Wenn die Welt brennt
Die Lebensgeschichten der Spanien-Freiwilligen und Psychoanalytikerinnen Marie Langer und Goldy Parin-Matthèy
Es liegt auf der Hand, die beiden Bücher gemeinsam zu besprechen. Schließlich haben sich die Frauen, die darin zu Wort kommen, gekannt und geschätzt; sie sind, getrennt zwar, doch aus demselben Land und zur selben Zeit, 1937, in den Spanienkrieg gezogen, wo sie im Sanitätsdienst der Internationalen Brigaden tätig waren: die 1910 in Wien geborene Marie »Mimi« Langer als Ärztin, die ein Jahr jüngere Liselotte »Goldy« Matthèy, Grazerin mit Schweizer Staatsbürgerschaft, als Laborantin. Und sie haben auch später noch für Befreiungsbewegungen gearbeitet: Goldy zusammen mit ihrem späteren Mann Paul Parin als Mitglied eines Schweizer Chirurgenteams bei den jugoslawischen Partisanen, Mimi beim Aufbau eines psychosozialen Gesundheitsdienstes im revolutionären Nicaragua. Überhaupt sind sie wegen ihres Hauptmetiers, der Psychoanalyse, bis ans Ende ihrer Tage – Langer ist 1987, Parin-Matthèy 1997 gestorben – in der Weltgeschichte herumgesprungen, ohne sich ihren historischen Optimismus nehmen zu lassen.
Gemeinsam war ihnen auch, dass sie in begüterten Verhältnissen aufwuchsen. Das hielt sie nicht davon ab, gegen ihre Herkunftsklasse zu opponieren. Langer zum Beispiel war schon früh in der Kommunistischen Partei Österreichs aktiv, was sie nüchtern damit erklärte, dass sie sich trotz des Reichtums ihrer Eltern »immer meiner Nachteile bewusst« gewesen sei: »Jüdin und Frau zu sein. Und zu diesen Nachteilen kam später noch ein anderer: geschieden zu sein. Logisch, dass ich der Linken beitreten wollte; denn ich war sicher, diese Ungerechtigkeiten würden im Kommunismus aufgehoben sein.« Parin-Matthèy wiederum sympathisierte mit dem Anarchismus, den sie als politisches und moralisches Gegenstück zur Psychoanalyse ansah, da beide – wie die Psychologin Clara Schliessler erläutert – »in ihrem Verständnis nach der gleichen Utopie strebten, nämlich in den einzelnen Menschen die Widerspenstigkeit und das Aufständische freizukriegen, die Selbstverantwortung zu fördern, so dass sie wieder leben und zu ihren eigenen Sachen kommen«. Noch etwas verbindet die zwei Frauen: dass sie es verstanden, ungemein anschaulich zu erzählen und dabei auf das eigene Leben als emotional Beteiligte und zugleich als kühle Beobachterinnen zu blicken.
Langers Erinnerungen »Memoria, historia y diálogo psicoanalítico«, die ursprünglich in Mexiko, 1981, und erst fünf Jahre später unter dem Titel »Von Wien nach Managua« auch auf deutsch erschienen sind, lesen sich wie aus einem Guss, so dass man den komplizierten Entstehungsprozess fast nicht glauben mag. Sie basierten nämlich auf Interviews, die Langers jüngere Tochter Verónica mit ihr geführt und deren Abschriften und schriftliche Zusätze ihr Schwiegersohn Jaime del Palacio bearbeitet hatte. Ergänzt wurden sie durch ein langes Gespräch mit dem argentinischen Psychoanalytiker Enrique Guinsberg. Letzteres fehlt leider in der von Ulrike Schmitzer besorgten Neuausgabe, die mit einem aktuell anmutenden Satz Langers überschrieben ist: »Während die Welt brennt, kann man nicht dasitzen und seinen Nabel betrachten.«
So farbig und anekdotenreich sie auch zu erzählen weiß – einzigartig ist das Buch, wie schon angedeutet, wegen Langers Bemühens, das Verhältnis von seelischer Verfassung, gesellschaftlichem Status und politischem Verhalten auszuloten. Zu ergründen etwa, warum ihre Mutter die Rolle einer Dame der besseren Gesellschaft samt »ihren eisernen Prinzipien« spielte und gleichzeitig zahlreiche Liebesaffären hatte: weil in der Sphäre des gehobenen Bürgertums Ehebruch leichter zu akzeptieren war als Studium oder Arbeit. »Erst als sie gar keine andere Möglichkeit mehr sah, ihre Fähigkeiten zu nützen, ist sie frivol geworden.«
