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Bandera-Fanverein in Wien

Freunde im Parlament

Österreich: Rechter Verein kann Vertreter der Regierungsparteien für Kundgebungen gewinnen. Vorsitzende ehren den Nazikollaborateur Bandera

Foto: photonews.at/IMAGO
Fantreffen vor dem Parlamentsgebäude: Großdemonstration zum »Marsch des Lichts« (Wien, 24.2.2026)

In Erscheinung tritt der Banderismus in Wien schon seit geraumer Zeit. Aber in den vergangenen Jahren hat sich Österreichs Hauptstadt zu einem Zentrum der ukrainischen Rechten entwickelt. So werden nicht nur Erinnerungstafeln für SS-Divisionen bewahrt, wie die in einer Wiener Innenstadtkirche. Regelmäßig werden auch Aufmärsche und andere Aktionen der Szene auf die Beine gestellt. Einer der Akteure ist der »Mrija Sport-, Kultur-, Wirtschafts- und Integrationsverein«, wobei »Mrija« sich mit »Traum« übersetzen lässt. Dessen Kundgebungen nutzen auch Vertreterinnen und Vertreter der im Parlament vertretenen Parteien ÖVP, SPÖ, Neos und Grüne als Bühne für ihre ­Ukraine-Positionierung.

Beispielsweise am 29. März auf dem Wiener ­Stephansplatz auf einer Mrija-Versammlung zum Jahrestag der mutmaßlich von russischen Soldaten verübten Kriegsverbrechen im ukrainischen Butscha. Nur wenige Wochen zuvor, am 5. März, hatte der stellvertretende Mrija-Vorsitzende, ­Michailo ­Karioti, auf Facebook den Mitorganisator der ­Lwiwer Judenpogrome und Organisator der ­Wolynien-Massaker der Ukrainischen Aufständischen Armee im Jahr 1943, Roman Schuchewitsch, als »Helden der Ukraine« geehrt.

Am 24. Februar hatte der Verein einen »Marsch des Lichts« vor dem Parlament organisiert, wie der Kurier berichtete. Als Redner kamen der ehemalige Vizekanzler Werner Kogler von den Grünen, weitere Abgeordnete der drei Regierungsparteien ÖVP, SPÖ und Neos sowie Diplomaten der ukrainischen Botschaft. Auf den Transparenten war zu lesen: »Ukrainische Soldaten verteidigen deine Ruhe« und »Arm Ukraine and sleep well« (Bewaffnet die Ukraine und schlaft gut). Auf Bildern der Kundgebung, an der ein paar hundert Personen teilnahmen, sind auch iranische Schahfahnen zu erkennen. »Die Ukraine hat jedes Recht, sich zu verteidigen, aber wir haben auch jede Pflicht, in Europa – ja, auch im neutralen Österreich – die Ukraine genau aus diesem Grund zu unterstützen«, sagte Kogler. Danach sprachen SPÖ-Abgeordnete, die Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, Petra Bayr, sowie die beiden ÖVP-Abgeordneten Andreas Minnich und Wolfgang Gerstl. »In der Ukraine werden unsere Freiheit, unsere Werte und unser Frieden für ganz Europa verteidigt«, erklärte der Vertreter der EU-Kommission in Österreich, Patrick Lobis. Laut Kurier wurde auch Geld für Mrija gesammelt.

Der Verein wurde am 1. Juli 2022 mit Sitz in Wien gegründet. Die Gründung erfolgte mit der »tatkräftigen Unterstützung der ukrainischen Botschaft in der Republik Österreich«, wie auf der Vereinshomepage nachzulesen ist. Geführt wird Mrija von Kariotis Bruder Andrij. Er ruft unter anderem in einer ukrainisch-nationalistischen Facebook-Gruppe namens »Wiener Front« zu Spenden für den Verein auf. In Beiträgen setzt er auch schon mal den faschistischen Diktator Hitler mit dem sowjetischen Regierungschef und Oberbefehlshaber der Roten Armee, Josef Stalin, gleich.

Zu den regelmäßigen Veranstaltungen des Vereins zählt seit mittlerweile vier Jahren eine Geburtstagsfeier für den ukrainischen Ultranationalisten, Antisemiten und Nazikollaborateur Stepan Bandera am Neujahrstag vor dem Parlament in Wien. Am 1. Januar 2023 war ein solcher Aufmarsch »gleich nach dem Gottesdienst von der Barbarakirche« zu Ehren Banderas am Parlament und am Denkmal der Befreiung Wiens durch die Rote Armee vorbei weiter zur russischen Botschaft gezogen. Die Route war auf Facebook unter dem Titel »Happy Birthday Stepan (Bandera)« angekündigt worden. Im Veranstaltungshinweis wurde außerdem erklärt, dass man die antisowjetischen Kämpfer und Wehrmacht-Kollaborateure der »Ukrainischen Aufständischen Armee« Banderas ehren wolle.

Für die Veranstaltung am diesjährigen Neujahrstag wurde in den sozialen Medien ein Aufruf gestartet. Darin werden auch Namen genannt, die mit den faschistischen Elementen des ukrainischen Militärs, Asow und »Rechter Sektor«, in Verbindung gebracht werden können. Leute aus dem Umfeld von Mrija werden wohl wie jedes Jahr am 9. Mai gegen die Jubiläumsfeier des Siegs über den Faschismus in Österreich und Deutschland am Schwarzenbergplatz demonstrieren. Während bei ihren Veranstaltungen jedoch Vertreter des offiziellen Österreichs als Redner auftreten, bleiben diese seit Jahren der Feier des Siegs über den Faschismus fern.

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.04.2026, Seite 15, Antifaschismus

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