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Aus: Ausgabe vom 09.04.2026, Seite 12 / Thema
Philosophie

Die Geburt der Zeit

Vor 400 Jahren starb der Gelehrte und Politiker Francis Bacon, der »wahre Stammvater des englischen Materialismus«
Von Stefan Ripplinger
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Francis Bacon gesteht 1621 vor Parlamentariern, Bestechungsgelder angenommen zu haben. Illustration aus dem Werk »Das Leben der Gelehrten im 17. Jahrhundert« von Louis Figuier (5 Bände, 1866–1870)

Der Wissenschaftler ist ein armer Wicht. Auf Gedeih und Verderb ist er darauf angewiesen, dass sich seine Ergebnisse beweisen lassen. Das verdunkelte den Ruhm des Lordkanzlers Francis Bacon. Als er vor 400 Jahren, am 9. April 1626, starb, war er bereits als Politiker gescheitert. Und 150 Jahre später war er auch als Wissenschaftler ein toter Hund. In seltener Einmütigkeit begruben ihn Aufklärung und Gegenaufklärung, Voltaire und Joseph de Maistre, und hielten ihm wenig freundliche Totenreden.

Voltaire, der Bacon noch in seinen »Philosophischen Briefen« (1727/1728) gepriesen hatte, stellte am Ende ernüchtert fest: »Kanzler Bacon regte neue Wissenschaften an, doch Kopernikus und Kepler brachten sie hervor« (»Über den Geist und die Sitten der Nationen«, 1756). Bacon, fast hundert Jahre nach Kopernikus geboren, war einer der letzten Gelehrten, die die Erdbewegung leugneten. Es war nicht der einzige Irrtum, der seiner Abneigung gegen Mathematik und Logik entsprang. Das Buch des nicht gerade als Freund der Wissenschaft bekannten De Maistre gegen Bacon (1826) führte dann den Siegeszug der Antibaconianer an, dem sich unter anderem der Chemiker Justus von Liebig und der Neukantianer Ernst Cassirer anschlossen.

Grenzfälle

Dass sich erklärte Lichtbringer mit Dunkelmännern gegen Bacon verschworen, sollte stutzig machen. Doch die Unwissenschaftlichkeit von Bacons Erkenntnissen ist tatsächlich schwer zu bestreiten. Man darf ihn mit Marx und Engels für den »wahren Stammvater des englischen Materialismus und aller modernen experimentierenden Wissenschaft« (»Die heilige Familie«, 1845) halten. Aber aus seinen in die Zukunft weisenden Postulaten zog er rückwärtsgewandte Folgerungen. Nehmen wir nur seine »Induktion«.

Bacon erklärte, der Empiriker sei wie die Ameise, die vielerlei zusammentrage, der Dogmatiker wie eine Spinne, die ihre Netze aus sich selbst erzeuge. Der Forscher neuen Typs sollte dagegen wie eine Biene sein, die aus allem ihren Honig saugt und ihn »aus eigener Kraft verdaut«. In einem ähnlichen Gleichnis nennt er sich einen Winzer, also ebenfalls einen, der die Natur nicht betrachtet, sondern verarbeitet. Das ist ein höchst modernes, im Grunde anticartesianisches Programm, das ein schroff getrenntes Gegenüber von Stoff und Geist, von Objektivem und Subjektivem, vermeidet und statt dessen eine operative, konstruktive Vorgehensweise bevorzugt, wie sie sich tatsächlich erst im 20. Jahrhundert entfaltet.

Nun flatterte er wie eine Biene von einer Einzelheit der Natur zur nächsten, widmete einer jeden besondere Aufmerksamkeit, um dann induktiv alles zu einer großen Synopse zusammenzuführen. Aber so heftig er auch mit seinen Flügelchen schlug, er konnte die magisch-animistische Denkweise der Alchemisten nicht abschütteln. Sein Spät- und Hauptwerk von 1620, die »Instauratio Magna« (»Große Erneuerung«), beweist es. Ihr Herzstück ist das »Neue Organon« (das alte Organon war die seiner Ansicht nach missglückte Logik des Aristoteles). Im zweiten Teil dieses »Organons« versucht er über Dutzende Seiten, das Wesen der Wärme zu ermitteln. Die Wärme vermutet er in den Dingen selbst und zählt entsprechend solche auf, die warm sein können oder eben nicht: »Bei Körpern der lebenden Wesen nach dem Tode oder bei einzelnen Teilen nach ihrer Trennung vom Körper findet man keine fühlbare Wärme. Selbst der Pferdemist behält seine Wärme nur, wenn er fest gepresst und eingegraben ist. Doch hat jeder Mist offenbar eine potentielle Wärme, wie dies die Düngung der Felder zeigt« (Übersetzung von Rudolf Hoffmann und Gertraud Korf).