Zu ergründen auch, warum sie sich trotz ihrer Bewunderung für die sozialen Reformen der Wiener Sozialdemokratie als junge Frau für die – numerisch unbedeutenden – Kommunisten entschieden habe: weil diese die Revolution versprachen, während sich die Sozialdemokraten für den Status quo entschieden und den Sozialismus für zukünftige Wahlsiege (50 Prozent »plus eine Stimme«) in Aussicht stellten. »Ein tragischer Irrtum«, so Langer unter Verweis auf den Militärputsch in Chile. »Ich glaube, dass ich schon lange vor der Lektüre von Lenins ›Staat und Revolution‹ an dieser Möglichkeit gezweifelt habe.«
Zu ergründen drittens, was sie nicht zu begreifen vermochte (»und weder die Psychoanalyse noch der Marxismus können hier eine befriedigende Antwort geben«), nämlich den »unerbittlichen, oft skrupellosen Drang zur Macht« in der staatssozialistischen Nomenklatura, der Goldy Parin-Matthèy bewogen hatte, sich dem Anarchismus zuzuwenden. Zu begründen andererseits, warum sie nie einen Anlass sah, sich politisch neu zu orientieren: »Die österreichische Kommunistische Partei hat mir zu einer klaren Entscheidung für das politische Handeln verholfen. Durch sie war ich über die Grausamkeit der Nationalsozialisten informiert; man musste annehmen, dass sie wirklich alle Juden und Linken töten würden. Diese Einsicht lehnten viele Juden ab, die – sich berufend auf ihre Verdienste um Vaterland und Kultur – den guten Glauben hatten, dass sie niemals ernstlich verfolgt würden.«
Ähnlich fiel auch ihre Selbstbewertung als Spanien-Freiwillige aus: Die Reise in den Krieg, um als Anästhesistin in Spitälern der Internationalen Brigaden zu arbeiten, sei kein heroischer Akt gewesen, sondern habe ihr das Leben gerettet und die Flucht erspart. »So konnte ich meine Heimat freiwillig verlassen.« Spanien war für sie, und der Befund deckt sich fast wörtlich mit Parin-Matthèys Resümee, trotz der vielen tragischen Erlebnisse wie des Todes ihres ehemaligen Freundes Robert, der in ihrer Gegenwart an einer schweren Schussverletzung starb, eine gute, eine ruhige Zeit ohne Hierarchien, aber mit einer enormen Kameradschaft und Solidarität: »Die Härte des Untergrundkampfes, zwei Leben führen zu müssen, die Unmöglichkeit, offen über das zu sprechen, was einen am meisten beschäftigte, die permanente Gefahr – nichts dergleichen gab es im Bürgerkrieg. In den Brigaden hatten wir unsere Verantwortlichen, alles war völlig klar. Es gab keine politischen Diskussionen über die politischen Ziele, wir waren in der Gruppe, in der wir sein wollten, konnten offen arbeiten und mussten uns nirgends verstellen.«
Aufschlussreich sind Langers Ausführungen zur Beziehung zwischen Psychoanalyse und Marxismus in Österreich: Diese existierte gar nicht, was ihrer Erinnerung nach vor allem an der Wirklichkeitsverweigerung der Freudianer lag, »die so taten, als würde nichts in der Welt geschehen. Die Psychoanalytiker spielten es besser als alle anderen: dieses heikle Spiel der Verleugnung.« Bedenkenswert sind ebenso ihre Überlegungen zu den eigenen und den Lebensprioritäten anderer: Muss man, »wenn die Welt brennt«, das Allgemeine, »die Sache«, über das Individuelle stellen, oder genügt es, sich an das englische Sprichwort »Charity begins at home« zu halten?
Seinerzeit, vor ihrer Abreise nach Spanien, hatte der Arzt Fritz Jensen – ein kommunistischer Intellektueller, aber auch ein Draufgänger, der den Kitzel der Gefahr suchte – Langers Bedenken wegen der Sorge ihrer Mutter mit dem Argument zerstreut, dass sie als Ärztin das Leben vieler Kameraden retten würde. »Falls du doch sterben solltest, wird deine Mutter vielleicht verzweifelt sein – aber sind die Mütter der anderen, denen du geholfen hast, nicht genausoviel wert wie deine? Also die Trauer einer Mutter gegen die Freude vieler Mütter, die ihre Söhne behalten konnten. Die Bilanz bliebe immer positiv.« Später dann, so Langer, habe sie als Mutter die Fähigkeit verloren, das Allgemeine über das Individuelle zu stellen, sie nur kurz und sehr begrenzt wiedergewonnen, gegen Ende ihrer Zeit in Argentinien, Anfang bis Mitte der siebziger Jahre, als sie von der Notwendigkeit des Widerstands gegen den rechten Terror überzeugt war, aber auf einer Liste der antikommunistischen Todesschwadronen stand und sich deshalb zur Flucht nach Mexiko überreden ließ.
