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Ukraine-Krieg

Wie sind die Zustände im Einberufungszentrum?

Ein teilweise wehrunfähiger Ukrainer wurde bei einer Straßenkontrolle festgenommen, berichtet Sandra Bramman

Foto: Handout via Reuters
Neue Rekruten der 65. Eigenständigen Mechanisierten Brigade der ukrainischen Armee legen während einer Übung eine Pause ein (21.3.2026)

Sie haben einen dringenden Hilferuf veröffentlicht, weil ein Ukrainer seit fast drei Monaten in der Oblast Lwiw im Osten der Ukraine im Einberufungszentrum Staritschi von der Polizei gegen seinen Willen festgehalten werde. Und das, obgleich ihm eine teilweise Wehrunfähigkeit attestiert worden sei. Wie kann das sein?

Die Polizei nahm Bogdan (Name geändert, jW) im Februar bei einer Straßenkontrolle fest und brachte ihn in das Einberufungszentrum. Dass er den Wehrdienst nicht leisten kann, weil er eine neurologische Krankheit hat, interessiert dort offenbar nicht, obgleich eine ärztliche Bescheinigung dazu vorliegt. Im März hatten wir bei der ukrainischen Militärstaatsanwaltschaft Anzeige erstattet. Sie bestätigte uns schriftlich: Eine erneute medizinische Untersuchung sei erforderlich. Allerdings kam in dieser Sache im Einberufungszentrum nie jemand auf Bogdan zu.

Seither hat sich nichts getan?

Angesichts der problematischen Lage, die er dort vorfand, ist er zu verunsichert, es einzufordern. Unseren Hilferuf haben wir veröffentlicht, weil er jeden Tag gefährdet ist, plötzlich an die Front geschickt zu werden, wo er sterben könnte. Man kann sagen: Er befindet sich potentiell in Lebensgefahr.

Schaffen Sie es, Kontakt zu ihm zu halten?

Allen, die im Militärzentrum ankommen, werden sofort die Handys abgenommen. Da sich das Zentrum in einem abgelegenen Waldgebiet befindet, wäre damit die Verbindung zur Außenwelt vermutlich sowieso unmöglich. Den zur Militärausbildung Verschleppten ist pro Woche ein halbstündiges Telefonat erlaubt. Ein Familienmitglied in der Ukraine hält uns auf dem laufenden. Bogdans Familie will rechtlich Druck ausüben. Bisher klappte es nicht, für ihn eine rechtliche Vertretung zu organisieren. Anwälte für solche Fälle sind in der Ukraine schwer zu finden. Und wenn, dann verlangen sie so hohe Geldbeträge, dass normale Menschen sie gar nicht aufbringen können.

Wie sind die Zustände im Einberufungszentrum?

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Dort wird mit viel Druck gearbeitet: Im März versuchten vier Personen aus dem militärischen Ausbildungszentrum zu fliehen. Sie wurden gejagt, mit Hunden verfolgt. Einen von ihnen griffen Patrouillen auf, sie schlugen ihn und banden ihn an einem Baum fest. Bogdan selbst wurde ebenso verprügelt, als er versuchte, zu fliehen. Es kam zum Suizid eines Soldaten, der dort festgehalten wurde. Im Zusammenhang mit erzwungener Wehrpflicht soll es schon mehrere Suizide gegeben haben. Ukrainische Medien berichten darüber nicht. Schon bevor man Bogdan festnahm, hieß es: Eine Flucht könne nur mit Geld bewältigt werden. Da zeigt sich die Korruption: Vermögende sind im Vorteil.

Wird in der Presse über das Thema berichtet?

Betroffenen im Einberufungszentrum wird klargemacht: Sie haben zu parieren. Dagegen öffentlich zu protestieren, traut sich keiner. Ob Menschen krank sind oder nicht, spielt keine Rolle. Über Selbstmorde wird geschwiegen. Die regelmäßig stattfindenden Zwangsmobilisierungen sind auch quasi tabu. Ob die Presse nicht berichten darf oder es nicht will, kann ich nicht einschätzen.

Was ist Ihnen über die erzwungene Militärausbildung zu Ohren gekommen?

Weil die Männer dort teilweise auch trotz Kälte in Zelten leben müssen, gibt es ständig Erkältungen, mit der Folge von chronischen Atemwegerkrankungen. Fälle von Tuberkulose soll es gegeben haben, medizinische Hilfe werde nicht geleistet. Die Behandlung dort ist unmenschlich. Ausbilder sprechen Menschen persönlich nicht beim Namen an, sondern bezeichnen jeden dort als »Fleisch«.

Ist all das mit Verrohung im Krieg zu erklären?

Kann sein. Wir machen uns Sorgen um Bogdan. Für ihn ist es ein banges Warten mit ständigen Schikanen und großer Unsicherheit.

Ist es als Strafe gedacht, wenn die Polizei Menschen dort hinbringt?

Da kaum jemand freiwillig zur Armee will, könnte man es als Einschüchterung auslegen. Eine militärische Grundausbildung soll auf den Kriegseinsatz vorbereiten. Die Männer bleiben dort oft zwei Monate lang. Bei der Festnahme werden sie dazu gezwungen, einen Vertrag für den Militärdienst zu unterschreiben – auch Bogdan. Hoffnung werde verbreitet: Man müsse nicht an die Front, sondern nur ins Hinterland. Er hatte aber mit Kameraden gesprochen, die zum Einsatz abgeholt wurden, und nach wenigen Tagen »vermisst« oder im Krieg gestorben waren.

Welche Unterstützung ist hilfreich?

Bogdan braucht rechtliche Hilfe. Zunächst muss durchgesetzt werden, was uns die Militärstaatsanwaltschaft zugesagt hat: die erneute Untersuchung. Von Deutschland aus etwas zu erreichen, scheint schwierig, weil die Bundesregierung gegenüber der ukrainischen Regierung unkritisch ist. Wir machen seine Geschichte öffentlich, damit Druck auf die Behörden in der Ukraine entsteht.

Sandra Bramman ist Unterstützerin eines Ukrainers, den die Polizei in einem Einberufungszentrum des Militärs in der Ukraine interniert hat

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.05.2026, Seite 2, Ausland

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