In seiner Dinggläubigkeit vermutete er physikalische Größen wie Wärme in Körpern und nicht in Prozessen. Er glaubte auch, Dinge, Substanzen und Sinne ließen sich in gewöhnliche und ungewöhnliche einteilen. Zu den ungewöhnlichen Entitäten gehörten für ihn »der Elefant unter den Vierfüßlern, der Geschlechtstrieb unter den Gefühlsarten und der Wildgeruch der Hunde unter den Geruchsarten«. Es gebe auch »Grenzfälle«: »das Moos zwischen Fäulnis und Pflanze, einige Kometen zwischen Gestirnen und feurigen Lufterscheinungen, fliegende Fische zwischen Vogel und Fisch, Fledermäuse zwischen Vögeln und Vierfüßlern, auch Affen, so unschöne Tiere und doch so ähnlich uns selbst«.

Heilen mit Speck

Es mag überraschen, dass solche haarsträubenden Kategorienfehler ein langes Leben hatten. Doch noch 1785, also fast 160 Jahre nach Bacons Tod und dreißig Jahre nach Voltaires Verdikt, berief sich der niederländische Naturwissenschaftler Jan Hendrik van Swinden noch immer auf Bacons Ansicht, Hautgeschwulste verschwänden, wenn sie mit einem verweslichen Stoff berührt würden. Van Swinden schreibt, er habe schon seit seiner Kindheit Warzen gehabt, darauf habe die Frau des englischen Botschafters sie mit Speck berieben. Das war vielleicht eine subtile Hommage, denn Bacon heißt »Speck«, was übrigens Edgar Allan Poe zu einem Kalauer in seinem irren »Eureka« (1848) verführte, in dem Bacon als »Hausschwein« auftritt. Aber, Scherz beiseite, nachdem das Speckstück in der Sonne verfault war, seien die Warzen verschwunden.

Der Wissenschaftshistoriker Gaston Bachelard, der die Episode berichtet, fügt hinzu: »Wie sollte man auch nicht genesen, wenn die Gemahlin des Botschafters von England sich mit solcher Sorgfalt um die Pflege bemüht« (»Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes«, 1938, Übersetzung von Michael Bischoff). Doch gerade Bachelard darf sich nicht über Bacon lustig machen, der in vieler Hinsicht sein Vorfahr ist. Bei Bachelard wird die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens von »Erkenntnishindernissen« gehemmt, wofür der Animismus von Bacon ein Beispiel unter vielen ist. Doch hat Bacon selbst in seiner Theorie von den Idolen, die der Sprachphilosoph Fritz Mauthner »Gespensterlehre« nennt, eine bedenkenswerte Übersicht über Erkenntnishindernisse gegeben, die weit über die übliche Ideologiekritik und auch über Bachelards Ansatz hinausreicht.

Bevor wir einen Blick auf diese Idolenlehre werfen, zunächst zu der sich aufdrängenden Frage, wie ein konservativer Politiker im späten 16. Jahrhundert dazu kommt, in seiner Freizeit naturwissenschaftliche Beobachtungen anzustellen. Die Erklärung liefert Bacon, indem er, in fast wörtlicher Übereinstimmung mit Giordano Bruno (»Die Vertreibung der triumphierenden Bestie«, 1585), erklärt, die Menschheit sei jahrhundertelang auf der Stelle getreten und setze sich nun erst, widerwillig, träge wie ein Maulesel, in Bewegung. Den Startschuss dürfte die erste industrielle Revolution mit ihren Erfindungen abgegeben haben – Bacon zeigte sich besonders beeindruckt vom Buchdruck, vom Kompass, vom Schießpulver. Mechanische Technik ist Modell für seine »wahren Hilfsmittel des Verstandes«, aber sie ist Modell auch für die Natur, die für ihn kein träger Stoff mehr ist, sondern sich erst in der technischen Operation offenbart. »Erfindungen sind gleichsam neue Schöpfungen«, und Natur wird nicht gefunden, sondern hergestellt.

Antragsteller in Ungnade

In einer Zeit, in der der Kapitalismus am Horizont erscheint, sind Forschung und Wissenschaft zur dringenden Notwendigkeit geworden, weil nur sie die notwendigen Produktivkräfte bereitstellen. Die ersten Schriften Bacons erscheinen deshalb nicht im Druck, sondern sind Anträge zur Anschaffung von Laboratorien samt allen mechanischen Hilfsmitteln, die bei Experimenten dienlich sein können, außerdem von botanischen und zoologischen Gärten, technischen Museen und naturwissenschaftlichen Bibliotheken, um dann Forschungsgruppen zu bilden – noch nicht, um etwas Lukratives zu erzeugen, sondern schlicht zur Grundlagenforschung.