Davon freilich, überhaupt von den Jahrzehnten in Lateinamerika, ist im Buch nur kursorisch, in Schmitzers Nachwort, zu erfahren. Es ist kein geringer Schaden, dass diese den zweiten Teil der Erstausgabe einfach weggelassen hat. Erstens, weil die Autobiographie somit abrupt im Jahr 1939 endet, und zweitens, weil Langer im anregenden, gedankenreichen Austausch mit Guinsberg schilderte, wie sie es geschafft hat, »meine beiden Lieben zu vereinen: Psychoanalyse und politisches Engagement für die Menschen«.
Es fällt einem schwer, bei den vielen Mängeln der Neuausgabe auf sarkastische Kommentare zu verzichten. Statt Langers Erinnerungen aus dem spanischen Original neu übertragen zu lassen, haben Verlag und Herausgeberin nicht nur die holprige deutsche Fassung von Claudia von Monbart übernommen, sondern diese mit erstaunlich vielen Druckfehlern versehen und sich die Mühe erspart, offenkundige Irrtümer Langers zu korrigieren. Jensen zum Beispiel ist nicht auf einem Flug zu einem chinesischen Parteikongress, sondern auf dem zur Bandung-Konferenz einem Attentat erlegen, der Name des langjährigen Parteivorsitzenden Johann Koplenig wird durchgehend falsch geschrieben, und der österreichische ZK-Funktionär, den Langer in Spanien getroffen hat, hieß nicht Gärtner, sondern Honner. Das Nachwort leidet darunter, dass Ulrike Schmitzer Marie Langers politische Haltung nicht teilt. Andernfalls hätte sie die Massenproteste Ende Mai 1969 in Córdoba, der zweitgrößten Stadt Argentiniens, nicht als »gewalttätig« denunziert; die Gewalt ging beim »Cordobazo« nämlich nicht von den Demonstranten, sondern von den Polizeikräften des Diktators Juan Carlos Onganía aus. Einen Teil ihres Wissens bezieht Schmitzer, die kein Spanisch versteht, von Langers Tochter Verónica, die wiederum kein Deutsch spricht. Die beiden Frauen verständigten sich deshalb auf englisch, was hin und wieder zu kuriosen Missverständnissen führte. Man stutzt, wenn Schmitzer Verónica Langer sagen lässt, dass die argentinischen Killerkommandos »in vier Falcon-Autos« Jagd auf Oppositionelle machten – ein Hörfehler der Herausgeberin, die statt dem Wort »Ford« »four«, vier, verstanden hatte.
Die Brüder Reichmayr oder Wie man es besser macht: Der Wissenschaftshistoriker Johannes Reichmayr und der Slawist Michael Reichmayr legen nach ihrer monumentalen Paul-Parin-Werkausgabe einen umfangreichen Band mit Texten von und über Goldy Parin-Matthèy vor, der allein schon durch die editorische Sorgfalt und die geschmackvolle Aufmachung besticht. Erstaunlich, was Parin-Matthèy zwischen 1939 und 1989 alles geschrieben hat, obwohl sie sich selbst als faul bezeichnet und das Schreiben in der Regel ihrem Mann Paul überlassen hat. Da sind frühe Briefe an Freunde und Verwandte, »Psychoanalytische Gespräche«, Aufsätze, Nachworte und Besprechungen, in denen Parin-Matthèy den Gehalt des jeweiligen Werks präzise dargestellt hat. Über Claudia Erdheims eindringliche Erzählung »Bist du wahnsinnig geworden?« und deren Protagonistin Tea Genner-Erdheim, die Mutter der Autorin, urteilte sie: »Die Art, wie die Tochter die Mutter sieht, ähnelt der Unbestechlichkeit, mit der die Mutter an das Leben herangeht. Bei beiden nichts von Sentimentalität und verlogenem Zudecken von Konflikten. Kein Harmonisierungsbrei und nicht die geringste Wehleidigkeit.« Das klingt, als hätte Parin-Matthèy hier ihren eigenen Charakter beschrieben. Auch die Würdigung ihrer Grazer Jugendfreundin, der Keramikkünstlerin Maria Biljan-Bilger, ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich mit wenigen Worten alles Wesentliche sagen lässt. Ebenso außergewöhnlich ist der zärtliche Unterton, so wie im Nachruf auf Fritz Morgenthaler, ihren und Pauls Freund und Kollegen, mit dem sie auf Expeditionen in Westafrika die Ethnopsychoanalyse begründet haben. »Unser sonderbares Trio konnte es sich leisten, nach allen Seiten offen zu sein, weil wir uns unbedingt aufeinander verlassen konnten.«
