-
1 Leserbrief
- → Kapital & Arbeit
Steigerung nur auf dem Papier
Die Staaten des Erdölkartells »OPEC plus« beschließen einen stärkeren Output, aber tatsächlich sinkt ihre Fördermenge weiter
Die größte internationale Arbeitsgemeinschaft erdölproduzierender Länder, die »OPEC plus«, hat am Sonntag die Fördermengen ihrer Mitglieder für Juli festgelegt. Im Zentrum stand erwartungsgemäß, dass eine Gruppe von sieben Staaten ihre Produktion im nächsten Monat um insgesamt 188.000 Barrel pro Tag (bpd) steigern will. Das ist dieselbe Summe, die sie am 3. Mai für Juni vereinbart hatten. Sie liegt geringfügig unter den Zunahmen von jeweils 206.000 bpd im April und Mai, die beschlossen worden waren, bevor die Vereinigten Arabischen Emirate am 1. Mai die »OPEC plus« verließen.
Mit den monatlichen Steigerungen will das Kartell frühere Produktionskürzungen ausgleichen, die es zur Stabilisierung der Ölpreise vorgenommen hatte. Wenn das gegenwärtige Tempo der Steigerungen beibehalten wird, wäre dieser Prozess theoretisch im September abgeschlossen. In Wirklichkeit handelt es sich dabei aber nur um symbolische Aktivitäten auf dem Papier, die keine praktische Relevanz haben: Aufgrund der gegenseitigen Blockaden der Straße von Hormus durch Iran und die USA kann nach wie vor nur ungefähr ein Zehntel der üblichen Zahl an Handelsschiffen die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman passieren.
Die Anlieger des Golfs sind zu Einschränkungen ihrer Ölförderung gezwungen, die sich auch im Gesamtergebnis der »OPEC plus« zeigen. Hatte deren Produktion im Februar, dem letzten Vorkriegsmonat, bei 42,77 Millionen bpd gelegen, sank sie zunächst im März nur geringfügig, fiel aber im April auf 33,19 Millionen bpd und lag im Mai bei 30 Millionen bpd. Für die OPEC ist das der tiefste Stand seit mehreren Jahrzehnten. Für das Bündnis »OPEC plus«, dem auch Russland angehört und das erst seit 2016 existiert, ist ein solcher Vergleich nicht möglich. Als sicher kann gelten, dass die meisten Mitglieder des Kartells die Quoten, die am Sonntag festgelegt wurden, bei weitem verfehlen werden.
Doch halten die »OPEC plus«, zumindest in ihren veröffentlichten Einschätzungen und Perspektiven, an einer Sicht fest, die wohl zu optimistisch ist. Die Arbeitsgemeinschaft hat zwar Mitte Mai ihre Prognosen für die Wachstumsrate des globalen Ölbedarfs gesenkt, aber nur geringfügig, von 1,38 Millionen bpd auf 1,17 Millionen bpd. Für 2027 rechnet das Kartell sogar mit einer Zunahme des Weltverbrauchs um 1,54 Millionen bpd. Die meisten Mitglieder wollen ihre Produktion im nächsten Jahr deutlich steigern. Voraussetzung solcher Pläne ist die sachlich kaum begründete Annahme, dass der Krieg am Persischen Golf in allernächster Zeit endet.
Während die meisten Mitglieder von OPEC plus ihre Erdölexporte drastisch drosseln mussten, konnte Venezuela im Mai zum dritten Mal in Folge einen Anstieg verzeichnen. Mit 0,7 Prozent gegenüber April fiel dieser zwar gering aus, aber die Menge lag mit 1,25 Millionen Barrel pro Tag um 61 Prozent über dem Mai des Vorjahres. Die wichtigsten Abnehmer waren die USA mit 558.000 bpd, Indien mit 427.000 bpd – fast doppelt so viel wie im April - und Europa mit 160.000 bpd. China, das im vorigen Jahr bis zu 80 Prozent der venezolanischen Erdölexporte aufgenommen hatte, reduzierte die Menge im Jahresvergleich auf weniger als die Hälfte.
Die Veränderungen der Menge und Verteilung der Erdölexporte des südamerikanischen Staates sind Ergebnis der von Donald Trump veranlassten militärischen Attacke im Januar, bei der Präsident Nicolás Maduro gefangengenommen und in die USA verschleppt wurde. Die seither registrierte Zunahme der Erdölexporte beruht auf mehreren Faktoren: Erstens wurden US-Sanktionen weitgehend gelockert. Dadurch kann Venezuela nicht nur mehr Öl ausführen, sondern ist auch nicht mehr auf Preisabschläge angewiesen. Zweitens hat die US-Regierung durch Sonderlizenzen die Strafandrohungen gegen internationale Unternehmen aufgehoben, die diese von finanziellen Engagements und Beteiligungen in der venezolanischen Erdölindustrie abhalten sollten. Westliche Energiekonzerne stehen kurz vor der Rückkehr nach Venezuela oder haben schon Vereinbarungen geschlossen, es fließen wieder ausländische Investitionen.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
-
Istvan Hidy aus Stuttgart 8. Juni 2026 um 09:57 UhrZwei Anmerkungen zu diesem Beitrag: Erstens: Wenn Länder wie Iran, Irak oder Kuwait ihr Erdöl aufgrund der Einschränkungen in der Straße von Hormus nicht in ausreichendem Umfang auf die Weltmärkte bringen können, ist es wenig überraschend, dass die tatsächlich gehandelte Ölmenge trotz höherer Förderquoten nicht zunimmt. Die von der OPEC+ beschlossenen Produktionssteigerungen bleiben dann weitgehend theoretischer Natur, solange die Exportwege blockiert oder stark eingeschränkt sind. Zweitens: Der Artikel erweckt den Eindruck, als sei die Nichterfüllung der Förderquoten vor allem eine Folge der aktuellen Krise am Persischen Golf. Dabei wird übersehen, dass viele OPEC-Mitglieder ihre Quoten schon seit Jahren nicht ausschöpfen können. Staaten wie Algerien, Äquatorialguinea, Gabun, die Republik Kongo, Libyen, Nigeria oder Venezuela verfügen oftmals nicht über die technischen, finanziellen oder infrastrukturellen Voraussetzungen, um ihre Förderung kurzfristig deutlich zu steigern. Förderkapazitäten entstehen nicht durch politische Beschlüsse, sondern durch langjährige Investitionen. Deshalb sagen höhere Quoten noch nichts darüber aus, ob die betreffenden Länder überhaupt in der Lage sind, diese Mengen zu produzieren. Die Diskrepanz zwischen Papier und Wirklichkeit ist also keineswegs allein auf den Krieg und die Blockade der Straße von Hormus zurückzuführen.
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