Das war durchaus revolutionär, denn bis Mitte des 17. Jahrhunderts galt es den meisten Gelehrten als eitel, Neuerungen in die Gelehrsamkeit einzuführen. Wer die Geschicke der Menschheit bessern wolle, müsse, so Bacon in der dritten seiner »Sacrae Meditationes« (etwa »Religiöse Reflexionen«, 1597), darauf gefasst sein, für einen Narren gehalten zu werden. Er rät, sich daraus nichts zu machen, denn diese Anfeindungen beschmutzten den noblen Beweger »so wenig wie das Licht beschmutzt wird, fällt es auf einen Abort«.

Den ersten Antrag zur Förderung wissenschaftlicher Forschung reichte Francis Bacon mit 31 Jahren bei seinem Onkel, Lord Burghley, ein. Bacons Argumentation in diesem Schreiben sollte er bis ans Ende seines Lebens unablässig wiederholen. Ihm als einem Gelehrten stünden nur zwei Optionen offen, entweder sich mit den »unsinnigen Disputationen und Widerlegungen, dem Wortgeplänkel« der Dogmatiker, Scholastiker und Traditionalisten zu befassen oder aber freie Forschung zu betreiben. Sein Entschluss stehe fest. Er hoffe, »emsige Beobachtungen, wohlbegründete Schlüsse, nutzbringende Erfindungen und Entdeckungen« machen zu können. Sein angestammtes Gebiet sei das »gesamte menschliche Wissen«. Doch der Lord, man kennt die Typen, versprach sich raschere Profite aus der Alchemie und seinen Finanztransaktionen. In die Forschung seines Neffen wollte er nicht investieren.

Auch vom Hof war nichts zu erwarten, erst recht nicht, nachdem Bacon, der seit 1584 im Unterhaus saß, am 2. März 1593 Königin Elisabeth I. und Lord Burghley widersprochen hatte, die verlangt hatten, Abgaben müssten früher als bisher entrichtet werden: »Die Abgaben der Armen sind so hoch, dass sie derzeit nicht soviel zahlen können. Für diese Steuer müssten die Herren ihr Tafelsilber, die Bauern ihre Messingtöpfe verkaufen. Und wir sollten doch eher die Schwachstellen des Reiches ermitteln, statt sie zu übertünchen. Deshalb sollten wir seine Besitztümer nicht höher einschätzen, als sie sind.« Das Haus stimmte ihm zu. Damit war er in Ungnade gefallen. Elisabeth, die den Sohn des Lordsiegelbewahrers seit seinen Kindertagen kannte, duldete seine Nähe nicht länger. Und das war noch eine milde Strafe, denn zuvor waren drei ungehorsame Mitglieder des Unterhauses in den Tower geworfen worden.

Sklavin Natur

Seit dem Amtsantritt von Jakob (James) I., 1603, scheint er neue Hoffnung auf die Finanzierung seiner wissenschaftlichen Vorhaben geschöpft zu haben. Er schrieb viel, vollendete nicht alles und hielt das meiste zurück. Unvollendet blieb ein Skript mit dem aufschlussreichen Titel »Temporis Partus Masculus«, das heißt »Die männliche Geburt der Zeit« (1602). Die Gebärenden sind hier Männer, das Kind, das sie austragen, ist die moderne Wissenschaft. Das wird in einem Dialog eines alten Mannes mit einem jungen Mann erzählt: »Meine Absicht«, sagt der Alte, »ist nicht, dir Hirngespinste oder Schattengebilde aus Wörtern einzupflanzen, auch keine verpanschte Religion, ein paar Alltagsbeobachtungen oder zweifelhafte Experimente, die zu einem Theaterspektakel aufgeputzt sind. Nein, ich bin gekommen, um dir wahrhaftig die Natur mit allen ihren Kindern zuzuführen, sie in deine Dienste zu stellen und zu deiner Sklavin zu machen.« In späteren Schriften hat Bacon diese Formulierung abgeschwächt und geschrieben, wer die Natur unterwerfen wolle, müsse sich ihr selbst erst unterwerfen. Aber die Rede von der Versklavung trifft es besser, immerhin stehen wir vor ihrem katastrophalen Ergebnis.

