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Volksrepublik China

Wo der Osten noch immer rot ist

Eine Reise nach China auf der Suche nach dem Sozialismus (Teil 2 von 4)

Foto: Rudolf Stumberger
Über das Museum der Traktorenfabrik in Luoyang wacht eine Statue Mao Zedongs und entbietet den Besuchern seinen Gruß

Im Hotel in Luoyang kommt mir an diesem Morgen auf dem Flur der Hausroboter entgegen. Das ist ein rollender Kasten mit einer Höhe von 1,2 Metern, der sich per Funk den Lift holt, einsteigt und auf der Zieletage wieder hinausrollt. Vor einer der Zimmertüren bleibt er dann stehen und singt elektronisch ein Liedchen, so dass der Hotelgast öffnet und seine Bestellung aus dem Roboter entnimmt. Zuvor hat unten in der Hotellobby ein Lieferservice seine Waren in dem Kasten verstaut und die Zimmernummer einprogrammiert.

Das ist die eine Seite des modernen China. Die andere Seite kann ich sehen, wenn ich vom Hotel auf die Straße trete. Hier gibt es Garküche neben Garküche, und unzählige Geschäfte verkaufen irgendwas, in den spärlich erleuchteten kleinen Läden sitzen die Besitzer zwischen den aufgestapelten Waren und harren der Kunden. Es gibt wohl Millionen von kleinen Gewerbetreibenden und Dienstleistern im Land, vom Gurkenverkäufer am Straßenrand bis zum Müllentsorger mit seinem Fahrrad.

Traktoren aus Luoyang

Ich bin in Luoyang, weil hier der Osten noch rot ist. Jedenfalls dem Namen nach. Denn hier, in der Stadt mit ihren sieben Millionen Einwohnern in der nördlichen Provinz Henan, laufen seit 68 Jahren die »Dongfanghong«-Traktoren vom Band. Übersetzt heißen sie »Der Osten ist rot«. Es ist Sonntag, und ich mache mich auf den Weg ins Jianxi-Viertel. Zwei Stationen nehme ich die U-Bahn und gehe dann die Jianshe-Straße hinunter. Bis ich auf die monumentale Statue von Mao Zedong stoße, der am Werkseingang mit seinem rechten Arm den Weg in die Zukunft weist. Das Werk wurde mit Hilfe der Sowjetunion 1955 errichtet, und damals sah die Zukunft noch anders aus. Was daraus wurde, will ich in dem großen Gebäude aus Stahl und Glas erfahren, das schräg gegenüber dem Fabriktor errichtet wurde: Es ist das Werksmuseum der Traktorenfabrik der heutigen YTO Group.

Die Ausstellung beginnt mit einer Bronzeskulptur. Sie zeigt, wie zwei Männer mühselig einen Pflug über den Acker ziehen. 1949, als die Volksrepublik China nach dem Sieg der Kommunisten über die Guomindang-Truppen gegründet wurde, war China eines der ärmsten Länder der Welt. Unter den Folgen des Krieges gegen die Japaner und des Bürgerkriegs leidend, arbeitete die überwältigende Mehrheit der Menschen in der rückständigen Landwirtschaft, die kaum die damaligen 475 Millionen Chinesen ernähren konnte. Wegen der klimatisch-geographischen Bedingungen ist Ackerbau nur auf einem Siebtel der Landfläche möglich, mit kleinen, intensiv bewirtschafteten Feldern. Es fehlte an Fabriken, die Kunstdünger und Traktoren produzierten, es fehlte auch an Transportwegen. Das Land hatte wenig Schwerindustrie, kaum Maschinenbau. Die Sowjetunion leistete Aufbauhilfe für die Volksrepublik, lieferte Pläne und Wissen zum Bau von Fabriken.

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Die Kommunistische Partei stützte sich vor allem auf die Bauern, nach 1949 wurde eine Bodenreform durchgeführt, das Land der Großgrundbesitzer an die Bauern und Landarbeiter verteilt. Nicht ganz zehn Jahre später erfolgte eine grundsätzliche Veränderung der Verhältnisse auf dem Land. Im Traktormuseum wird dies durch ein rotes Ungetüm mit Raupen angezeigt: 1958 lief der erste »Dongfanghong«-54-Raupentraktor vom Band. Er basierte auf dem sowjetischen Kettentraktor DT-54, die Fabrik wurde anfangs von sowjetischen Ingenieuren unterstützt. Der Traktor stand für den Beginn der Motorisierung der chinesischen Landwirtschaft. Von dem Diesel wurden an die 350.000 Stück produziert. Für China war der erste selbstproduzierte Traktor ein Meilenstein auf dem Weg zu einer effektiveren Landwirtschaft und natürlich auch ein politisches Ereignis erster Güte.

