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Aus: Ausgabe vom 31.03.2026, Seite 2 / Ausland
Venezuela-Solidarität

Macht Delcy Rodríguez wirklich einen »super Job«?

Venezuela: Vor die Wahl zwischen Erdöl oder Bomben gestellt, hat die Interimspräsidentin richtig gehandelt, findet Lish Lainez
Interview: Thorben Austen
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Sie haben mit einer Delegation des Comité de Unidad Campesina ­Venezuela besucht. Welchen Eindruck haben Sie von der aktuellen Stimmung im Land?

Es gibt weiterhin einen spürbaren Schmerz nach der Entführung des demokratisch gewählten Präsidenten Nicolás Maduro. Die wirtschaftliche Lage wirkte dagegen stabil. Caracas machte auf mich einen guten Eindruck zum Beispiel in bezug auf öffentlichen Nahverkehr, Kultur, Sport, Plätze für Jugendliche und Gesundheitsvorsorge. In Kultur, Kunst, Medien, auch in der Straßenkunst wird weiterhin der Eindruck vermittelt, dass das Land trotz Sanktionen und US-Aggression auf einem sozialistischen Entwicklungsweg ist.

Woran machen Sie das fest?

Offiziell gelten weiterhin die ökonomischen Prinzipien, die die Politik seit Hugo Chávez leiten. Sie orientiert sich an dem Ziel, von einem kapitalistischen Land, das Venezuela zweifellos ist, zu einem sozialistischen Land zu werden. Selbstverständlich gibt es da Widersprüche, wie zum Beispiel die fortgesetzte Politik des uneingeschränkten Extraktivismus, der Ausbeutung der Bodenschätze, was uns als indigene Aktivisten irritiert, weil wir sie hier in Guatemala bekämpfen. Aber das müssen die Menschen vor Ort sehen, was die richtigen Entscheidungen für Venezuela sind. Mein Eindruck war überwiegend der, dass die Menschen ihre nationale Situation kennen und wissen, warum die ökonomische Lage so ist, wie sie ist, welche Rolle die Sanktionen spielen. Auch junge Leute, die politisch nicht nahe am Chavismus sind, sind gut informiert. Es gibt auch Menschen, die gegen die PSUV sind und sich über die Entführung von Maduro gefreut haben.

Ende Januar beschloss das Parlament de facto die Privatisierung der Erdölindustrie, die bereits seit 1976 weitgehend verstaatlicht war. US-Minister gehen im Land ein und aus, und laut US-Präsident Donald Trump macht Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez einen »super Job«.

Die USA haben Delcy Rodríguez vor die Wahl gestellt: Erdöl oder Bomben. Ich denke, sie hat strategisch richtig gehandelt und dabei auch noch gut verhandelt. Die aktuellen Gesetze sehen vor, dass 50 Prozent des Erdöls in der Hand Venezuelas bleiben. Klar, das Gesetz ist ein Rückschritt. Die Lage ist aber immer noch besser als zum Beispiel in Guatemala oder anderen Ländern Lateinamerikas, wo 90 Prozent oder mehr der Bodenschätze in der Hand von ausländischen Konzernen sind.

Eingeladen waren Sie von der PSUV und deren Jugendverband, Juventud del Partido Socialista Unido de Venezuela, kurz JPSUV. Welchen Eindruck haben Sie von dem Verband?

Ich war sehr positiv überrascht, wie viele Kader des Jugendverbandes mit Anfang 20 politisch und auch militärisch gut ausgebildet sind. Die sind hochdiszipliniert. Wir haben mit Abgeordneten gesprochen, die auch erst Anfang 20 waren, aber schon in verantwortlichen Positionen stehen.

Sie haben auch ländliche Regionen besucht.

Wir haben die Landkooperative Patria Grande del Sur im Staat Bolívar besucht, die seit knapp zwei Jahren ökologische Landwirtschaft betreibt. Eine Frage, die uns umtrieb, war: Warum gab es im bolivarischen Prozess keine umfassende Landreform? Die Antwort war: Es gibt hier nicht so viele Großgrundbesitzer wie anderswo. Die Bodenfrage in Venezuela stellt sich einfach anders dar als in Brasilien, Kolumbien oder eben in Guatemala.

Erst die Aggression gegen Venezuela, dann die Verschärfung der Blockade gegen Kuba mit offenen Drohungen: Wie sollte die lateinamerikanische Linke reagieren?

Bei Kuba muss man klar sehen, dass es den USA um den symbolischen Sieg über den Sozialismus in dieser Hemisphäre geht. Mit Kuba verbinden alle Linken in Lateinamerika etwas. Für mich war an Kuba immer die Musik von Silvio Rodríguez bedeutend, weil ich auch selbst Musik mit dem Projekt MAIX (Movimiento de Artistas Indignados de Xelajuj N’oj, jW) mache, in dem wir Lieder über die Volkskämpfe in Guatemala singen. Dass Silvio Rodríguez jetzt wegen der Drohungen aus den USA gesagt hat: »Gebt mir meine Kalaschnikow«, und sie dann prompt erhielt, zeigt: Sie sind auf dem richtigen Weg. Seine Lieder und sein Handeln passen zusammen. Ich denke, die Linke auf dem Kontinent muss die Einheit suchen, national und international. Und linke Parteien müssen sich mehr der Jugend öffnen.

Lish Lainez ist aktiv im Comité de Unidad Campesina (CUC) in Guatemala und Mitbegründer der Musikgruppe MAIX

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