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18.03.2026
- → Feuilleton
Durch die Wüste
Sie nannten ihn Sepp: Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht verrät, wie er sich durchs Leben bluffte
Ich bin nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Professur! Das könnte die Devise von Hans Ulrich Gumbrecht sein. Der aus konservativen Feuilletons bekannte Literaturwissenschaftler schreibt in seinen Memoiren, denen er nach seinem Spitznamen den flotten Titel »Sepp« verliehen hat, er habe kaum je ein Buch zu Ende gelesen, besitze kein Talent zum Schreiben und das Lehren bereite ihm wenig Vergnügen.
Ob er wirklich nicht gern gelehrt hat, lässt sich nicht überprüfen, wohl aber finden sich für die Defizite im Lesen und Schreiben Belege genug. Etwa bemerkt er schon auf der ersten Seite seiner Memoiren, er habe zwar, um mit den andern Kindern mithalten zu können, ein wenig in Karl-May-Büchern geblättert, nicht aber in den »berühmten Winnetou-Bänden ›Der Schatz im Silbersee‹ oder ›Durch die Wüste‹«. In »Durch die Wüste« tritt Winnetou aber gar nicht auf, es ist ein Abenteuer von Kara Ben Nemsi. Wir dürfen »Sepp« glauben: Das hat er wirklich nicht gelesen.
Sein Text bietet über weite Strecken die übliche gestelzt-ironische FAZ-Prosa, samt den dazugehörigen Plattitüden wie »Der Geist von Paris hat mich nie losgelassen«. Mitunter gerät er vom Geschraubten ins Rätselhafte: »Halbdistanz hatte sich zwischen der Sehnsucht nach Identifikation und dem erstaunlich fragilen Selbstbild von Stanford als meine Lebensform durchgesetzt.«
Die Frage, warum einer, der nicht gern liest oder lehrt, unbedingt Geisteswissenschaftler werden muss, ist nicht schwer zu beantworten: Zu etwas anderem reichte es einfach nicht. Er ist nicht nur eine Niete in sämtlichen Naturwissenschaften, ihm fehlt auch »das manuelle Geschick« dazu, wie sein Vater Chirurg zu werden, Jura scheint zu anstrengend, aber eine Professur muss es unbedingt sein, und in der Literaturwissenschaft fällt das Bluffen leicht. Weshalb plaudert er diese Betriebsgeheimnisse aus? Vielleicht, um dem typischen FAZ- und Weltwoche-Leser zuzuzwinkern: »Lass doch die Proleten sich abschinden, unsereiner kriegt alles umsonst.«
Das hätte ein heiterer Hochstaplerroman werden können, etwa im Stil von Hermann Brochs »Huguenau oder die Sachlichkeit« (1932). Doch dazu müsste Gumbrecht nicht nur schreiben können, sondern sich auch zu ein paar Tricks, wenn nicht Verbrechen, aufgerafft haben, doch das ist nicht nötig. Stipendien, Einladungen, Beförderungen – es fliegt ihm immer alles zu. Er wird von seinen Eltern öfter mit Autos beschenkt als andere Kinder mit warmen Socken. Und mehr als ein paar Aufschneidereien und aufgeblasene Aufsätze sind selten nötig, um ihm den Weg in eine Karriere zu ebnen, die, wie schon angedeutet, bis zur Eliteuniversität Stanford führt.
Als alle ein wenig links sind, versucht auch er, es zu sein. Als alle den Marxisten Louis Althusser lesen, behauptet auch er, es zu tun (kennt aber keine Zeile). Immerhin, dass seiner unverbindlichen, diffusen Art ein relativistischer oder konstruktivistischer Forschungsansatz mehr liegt als ein positivistischer oder materialistischer, ist begreiflich und ließe sich sogar verteidigen. Doch er tut es nicht. Es gibt keine Intellektualität in dieser »intellektuellen Autobiographie«. Gumbrecht reist um die ganze Welt, wirkt hier und da, notiert dies und das zum jeweiligen Ort, doch anders als seine Lektorin meint, ist das Buch kein »Archipel aus Denkinseln«, weil es darin zwar an Inseln nicht mangelt, aber an Gedanken. Statt dessen erhalten wir eine ausführliche Ansichtskartensammlung, und »das Abendlicht nimmt um diese Jahreszeit in Kastilien eine tieforangene Farbe an, die man glaubt, berühren zu können«. Finger weg!
Sein Buch versammelt mäßig interessante Anekdoten über so gut wie jeden bekannten Gelehrten des vergangenen Jahrhunderts, von Leo Löwenthal, der als Arztsohn der Familie Adorno nicht standesgemäß war, über Jean-François Lyotard und seine Rolex-Uhr sowie den höflichen Michel Foucault und den Vogelbeobachter Richard Rorty bis hin zu Werner Krauss und seiner Trunksucht. Seine schillernden Freunde Frank Schirrmacher, »Zentralgestalt der deutschen Öffentlichkeit«, und Karl Heinz Bohrer erfahren die fällige Würdigung.
