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18.05.2026
- → Feuilleton
Vlado!
Das Kunsthaus Dahlem zeigt nachdenkliche Kunst aus Jugoslawien
Glückliches Jugoslawien, du wurdest von einem Denker regiert! Im Berliner Kunsthaus Dahlem, in der Mitte eines Saals mit Werken aus dem Nationalmuseum Zagreb, imponiert überlebensgroß der »Marschall Tito« (1948) von Antun Augustinčić. Als ob er gerade in Gedanken versunken wäre, neigt Tito ernst den Kopf und hat seine Hände hinter dem Rücken gefaltet.
Die Nachdenklichkeit scheint zu Titos Ikonographie zu gehören, denn auf Marino Tartaglias drei Jahre später entstandenem Porträt in Öl hat der Marschall zwar einige Pfunde zugelegt, aber schaut wiederum so nachdenklich nach unten. Sein Kontrapost wirkt fast verklemmt. Eine solche Darstellung wäre in Westdeutschland, wo von jeher statt der Denker die »Macher« vom Schlage eines Helmut Schmidt gewünscht waren, undenkbar gewesen. Aber selbstverständlich ist es nicht das, was uns die Ausstellung »Ästhetik als politische Strategie« lehren will.
Lernen sollen wir vielmehr, dass schon in den Jahren, in denen diese Tito-Hommagen entstanden, in Jugoslawien eine moderne Kunst aufkam, die hinter der des Westens nicht zurücksteht, ja manches im Westen sogar vorwegnimmt. Was gibt es da nicht alles! Die unregelmäßig ineinander verschränkten monochromen Flächen (1951) von Ivan Picelj, dem Mitbegründer der Künstlergruppe EXAT 51. Den eleganten »Liegenden Torso« (1957) von Vojin Bakić, eine Skulptur, die aussieht wie eine von Hans Arp. Streng geometrische Schwarz-weiß-Kompositionen von Julije Knifer aus dem Jahr 1959 überführen den Konstruktivismus bereits in die Op-Art, in der auch Picelj ankommen sollte.
Da gibt es Informel-Malerei, die jacksonpollockartig über die Oberfläche hüpft: die »Novelle« (1958) von Šime Perić. Aber Informel kann auch eine pastose schwarze Masse aus Brandspuren, Harz und Sand ausbilden, wie auf Ivo Gattins »Schwarzer Struktur mit drei Kratzspuren« (1957). An dieser Stelle stellt sich die Frage nach dem Realismus. Denn erwartungsgemäß konfrontiert das Kuratorenduo Branko Franceschi und Marta Radman die frühe jugoslawische Abstraktion mit dem sozialistischen Realismus, der »in der DDR lange dominierte«. Heißt: Die DDR blieb zurück, Jugoslawien preschte nach vorn. Aber sollte Gattins beeindruckende Tafel aus verbranntem Material etwa nicht sozialistisch-realistisch sein? Das Werk ist der Schwerindustrie so nah, dass wer es sieht, Hochöfen brüllen hört.
Die Abstraktion in der Kunst hat den Vorzug, dass sie so abstrakt ist wie das kapitalistische Tauschverhältnis selbst, das keine Gegenstände, nur mehr Werte kennt. So zeugt sie zwar von einem bestimmten historischen Stand, aber ist selbst ganz ahistorisch. Der Vorzug der Figuration besteht umgekehrt darin, dass sie Geschichtliches aufhebt, und es ist nicht einzusehen, warum »Die Verwundeten tragen« (1946), eine Bronze von Augustinčić, die in sakraler Überhöhung Partisanen zeigt, welche ihren verwundeten Genossen retten, ihre Bedeutung verlieren sollte, bloß weil sie figurativ ist. Im Gegenteil gibt gerade dieses Werk viel, ebenso wie, wenn auch aus anderen Gründen, die unverschämt vorwitzige »Kuh« (1949) von Slavko Kopać. Es überrascht wenig, dass Jean Dubuffet diesen Künstler zum Kurator seiner Art-brut-Sammlung ernannte, die übrigens gerade und noch bis zum 27. September in Lausanne zu sehen ist.
Nach so vielen Namen mir nicht bekannter Künstler und auch einer Künstlerin (Milena Lah) blieb ich wie vom Donner gerührt vor einer kühnen Materialkomposition stehen: »Vladimir Kristl (1923–2004)«. Vladimir? Ach so, Vlado! Was für eine Freude! So hat der Mann also in seiner frühen Phase gemalt und gespachtelt. »Variation« (1958) zeigt unsaubere, teils karierte weiße sowie schwarze Flächen.
Ironischerweise ging Vlado Kristl im Westen zu expressiver Figuration über. Der Druck seiner »Verhaftung der Ulrike Meinhof« (1975) hängt bei mir im Flur. Ans Herz gewachsen war er uns als Filmemacher und Autor, neben Herbert Achternbusch einer der wenigen Lichtblicke in der westdeutschen Kultur. Dass er sich nun ausgerechnet in dieser didaktischen Ausstellung wieder ins Spiel bringt, sieht ihm ähnlich, aber folgt vermutlich keiner »politischen Strategie«. »Als man noch aus persönlichen Gründen gelebt hat« (1996) heißt einer seiner Kurzfilme.
»Ästhetik als politische Strategie. Werke aus dem Nationalmuseum für Moderne Kunst Zagreb 1945–1960«. Kunsthaus Dahlem, Berlin, Käuzchensteig 12, bis 21. Juni 2026
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