der zuvor durch uns halbseitig abgesperrte Platz aber selbst dann noch weiträumig frei, als wir von der Menschenmenge bereits aufgesogen worden waren. Auf unserer Seite soll es dabei Verletzte gegeben haben.

Wie ging es dann weiter?

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Ursula Münch (Mitte) als Mitglied einer FDJ-Studentendelegation 1950 in der UdSSR

Zunächst machten die Demonstranten keine Anstalten, über die leere Fläche näher an das Gebäude heranzurücken, während in dem unmittelbar am Haus der Ministerien vorbeiführenden Abschnitt der Leipziger Straße nach kurzer Zeit Scheiben klirrten und Rauch aufstieg. Ich hatte den Eindruck, dass ein ständiger Zustrom von Demonstranten aus westlicher Richtung erfolgte. Die offene Sektorengrenze am Potsdamer Platz war ja nur ein paar Gehminuten entfernt.

Die Stimmung war aggressiver als am Vortag?

Ja, viel aggressiver. Das wurde von verschiedenen Punkten aus von kleinen Gruppen angeheizt, ohne dass es uns möglich war, festzustellen, was das für Gestalten waren. Unmissverständliche Parolen, Verbrennen einer roten Fahne, das komplette Deutschlandlied. Dazu zielstrebiges Vorrücken und Schieben auf das Haus zu. Von den Normenerhöhungen, die die Leute am Vortag noch bewegt hatten, war keine Rede mehr. Als der Ansturm unmittelbar bevorzustehen schien, rollte aus Richtung der Linden auf einmal ein Panzer heran. Es gab eine Art Aufschrei, der freudig klang. Das habe ich mir später damit erklärt, dass die Kennzeichnung nicht für alle gleich sichtbar war. Einige Demonstranten, unter denen ja viele Westberliner waren, mögen im ersten Augenblick gedacht haben, dass das ein amerikanischer Panzer ist. Doch es war ein sowjetischer. Er walzte mitnichten alles nieder, sondern fuhr langsam heran. Der Panzerkommandant stand aufrecht in der Luke. Er schwenkte ab, als sich ein anderes sowjetisches Armeefahrzeug im restlichen Freiraum vor dem Gebäude postiert hatte.

Da kam keine größere Kolonne?

Nein, das war zumindest in diesem Augenblick nur dieses eine Fahrzeug, auf der Plattform eine Handvoll Soldaten neben einigen zunächst noch khakifarben verhüllten Gewehren. Da die Soldaten jedoch völlig passiv blieben, erholte sich die Menge ziemlich rasch von ihrem Schreck und rückte erneut gegen das Gebäude vor. Darauf holten die Soldaten die Waffen aus der Verhüllung und die Demonstranten wichen zurück. Danach wurden die Gewehre blitzschnell wieder verpackt, bis ein neues Andrängen einsetzte. Wieder wurden die Waffen hervorgeholt. Das wiederholte sich mehrmals.

Wie wurde diese Situation aufgelöst?

Meinen seitlichen Standort teilte ich inzwischen mit Demonstranten, die sich, wie übrigens die meisten anderen, abwartend verhielten. Dagegen versuchte eine Gruppe von der Leipziger Straße aus frontal gegen das Gebäude vorzurücken, und dorthin richteten auch die sowjetischen Soldaten ihre Waffen. Meine Nerven lagen blank. Es muss um die Mittagszeit gewesen sein, als die Durchsage kam, dass der sowjetische Stadtkommandant den Ausnahmezustand verhängt hatte. Quittiert wurde dies zunächst mit Geschrei, doch dann begann sich die Menge in alle Richtungen zu zerstreuen.

Sie sind dann auch gegangen?

Ja. Mit Hunderten Leuten lief ich zu den Linden zurück und meldete mich dort wieder im Zentralratsgebäude. Da niemand so richtig wusste, wie die Lage sich entwickeln würde, haben wir uns da – ohne Waffen – zur Verteidigung eingerichtet. Die folgende Nacht werde ich nie vergessen. Im Gebäude des Zentralrats war jeder in gespannter Bereitschaft. Wachen wurden eingeteilt. Wer nicht unmittelbar gebraucht wurde, konnte im Kinosaal Filme ansehen oder zu schlafen versuchen. Mir gelang das nicht. Aus irgendeinem Grund überfielen mich Erinnerungen an die Dresdner Bombennacht von 1945. Mich quälte die grauenhafte Vorstellung, dass alle Anstrengungen für ein besseres, friedliches Leben umsonst gewesen sein könnten. Ich lauschte in die Dunkelheit draußen und hatte Furcht, den ersten amerikanischen Panzer durch das Brandenburger Tor rasseln zu hören.

Hatten Sie in diesen Tagen mit dem damaligen FDJ-Chef Erich Honecker zu tun?

