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Sozialkürzungen

Wie sollen Obdachlose der Hitze ausweichen?

Der beste Schutz vor extremen Temperaturen ist bezahlbarer Wohnraum, sagt Sabine Bösing

Foto: IMAGO/Michael Gstettenbauer
Theoretisch ist der Staat verpflichtet, vor Obdachlosigkeit zu schützen (Düsseldorf, 11.8.2022)

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe warnt vor Lebensgefahr für obdachlose Menschen durch extreme Hitze. Wo ist die Lage in diesen Tagen, da die Temperaturen schon bis 40 Grad anstiegen, besonders prekär?

Überall in Deutschland gehören obdachlose Menschen zu den besonders gefährdeten Gruppen und sind den hohen Temperaturen schutzlos ausgesetzt. Oft haben sie weder Zugang zu kühlen Rückzugsorten oder sanitären Anlagen noch zu ausreichend Trinkwasser. Mitunter gesundheitlich vorbelastet, leiden sie unter Kreislaufproblemen durch Flüssigkeitsmangel. Unversorgte Wunden heilen schlechter, psychische Erkrankungen können sich verschärfen. Alkohol- oder Drogenkonsum belasten den Körper, so dass Warnsignale wie Dehydrierung oder Überhitzung nicht rechtzeitig erkannt werden. Betonversiegelte Flächen und fehlende Schattenplätze in Städten verschärfen die Lage.

Ist die Zahl der Obdachlosen in der vergangenen Zeit insgesamt angestiegen?

Ja. Nach aktuellen Hochrechnungen der BAG W haben mehr als eine Million Menschen in Deutschland keine eigene Wohnung; rund 56.000 leben auf der Straße. Hauptursachen sind der Mangel an bezahlbarem, bedarfsgerechtem Wohnraum und zunehmende Armut. Der Bestand an Sozialwohnungen verringert sich durch auslaufende gesetzliche Bindung, neue entstehen kaum. Mit Sorge sehen wir angesichts dessen die von der Bundesregierung geplanten Kürzungen im sozialen Bereich, bei Wohngeld oder Grundsicherung.

Sie fordern die Zivilgesellschaft auf, Obdachlosen in ihrer Umgebung Wasser oder einen Schattenplatz anzubieten. Ist die öffentlich finanzierte Infrastruktur für die Ärmsten so instabil, dass man nicht mehr auf Hilfsangebote verweisen kann?

Die Wohnungsnotfallhilfe leistet unverzichtbare Arbeit, steht aber unter Druck. Nach unserer BAG-W-Umfrage 2025 sind 17 Prozent der Einrichtungen und Dienste im niedrigschwelligen Bereich von Kürzungen betroffen oder bedroht. Menschen in Not an Hitzetagen zu unterstützen, ist wichtiges solidarisches Handeln, was aber verlässliche öffentliche Infrastruktur nicht ersetzen kann. Zum Beispiel zeigt die von Berlin geförderte »Hitzehilfe« digital mit einer Erfrischungskarte Trinkbrunnen, kühle Räume und Schattenplätze.

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Krankenhäuser, Schulen, Kitas, Senioren- und Pflegewohnheime sind oft nicht klimatisiert. Wie verhält es sich mit Obdachlosenunterkünften?

Dazu liegen uns keine Informationen vor. Wir wissen aber aus der Praxis, dass ein Teil der Notunterkünfte ohnehin teilweise menschenunwürdige Standards hat: weder Privatsphäre noch angemessene sanitäre Einrichtungen oder hygienische Bedingungen.

Wie sollen Obdachlose der Hitze ausweichen, wenn sie die überfüllten Unterkünfte oft morgens verlassen müssen und sie erst abends wieder aufsuchen können?

Das ist ein Problem. Gefährliche Wetterlagen orientieren sich nicht an Öffnungszeiten von Notunterkünften und Tagesaufenthalten. Sie sollten kälte- als auch hitzegerecht ausgestattet und ganzjährig rund um die Uhr zugänglich sein.

In Frankfurt am Main wurde die U-Bahn-Station am Eschenheimer Tor ausgerechnet in den Tagen, an denen die Stadt unter Hitze ächzte, für Obdachlose geschlossen – wegen »mangelnden Brandschutzes«. Die Stadt errichtete ein Zeltlager im nahegelegenen Park. Was sagt das über den Umgang mit Obdachlosen?

Wer unfreiwillig obdachlos wird, hat gesetzlichen Anspruch auf Unterbringung – ganz sicher nicht nur auf eine Zeltlösung. Die Stadt trägt einen Konflikt auf dem Rücken schutzloser Menschen aus. Gerade bei hohen Temperaturen ist es äußerst belastend, zu übernachten, wo Feldbett an Feldbett steht. Das muss schnell gelöst werden.

Wer verantwortet die Notlage politisch?

Mit dem »Nationalen Aktionsplan« setzt sich der Bund zum Ziel, Wohnungslosigkeit bis 2030 zu überwinden – wovon wir aber weit entfernt sind. Aktuelle »Reformvorhaben« drohen im Gegenteil, die Not zu verschärfen. Kommunen tragen die Hauptverantwortung für Notunterbringung. Sie sind gefordert, Wohnungslosigkeit zu verhindern, Lebenssituationen zu stabilisieren und Menschen in Not dauerhaft in Wohnraum zu vermitteln. Deshalb dürfen sie nicht weiter geschwächt werden, sondern benötigen eine verlässliche finanzielle Ausstattung.

Was fordern Sie konkret?

Wir fordern, Sozialwohnungen und preiswerten Wohnraum auszubauen, und Maßnahmen gegen steigende Mieten zu ergreifen. Um akut wohnungslose Haushalte zu versorgen, brauchen wir feste Quoten. Das Präventionsnetz muss flächendeckend ausgebaut werden. Auf Kürzungen in der Wohnungsnotfallhilfe und bei Leistungen, die von Wohnungsverlust Betroffene begünstigen, gilt es zu verzichten. Hitzeaktionspläne müssen obdachlose Menschen berücksichtigen. Trinkwasser, Schattenplätze, Duschmöglichkeiten und klimatisierte Aufenthaltsorte müssen niedrigschwellig verfügbar sein. Fester Bestandteil der Hitzehilfe müssen langfristig finanzierte Gesundheitsangebote sein. Wirksamster Schutz ist aber bezahlbarer Wohnraum.

Sabine Bösing ist Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W)

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.07.2026, Seite 2, Inland

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