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Aus: Ausgabe vom 04.04.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Der Rat der zehn Nerds

Vor 75 Jahren wurde die einst einflussreiche Filmzeitschrift Cahiers du cinéma gegründet
Von Stefan Ripplinger
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Kino muss spalten: Truffaut, Hitchcock und die großen Fragen

Manches Schlagwort von Linken beweist, dass sie gar keine sind. Ein solches ist der »Autorenfilm«. Ausgerufen hat ihn die vor 75 Jahren gegründete Filmzeitschrift Cahiers du cinéma (Kinohefte). Doch als die Cahiers die Autoren- zu ihrer Hauspolitik machten, gab es nur einen einzigen Linken in der Redaktion. Das war der kommunistische Filmregisseur Pierre Kast.

Kast stand dem Filmhistoriker Georges Sadoul nahe, einem intimen Kenner des sowjetischen Stummfilms. Der Kopf der Redaktion, André Bazin, mehr ein Philosoph als ein Filmkritiker, war Linkskatholik auf der Linie von Emmanuel Mounier. Das wäre heute immerhin eine Position links der Linkspartei, auch wenn es sich Bazin mit den Kommunisten verscherzte, als er die Filmauftritte von Stalin und Tarzan miteinander verglich und Tarzan den Vorzug gab.

Erdacht hat sich den »Autorenfilm« der später als Regisseur berühmt gewordene François Truffaut in seiner Polemik »Eine gewisse Tendenz im französischen Film« aus dem Januar 1954. Truffaut, ein Zögling von Eric Rohmer, einem konservativen Ästheten, zerfetzt in diesem Artikel die noch heute für »besonders wertvoll« gehaltene Literaturverfilmung. Seine Liebe galt dem Trivialfilm aus US-amerikanischer Produktion – jedoch von der Hand eines großen Meisters, Alfred Hitchcock oder Howard Hawks.

Truffauts Position war unannehmbar für Kast oder Sadoul, weil diese die US-Filmindustrie verachteten, aber auch für Bazin, der einen »Personenkult« befürchtete. Links konnte die Autorenpolitik schon deshalb nicht sein, weil sie just in ein kollektives Werk, an dem der Kameramann ebenso mitgewirkt hat wie die Cutterin, die Figur des gottgleichen Schöpfers einführt. Diesen Konservatismus entschärfte glücklicherweise der Kulturbetrieb, der bald überall »Autoren« und »Autorinnen« zu entdecken glaubte. Wie Emilie Bickerton in ihrer »Kurzen Geschichte der Cahiers du cinéma« (2010) anmerkt, beschwerte sich der Filmkritiker und Regisseur Jean-Luc Godard bereits 1962 über die Autoren-»Inflation«.

Ohne Zweifel rückte die Zeitschrift Filme in den Blick, die eine genaue Betrachtung mehr als verdient haben, aber betrachtet wurden sie eben nicht als Produkte der Kulturindustrie, sondern als Beweise eines überlegenen Geschmacks. In derselben Zeit wurde der (nach dem Gericht des alten Venedig benannte) »Rat der Zehn« gegründet, der in jeder Nummer neue Filme mit Punkten bewertet. Dieses kreuzdämliche Verfahren wurde seither von vielen kopiert. Als die Bourgeois vom Adel den Geschmack erbten, konnten sie nicht anders, als ihn zur Ware zu machen.

Nach Bazins frühem Tod 1958 übernahm Rohmer die Leitung der Zeitschrift und hielt das ästhetizistische, snobistische, hollywoodfreundliche Credo der ersten hundert Nummern aufrecht. – So hartnäckig, dass die Filme der Nouvelle Vague auch dann ignoriert wurden, wenn sie von Godard oder Truffaut stammen. 1963 putschte der Regisseur und Autor Jacques Rivette gegen Rohmer und übernahm selbst die Leitung. Von diesem Zeitpunkt an öffnete sich die Zeitschrift dem Weltkino, avancierter Kunst und Musik sowie linker Politik und Theorie. Doch noch immer bestand die Redaktion, mit der Ausnahme von Sylvie Pierre, ausschließlich aus männlichen Nerds.

Offen politisch wurden die Cahiers nach 1966, dadurch gerieten zwei eherne Grundsätze ins Wanken: der »Autorenfilm« und die Hollywood-Verehrung. Rivette, der die Geschäfte inzwischen Jean-Louis Comolli übergeben hatte, trat gegen die bürgerliche Vorstellung von einer »persönlichen Schöpfung« auf. Auch wenn sich Godard von den Cahiers entfernt hatte, fand seine scharfe Polemik gegen die USA Niederschlag im Blatt. Die Bewusstwerdung der Cahiers war auch daran zu erkennen, dass die Punktebewertung des »Rats der Zehn« eingestellt wurde.

Die nachholende Politisierung hatte Folgen: Der Besitzer des Blattes verkaufte es 1970, wodurch es unabhängig wurde, der unpolitische Truffaut wollte nicht mehr im Impressum stehen und Filme kamen kaum noch vor. Stattdessen erarbeiteten Comolli und Jean Narboni ein »materialistisches Modell« für die Filmanalyse. Bei den Leserinnen und Lesern kam das nicht gut an, die Kioskverkäufe stürzten binnen vier Jahren von 14.000 (1969) auf 3.000 (1973) ab.

1974 versuchten Serge Toubiana und Serge Daney, einen Ausgleich der widerstreitenden Interessen zu erreichen. Zwar wurden weiter Theoretiker wie Gilles Deleuze oder Michel Foucault zu Beiträgen eingeladen, aber es ging auch wieder um Kino, beispielsweise um das in Nordafrika. Godard und das Filmemacherpaar Jean-Marie Straub und Danièle Huillet waren die Leitsterne. Der Filmemacher Robert Kramer vertrat die USA.

Obwohl sich Daney eine Nostalgie für alte »Autoren« und »Meister« bewahrte, reagierte er allergisch auf die Nostalgiewelle des postmodernen Kinos. Kino müsse spalten, nicht versöhnen, erklärte Daney, der 1981 die Redaktion verließ. Von da an lenkte Toubiana fast 20 Jahre lang die Geschicke des Magazins, das sich rasch kommerzialisierte. Auch in Frankreich ging mit dem Auftreten der Neokonservativen die Epoche linker Intellektualität und Kunst zu Ende.

Kurz vor seinem Tod gründete Daney 1991 als Gegenentwurf die Filmzeitschrift Trafic, eine Bleiwüste mit immer wieder großartigen Essays, aber auch viel langweiligem Kram aus der Akademie. Trafic wurde 2021 eingestellt, nachdem die Zahl der Abonnements auf 200 gesunken war. Die Cahiers sind inzwischen weit entfernt von Bazin oder Daney, Rivette oder Comolli. Nur hin und wieder gibt es Rückblenden: Als Straub gestorben war und das deutschsprachige Feuilleton aus diesem Anlass antikommunistischen Sermon herunterleierte, brachte die Zeitschrift (794 / 2023) ein hervorragendes 20seitiges Dossier von Texten und Dokumenten zu den mit Huillet gedrehten Filmen. Ansonsten leisten die Cahiers du cinéma Konsumberatung wie alle andern. Selbstverständlich ist auch der »Rat der Zehn« wieder im Amt.

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