Nein. Da im Zentralrat Werner Lamberz mein unmittelbarer Vorgesetzter war, waren direkte Kontakte mit Erich Honecker selten. Wenn das mal der Fall war, erlebte ich ihn als einen sich unermüdlich für unsere Sache einsetzenden Politiker. Und als freundlichen Menschen.

Wie haben Sie die Zeit unmittelbar nach dem 17. Juni in Erinnerung?

Da sind nach so langer Zeit nicht mehr viele Einzelheiten präsent. Viele von uns wurden zunächst zur Unterstützung der politischen Arbeit in Berliner Betriebe geschickt. Für mich und einige andere war das die Yachtwerft Köpenick. Da wurde aber, soweit ich mich erinnere, normal gearbeitet. Ich war bei alledem abgelenkt durch die Angst um meinen Mann.

Er war nicht in Berlin?

Auf einer Reise nach Jena wurde er von den Ereignissen überrascht. Zunächst wusste niemand, wo er abgeblieben war. Sein Fahrer berichtete, dass er aus dem Auto gestiegen, in seiner FDJ-Bluse auf einen Demonstrationszug zugegangen und darin verschwunden sei. Werner Lamberz kam zu mir und schien das Schlimmste zu befürchten, denn inzwischen liefen aus den Bezirken Nachrichten über misshandelte und sogar getötete Funktionäre ein. Nach drei Tagen kam die Nachricht, dass Günter unverletzt war. Er hatte sich mit anderen FDJlern in die Universität zurückgezogen. Er kam dann nicht nach Berlin zurück, sondern wurde in Leipzig, wo der 1. Sekretär der FDJ-Bezirksleitung nach dem 17. Juni abgelöst wurde, kommissarisch an dessen Stelle gesetzt. In Leipzig war der Sitz der Bezirksleitung in der Ritterstraße gestürmt und völlig verwüstet worden. Die Mitarbeiter wurden zusammengeschlagen und die Treppe hinuntergestoßen, schwangere Frauen darunter.

Wie lange dauerten die politischen Einsätze in den Betrieben an?

Einige Wochen. Mitarbeiter des Zentralrats wurden auch in Großbetriebe außerhalb von Berlin geschickt, in denen gestreikt worden war. Ich zum Beispiel mit anderen in den VEB Waggonbau Ammendorf bei Halle und danach zum VEB Waggonbau Dessau. Es war nicht einfach, mit Arbeitern ins Gespräch zu kommen, denn vor allem die älteren nahmen uns junge Leute nicht ernst. Echte Feindseligkeit bemerkte ich aber auch nicht. Die Mehrzahl der Jugendfunktionäre verbarg übrigens nicht, dass sie die Verärgerung der Belegschaften in vielen Punkten teilte.

War das auch auf der Ebene des Zentralrats so?

Also, ich fand die meisten Beschwerden ebenfalls berechtigt. Das ließ ich auch in einer mündlichen Auswertung beim Zentralrat erkennen. Und wurde prompt von Heinz Lippmann, der damals in der FDJ der zweite Mann hinter Erich Honecker war, so zusammengestaucht, dass sich danach keiner der Anwesenden mehr dazu äußerte. Lippmann wechselte ein paar Monate, nachdem er mir vorgeworfen hatte, ich würde vor den Argumenten des Klassenfeindes zurückweichen, die Seiten. Er setzte sich unter Mitnahme einer großen Summe aus der Kasse der FDJ nach Westberlin ab.

Wie wurde damals in der Partei über die Ereignisse diskutiert?

Die Wochen nach dem 17. Juni waren meiner Erinnerung nach von selbstkritischen Diskussionen geprägt. In den 50er Jahren gehörten offene und kritische Aussprachen aber ohnehin zum Parteileben dazu. Dieser Impuls ging in der SED erst in späteren Jahren verloren, in dem Maße, in dem Karrieristen in leitende Positionen vordrangen. In den 80er Jahren herrschte in der Partei dann stellenweise eine geradezu lähmende Atmosphäre. Dafür verantwortlich waren Funktionäre, die meine Altersgenossen oder jünger waren. Es ist unverzeihlich, dass wir anderen ihnen das haben durchgehen lassen. Zur historischen Wahrheit gehört aber auch, dass die Mehrzahl der Funktionäre unter Verzicht auf persönliche Vorteile und trotz zunehmender Schwierigkeiten ihre Aufgaben erfüllte.

Zur Person: Ursula Münch

Ursula Münch wurde 1929 in Dresden geboren. 1952 bis 1953 war sie Mitarbeiterin beim Zentralrat der FDJ, später war sie unter anderem bei den Räten der Bezirke Leipzig und Erfurt tätig.

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.06.2026, Seite 1, Wochenendgespräch

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