Foto: VCG/IMAGO imago858085007.jpg
Der GM 5125 ist ein konkurrenzlos günstiger Mähdrescher der Loyol-Gruppe und konzipiert für große Anbauflächen mit Weizen, Reis oder anderem Getreide

Großer Sprung vorwärts

Von den Produktionsbändern in Luoyang fuhr der Raupentraktor hinaus in die lichte Zukunft der 1958 gerade neu geschaffenen Volkskommunen – das kommunistische China setzte zum »Großen Sprung« an. Die Kommune wurde definiert als eine »gesellschaftliche Grundeinheit, in der sich die arbeitende Bevölkerung unter der Führung der KPCh und der Volksregierung freiwillig zusammenschließt und die in ihrem Bereich alle Aufgaben der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion, der Verteilung, der Arbeiten auf den Gebieten der Kultur und Erziehung sowie die politischen Angelegenheiten wahrnimmt« (Artikel 1 der Mustersatzung). Die Volkskommune sollte das sozialistische System festigen und die Voraussetzungen für den allmählichen Übergang zum Kommunismus schaffen. Der Unterschied zwischen Stadt und Land sowie körperlicher und geistiger Arbeit sollte beseitigt werden. Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und die privaten Bauernhöfe gingen nun auf in 24.000 großen Kommunen, in denen 99 Prozent aller Bauernhaushalte organisiert waren. Der Grund und Boden wurde zum Kollektiveigentum, die Grundeinheit der Kommune war die Produktionsgruppe, die 50 Haushalte und 120 Arbeitskräfte umfasste. Die Landwirtschaft wurde sozialistisch und habe mit der teilweise kostenlosen Versorgung der Kommunemitglieder schon »Keime des Kommunismus« in sich getragen. Die Volkskommunen bauten Altersheime und moderne Wohnungen, errichteten Kinderkrippen, unterhielten Krankenhäuser und Kantinen. Die Gremien der Volkskommune wurden demokratisch gewählt, ein achtstufiges Lohnsystem spiegelte das sozialistische Prinzip »Jeder nach seinen Fähigkeiten und Leistungen« wider. Die Kommunen errichteten auch Werkstätten und produzierten landwirtschaftliche Geräte. Schließlich wurden sogar kleine Hochöfen gebaut, um die Stahlproduktion voranzutreiben. 1960 gab das Ministerium für Landwirtschaft ein Buch heraus: »Die Volkskommune im Bild«. Darin wird deren »unvergleichliche Überlegenheit« besungen. So sei der Getreideertrag bereits 1959 um acht Prozent auf 270 Millionen Tonnen gesteigert worden: ein Erfolg der Landwirtschaft in größerem Maßstab und des rationellen Einsatzes der Mittel.

Kapitalismus auf dem Land

Doch der übernächste im Museum in Luoyang ausgestellte Schlepper ist ein vergleichsweise kleiner, kompakter Rädertraktor: ein »Dongfanghong«-150 mit 15 PS. Hintergrund für seine Entwicklung war der grundlegende Kurswechsel, den die Kommunistische Partei zwanzig Jahre nach Einführung der Volkskommunen vollzog. 1978 hatte China inzwischen 956 Millionen Einwohner, doch die Erträge der kollektivierten Landwirtschaft waren gering, Lebensmittel mussten importiert werden. In dieser Situation warf die politische Führung nach inneren Kämpfen das Ruder radikal herum: Die Volkskommunen wurden abgeschafft und das Land in kleinen Parzellen wieder an die Bauern verteilt. Seitdem können diese damit selbstständig wirtschaften. Das war der Beginn von wirtschaftlichen Reformen, die schließlich in China private Unternehmen hervorbrachten. Das Reich der Mitte machte sich auf den Weg in eine »sozialistische Marktwirtschaft«, die sowohl staatliche als auch kapitalistische Unternehmen kennt. Der »Dongfanghong«-150 ist ein agrartechnischer Ausdruck dieses Kurswechsels: Die neuen, kleinen landwirtschaftlichen Flächen der Privathaushalte benötigen keine riesigen Schlepper, sondern kleine, wendige Maschinen. Auf einer Texttafel neben dem Traktor wird der politische Hintergrund dargestellt: »Mit dem landesweit propagierten System der ›Familienverantwortlichkeit‹ wurden große Ackerflächen in kleine, schmale Stücke umgewandelt. Der Wechsel der landwirtschaftlichen Betriebsart hatte Einfluss auf den einheimischen Markt der Landwirtschaftsmaschinen«, ist da zu lesen. Die Bauernfamilien dürfen jetzt auf ihren gepachteten Feldern anbauen und verkaufen, was sie wollen. Nur bei Getreide, Baumwolle und Reis schreibt der Staat noch vor, wieviel angebaut werden muss, und zahlt dafür einen festgelegten Preis. Statt auf die moralisch-politischen Appelle an die Bauern zur Steigerung der Produktion während der Zeit Mao Zedongs setzt die Kommunistische Partei fortan auf Privatinteresse.

