Imperialistischer Antisemitismus
Dokumentiert. Reinhard Opitz über die Vorgeschichte des deutschen Faschismus bis zum Ersten Weltkrieg
Mehr noch als beim Rassismus selbst muss (…) ausdrücklich dargelegt werden, weshalb es berechtigt und notwendig ist, von imperialistischem Antisemitismus (im Unterschied etwa zum mittelalterlichen) zu sprechen. Zumeist wird der Antisemitismus ja als etwas dargestellt, was es in angeblich unveränderter Form seit altersher gegeben habe, seit dem ersten Kreuzzug jedenfalls, zu dem Papst Urban II. im Jahre 1095 zwecks Eroberung Palästinas aufrief, und den Pogromen gegen die »Christusmörder«, die die Kreuzzügler auf dem Wege dahin veranstalteten.
Seither fungiert der jederzeit leicht zu Pogromen anstachelbare Antisemitismus in der Tat über die Jahrhunderte hin als ein probates Mittel in den Händen der jeweils Herrschenden, aufkommenden Volkszorn von ihren Palästen auf die Juden abzulenken, indem man ausstreute, dass sie durch ihre fremden Bräuche, ihr Festhalten an ihrer nichtchristlichen Religion, irgendwelche ihnen unterstellte Handlungen oder auch ihre bloße Anwesenheit den Unwillen Gottes über das Land gebracht und irgendein jeweiliges Unglück oder vom Volk als drückend empfundene Missstände heraufbeschworen hätten.
Dieser religiös begründete Antisemitismus hatte zur Voraussetzung seiner Funktionsfähigkeit als Volkszornventil also eine entsprechend starke Verankerung des Volkes im christlichen Glaubensfanatismus (…). Seine Funktionstauglichkeit musste dementsprechend aber auch in dem Maße abnehmen und außer Kraft geraten, in dem mit dem aufsteigenden Bürgertum sich Säkularisierung und Aufklärung durchsetzten und im Volk ausbreiteten. Dem Antisemitismus kam daher in der Zeit des frühen Liberalismus auch keine bürgerliche Funktion zu. Er gewinnt eine bürgerliche Funktion jedoch im Verlaufe des 19. Jahrhunderts.
Als Ressentiment tief eingefressen gerade auch in die Mentalität des Kleinbürgertums, (…) hatte er schon in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts, als in einigen deutschen Fürstenstaaten die alten Judendiskriminierungsgesetze erstmals gelockert und zum Teil aufgehoben wurden, zu pogromartigen Ausschreitungen in deutschen Städten (…) und zu judenfeindlichen Reaktionen von Handwerkergilden, Handelskammern und anderen Berufsständevertretungen geführt, aus denen nun der Konkurrenzehrgeiz vor allem des kleinen Wirtschaftsbürgertums und der strebsamen Kontorschreiber- und Beamtenfamilien sprach.
Am frühesten wohl verband sich der bürgerliche Nationalismus in den deutschen »Burschenschaften« und der »Turnerbewegung« mit dem von Männern wie dem »Turnvater« Jahn oder Ernst Moritz Arndt gleichermaßen in ihn hineingewobenen Antisemitismus, der im nationalistischen Kontext nun aber großbürgerlich-antidemokratische Funktion gewann, da sich jetzt mit dem nicht so sehr seiner Religion wegen, sondern als Feind und Störenfried der »Nation« gebrandmarkten »Juden« auch alles, was dem zunehmend ins Bündnis mit Bismarcks Preußen drängenden Großbürgertum nicht genügend »national« schien (…) identifizieren ließ.
(…) Wilhelm Marr, der (…) zum Gründer der ersten »antisemitischen« Bewegung in Deutschland, der »Antisemitenliga«, wird und als der Schöpfer des Wortes Antisemitismus oder zumindest doch als derjenige, der es in den politischen Sprachgebrauch einführte, gilt, ist der erste, der nun programmatisch den Rassismus zur einzig zulässigen Begründungsgrundlage des Antisemitismus erklärt und folglich in seinen zahllosen Schriften nichts mehr immer wieder betont, als dass die Frage der Zugehörigkeit zum Judentum keine Frage der Religion, sondern der »Rasse« und des aus ihr resultierenden »Rassencharakters« und »Rassengeistes« sei, worin er nun rasch, von Eugen Dühring bis Chamberlain, Nachsprecher findet.
Erst damit aber war der an sich ja in der Geschichte so weit zurückverfolgbare Antisemitismus endgültig in den ideologischen Kontext eines ausgesprochen aggressiven und dynamischen Imperialismus eingetreten und zu dessen Funktion geworden: Der Rassismus, auf dessen »theoretischem« Boden er jetzt gestellt wurde, hatte sich zur gleichen Zeit und schon vor ihm ja seinerseits mit dem Sozialdarwinismus, der vitalen Aggressions- und Brachialgewaltsphilosophie des Imperialismus, verbunden und hieraus allein sein Renommee als »Naturwissenschaft« gewonnen; diese imperialistische Urphilosophie drang mit der rassistischen Untermauerung des Antisemitismus deshalb nun aber auch in diesen selbst ein, ihr »Lebenskampf«-Weltbild und -Imperativ wurde nun auch seine philosophische Grundlage und »Moral«, womit er nun auch ihre eigene aggressive, auf Leben und Tod gehende und grundsätzlich kein Ende kennende Dynamik annahm.
Mit diesem rassistisch-sozialdarwinistisch begründeten, »modernen« Antisemitismus also verknüpften (…) nun diejenigen, denen es um die Integration der Arbeiterschaft in den imperialistischen Kriegswillen zu tun war, ihre nationalistisch-rassistische Argumentation. (…) Daraus ergab sich ein ganz bestimmtes, in der Geschichte richtungskonstitutiv werdendes politisches Demagogiemodell, das Modell der »völkischen Sozialismusdemagogie«.
→ Reinhard Opitz (1934–1986): Zur Entstehung der »völkischen« Richtung im politischen Kräftespektrum der bürgerlichen Gesellschaft. In: Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1984, und Akademie-Verlag, Berlin/DDR 1984, S. 21–25
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