An manchen Stellen fragt sich allerdings, ob der aus dem Nähkästchen plaudernde Autor wirklich absolut alles verrät. Hat Prof. Alfred Noyer-Weidner ihm allein deshalb per Einschreiben eine Bannbulle zugestellt – »Ich werde alles in meinen Kräften Stehende tun, um Ihre aufstrebende Karriere zu zerstören« –, weil Gumbrecht einen »Vorbehalt gegen interpretatorischen Realismus« geäußert und die Hilfskraftstelle gekündigt hat? Völlig ausgeschlossen ist es nicht. In einem Nachruf auf Noyer-Weidner schrieb der Sprachhistoriker Wolf-Dieter Stempel, als der Verstorbene 2001 seinen Achtzigsten gefeiert habe, »war dem Jubilar in einer längeren Einlassung zu Petrarca anzumerken, wie sehr ihn ungelöste Deutungsfragen umtrieben. Drei Wochen später starb er.« An ungelösten Deutungsfragen wird Gumbrecht jedenfalls nicht sterben.
Derselbe Prof. Stempel führt eine unerwartete Verzögerung bei der Promotion Gumbrechts herbei. Geschmeichelt davon, dass Gumbrecht, der viele Sprachen beherrscht (nur das Deutsche nicht), einen seiner Aufsätze ins Spanische übersetzt hat, lädt ihn Hans Robert Jauß, vormals Waffen-SS, später romanistische Koryphäe, nach Konstanz ein. Der junge Mann soll dort seine Dissertation schreiben, die formlos durchgewinkt werde. »Ich werde sie mit ›Summa cum laude‹ bewerten«, erklärt Jauß, noch bevor sie geschrieben ist. So gehe es in Konstanz eben zu. In seiner Dissertation will Gumbrecht die Generative Transformationsgrammatik von Noam Chomsky auf mittelalterliche Rhetorik anwenden. Ende der Sechziger ist diese Grammatik in Mode, und Gumbrecht macht alle Moden mit. Doch habe Chomsky »mathematische Hürden« aufgebaut, »denen meine Fähigkeiten nicht gewachsen waren«. (Tatsächlich sind wenigstens die Anfangsgründe dieser Grammatik höchst simpel.) In festem Vertrauen auf Jauß scheint Gumbrecht etwas zusammengepfuscht zu haben, doch Zweitprüfer Stempel fällt der Betrug auf, er will die Note auf »Magna« absenken, was hastig abgeschmettert wird. Noch bevor er 23 ist, hat Gumbrecht den Doktortitel in der Tasche.
Mit erst 27 wird er Professor in Bochum; inzwischen stümpert er mit der gerade aufgekommenen Sprechakttheorie – Chomskys Grammatik genau entgegengesetzt – durch seine Vorlesungen. Der spätere Bundespräsident Johannes Rau, damals Wissenschaftsminister, nimmt seine Vereidigung auf den Beamtenstand vor, mit welchem, so Rau, Otto von Bismarck patriotische Ziele verbunden habe. War Bismarck vielleicht ein heimlicher Sozialdemokrat?
Stoisch den Moden folgend, gelangt Gumbrecht, wenn auch nur vorübergehend, zu Niklas Luhmann, dem Kopf der akademischen Reaktion. »Dass solche geisteswissenschaftliche Praxis eher auf eine ständig anwachsende Sammlung von gegenintuitiven Möglichkeiten des Denkens hinauslief als auf konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Welt«, gesteht er ein, als hätte er jemals etwas anderes im Sinn gehabt als die Verbesserung seiner bürgerlichen Verhältnisse.
Aus zwei Gründen gehört er nicht zu den vielen Vertretern seiner Generation, die sich mit der Verleumdung ihrer linken Vergangenheit ein Einkommen sichern: Erstens war er nie ernsthaft links, zweitens weiß er aus eigener Anschauung, dass auf jede Mode eine andere, oft gegenläufige folgt. Was taugt Luhmann, der Mann der geschlossenen Systeme, in einer Zeit der »Disruption« aller Systeme?
Hans Ulrich Gumbrechts Klasse scheint es allerdings nicht für möglich zu halten, dass die »Disruption« auch ihre Existenz unterbrechen könnte. Er selbst gefällt sich in der »merkwürdigen Vorstellung, dass mich das Leben der Kinder zum Teil einer physischen Kontinuität macht, die viele Jahrtausende in die Vergangenheit reicht und noch weiter in die Zukunft gehen kann, zum Teil einer biologischen Dimension, die mein eigenes Leben einfasst«. Nennen wir diese Dimension das Seppozän.
Hans Ulrich Gumbrecht: Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026, 474 Seiten, 30 Euro
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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