Die Volkskommunen scheinen mir die Wesensmerkmale dessen zu vereinen, was man im 20. Jahrhundert unter Sozialismus verstand: kollektiver Besitz, solidarisches Arbeiten, freie Versorgung mit Gütern etwa. Warum sind sie gescheitert? Ich sehe mich um, aber hier im Traktormuseum finde ich keine Antwort auf diese Frage. Offensichtlich hatten die Kommunen den Erwartungen, die die Kommunistische Partei in Sachen Produktionssteigerung und Modernisierung in sie gesetzt hatte, nicht entsprochen. China hatte lange Zeit eine ständig wachsende Bevölkerung, in den 1970er Jahren musste das Land Lebensmittel importieren, um diese Bevölkerung zu ernähren. 1958 betrug bei einer Bevölkerung von 660 Millionen Menschen der Getreideertrag pro Kopf 303 Kilo. 1968 war die Bevölkerungszahl auf 785 Millionen gestiegen, der Getreideertrag aber auf 266 Kilo gefallen. Nach der Privatisierung der Landwirtschaft stieg die Produktivität, aber auch, weil der Staat nun für Dünger und Pestizide sorgte. Aus Israel wurden Methoden und Anlagen für künstliche Bewässerung importiert. Also aus einem Land, in dem die Kibbuzim – landwirtschaftliche kollektive ­Gemeinschaften – im Prinzip ähnliche Merkmale wie die Volkskommunen aufwiesen.

Anleihen im Westen

Wurde die Landwirtschaft privatisiert, so blieb die Traktorenfabrik von Luoyang in staatlicher Hand, sie wird als strategisch wichtig für die Versorgung des Landes mit Lebensmitteln angesehen. Und so finden sich im Museum auch die neuesten Produkte. Doch zunächst geht der Rundweg im Museum noch vorbei an einem »Dongfanghong«-LF80-90-Traktor. Er gehört zu der ersten Generation von Hochleistungsradtraktoren in China in den 1980er Jahren. Hier macht sich bereits die Öffnung des Landes für westliche Firmen (und westliche Technologie) bemerkbar, man bediente sich der italienischen Fiat-Radtraktortechnologie. Schließlich werden noch zwei Modelle der Gegenwart gezeigt: Da ist zum einen der kleinere »Dongfanghong«-LX150 und dann der große LW2404-Traktor. Er kann laut Beschreibung für »intelligente Automatisierungsoperationen mit Schwerlasten« etwa für Tiefenlockerung eingesetzt werden und ist für große und mittelgroße Betriebe »im In- und Ausland« geeignet.

Ich bin jetzt fertig mit meinem Rundgang durch das Museum. Einen Blick werfe ich noch hinauf in den ersten Stock. Dort prangen Hammer und Sichel vor einem roten Hintergrund, daneben steht der Eid für den Beitritt zur Kommunistischen Partei. Vom Museum aus gehe ich hinüber zum Werkeingang. Alle drei Minuten läuft bei China YTO ein Traktor vom Band. YTO stellt heute neben den Traktoren auch Planierraupen, Radschlepper, Bauernhofmähdrescher, Straßenwalzen, Industriebulldozer und Kleintransporter her. Die Produkte werden nach Afrika, Südostasien, Mittel- und Osteuropa, Zentralasien und Lateinamerika verkauft. YTO gehört zur China National Machinery Industry Corporation, auch: Sinomach, früher bekannt als First Ministry of Machinery Industry. Das ist ein großes staatliches Unternehmen, das direkt von der Zentralregierung verwaltet wird. Sinomach steht für rund 70 Forschungs- und Designinstitute sowie diverse Industrie- und Handelsunternehmen, die es von seinem Vorgänger übernommen hat, und beschäftigt mehr als 130.000 Mitarbeiter. Die aber sind heute, weil Sonntag ist, am Werkstor der traditionsreichen Traktorenfabrik in ­Luoyang, nicht zu sehen.

Der 1. Teil »Von Mao zu Maybach« erschien in der ­Beilage zur Wochenendausgabe vom 11./12.7.2026, der 3. Teil »Das Land der digitalen Welt« ist für das ­kommende Wochenende vorgesehen.

Rudolf Stumberger ist ein deutscher Soziologe, Publizist und Autor einer ganzen Reihe von Büchern zu sozialen, historischen und anderen Themen. Er lehrt an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und schreibt regelmäßig in internationalen Zeitungen und Zeitschriften.

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.07.2026, Seite 4, Wochenendbeilage

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