In diesem Nachruf taucht ein Begriff auf, den Parin Matthèy – neben »Glück«, »Neugier« und »Begeisterung« (nach bald fünfzig Jahren des Zusammenseins sei sie, heißt es an einer Stelle, von Paul immer noch begeistert) – wiederholt genannt hat: »Brüdergemeinschaft«. Sie verwendete ihn ursprünglich im wörtlichen Sinn, um ihre Verbundenheit mit dem geliebten Bruder Gustl auszudrücken, mit dem sie früh gegen Autoritäten und Hierarchien rebelliert hatte. »Ich habe die Brüdergemeinschaft immer wiedergefunden, und das war eine der Glücksbedingungen meines Lebens.« Diese Gemeinschaft von Gleichberechtigten bestand ebenso zwischen ihr und Paul, was vielleicht durch ihre Kinderlosigkeit begünstigt wurde. Goldy erlebte sie in Spanien, bei den Internationalen Brigaden, und für kurze Zeit während ihres zweiten Aufenthalts im mittlerweile befreiten Jugoslawien, wo sie, Paul und Fritz eine chirurgische Station einrichteten: als »freie Gruppe, die etwas aufbaut«.
Lesenswert sind auch die Beiträge von Historikern und Psychoanalytikerinnen. Es handelt sich bei ihnen nicht um Lobhudeleien, sondern um fundierte familiengeschichtliche Studien und kritische Würdigungen, die – wie in den Aufsätzen von Hubertus Büschel und Bigna Rambert – die blinden Flecken der Ethnopsychoanalytikerin und Feministin ansprechen. Zwei biographische Abhandlungen, von Franz Josef Schober und Günter Eisenhut, überschneiden sich inhaltlich, was weiters kein Schaden ist.
Kernstück des Bandes ist ein aus zwei langen Gesprächen mit der Filmemacherin und Autorin Petra Lataster-Czisch hervorgegangener autobiographischer Bericht, aus dem man gern seitenlang zitieren möchte. Kurzweilig und pointiert erzählt Parin-Matthèy aus ihrem Leben von der frühen Kindheit in Graz bis zu dem Moment, in dem sie als Siebenundsiebzigjährige der Dokumentarfilmerin in Zürich Rede und Antwort stand. Damals, 1988, wollte sie sich noch immer nicht mit den Verhältnissen abfinden. Nicht mit der Aufrüstung, nicht mit der Nuklearindustrie, nicht mit der Genmanipulation, nicht mit »diesem Fressenden des Kapitals«. Darin war sie sich einig mit ihrer Freundin Marie Langer – und vermutlich auch in diesem allerletzten Anliegen: »Weißt’, ich würde mir schon wünschen, alle zwanzig Jahre nach meinem Tod aufzustehn und zu schaun, zu schnüffeln: Was gibt es jetzt? Also ich hab’ noch eine Neugierde, die über meinen Tod hinausgeht.«
Erich Hackl wurde 1954 in Steyr (Oberösterreich) geboren. Er arbeitet seit 1983 als Übersetzer, Herausgeber und freier Schriftsteller. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle in der Ausgabe vom 20./21. Dezember 2025 über »Weltliteratur aus dem Friaul: Celso Macor«.
→ Marie Langer: »Während die Welt brennt, kann man nicht dasitzen und seinen Nabel betrachten.« Erinnerungen. Aus dem Spanischen von Claudia von Monbart. Hrsg. und mit einem Nachwort von Ulrike Schmitzer. Edition Atelier, Wien 2026, 127 Seiten, 20 Euro
→ Goldy Parin-Matthèy. Spanienkämpferin, Anarchistin, Psychoanalytikerin. Schriften 1939–1989. Beiträge zu Leben und Werk. Hrsg. von Johannes und Michael Reichmayr. Mandelbaum-Verlag, Wien 2025, 346 Seiten, 28 Euro
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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