Im zweiten Kapitel dieses Werks feuert Bacon eine Breitseite nach der nächsten gegen die traditionelle Philosophie von Platon und Hippokrates, über Thomas von Aquin bis Paracelsus ab. Seine besondere Verachtung gilt den alten Griechen, die er für Kinder hält. Sie seien »zwar zum Schwätzen bereit, können aber nichts zeugen«. Obwohl seine Schriften auch den Theologen nichts schenken, dürfte, wie Benjamin Farrington (»The Philosophy of Francis Bacon«, 1964) vermutet, diese Einstellung einen christlichen Hintergrund haben. Schon Paulus hielt die Griechen für Schwätzer und erklärte in seinem Brief an die Kolosser (2:8): »Gebt acht, dass euch niemand mit seiner Philosophie und falschen Lehre verführt, die sich nur auf menschliche Überlieferung stützen und sich auf die Elementarmächte der Welt, nicht auf Christus berufen.«

Christus war für Bacon zuerst und vor allem der Gott der Nützlichkeit. Er habe, heißt es in der zweiten seiner »Meditationes«, »den Lahmen Bewegung, den Blinden Augenlicht, den Tumben Rede, den Kranken Gesundheit, den Leprösen Reinheit, den vom Teufel Besessenen Vernunft und den Toten Leben« gegeben, also zuerst und vor allem den Körpern aufgeholfen. Salbadern können viele, doch allein diese mechanische, praktische, nützliche Verbesserung führt zur »Geburt der Zeit«, markiert so gesehen den wahren Beginn von Geschichte, die zuvor nur ein Beharren auf sich selbst war. Die Geschichte macht sich im 17. Jahrhundert dank technischer Verbesserung und ökonomischer Verwertung auf den Weg und wendet sich der offenen Zukunft zu. Seither gibt es Fortschritt.

Bacon gegen Bacon

Wer immer sich Bacon als einen rechtschaffenen Intellektuellen vorstellt, den das Unglück in die Politik verschlagen hat, irrt dramatisch. »Einen Ehrgeiz, der weder Ruhe noch Gnade kennt, mutete er der Welt und sich selbst zu«, urteilt seine Biographin Catherine Drinker Bowen (»The Temper of a Man«, 1963). Folgte seine Politik zu Beginn noch moderat reformerischen Ideen, gab er diese auf der Höhe der Macht auf. Er nutzte seinen Einfluss als Kronanwalt (1613), Großsiegelbewahrer (1617) und Lordkanzler (1618) zur Befriedigung seiner Prunksucht und schreckte auch vor Intrigen nicht zurück. Etwa führte Bacon, der, wie Joel J. Epstein in seiner Biographie (1977) feststellt, »niemals eine Frau geliebt hat«, dem schwulen Monarchen attraktive Adelige zu und profitierte von deren Verbrechen, so von denen des Earl of Somerset, der mit Ämtern handelte und einen Widersacher ermorden ließ.

Den moralischen Tiefpunkt seiner Karriere hatte Bacon bereits 1601 erreicht, als er gegen den Earl of Essex, dessen rechte Hand er lange gewesen war, als Ankläger auftrat. Zweifellos hatte der Earl mit seinem an Wahnsinn grenzenden Versuch eines Staatsstreichs sein Leben verwirkt, doch außer von seinem Untertanengeist wurde Bacon von niemandem genötigt, zum Henker seines früheren Gönners zu werden. Der Earl höhnte von der Anklagebank: »Ich rufe in den Zeugenstand: Mr. Bacon gegen Mr. Bacon!« Über Jahrhunderte hat sich das von dem Dichter Alexander Pope gemalte Bild von Bacon als eines zwar scharfsinnigen, aber schurkischen Mannes eingeprägt; »think how Bacon shined / The wisest, brightest, meanest of mankind« (»An Essay on Man«, 1734).

Außer in seinem Roman »Neu-Atlantis« (1624), in dem er sich eine zwar wissenschaftlich, aber nicht politisch fortschrittliche Gesellschaft ausmalt, berühren sich seine politischen und wissenschaftlichen Unterfangen selten. Immerhin verbindet die anfangs erwähnte Idolenlehre erkenntnistheoretische mit soziologischen Aspekten. Bacon entwarf diese Lehre bereits in seinem »Valerius Terminus« (1603), feilte sie immer weiter aus, bis zur endgültigen Fassung im »Neuen Organon«. Die »Idole« sind Abirrungen, Trübungen und Hemmungen der wissenschaftlichen, aber auch politischen Erkenntnis. Vier Arten unterscheidet er: die des Stammes, die der Höhle, die des Marktes, die des Theaters.

Die Idole des Stammes entspringen der menschlichen Physiologie und Evolutionsgeschichte. Die »Mitteilung der Sinne« ist »unzuverlässig und trügerisch«, schreibt Bacon, das Hirn mische Eigenes mit Fremdem, Inneres mit Äußerem und harmonisiere Dissonantes. Damit nahm er Einsichten der kognitiven Psychologie um 300 Jahre vorweg. Tatsächlich wird das, was wir sehen, vom Hirn prozessiert. Es genügt, daran zu erinnern, dass das Bild der Außenwelt, wie es auf die Netzhaut projiziert wird, auf dem Kopf steht, auch seitenverkehrt ist und erst vom Hirn eingerichtet werden muss.

Sprache und Wirklichkeit

Mit den Idolen des Stammes eng verwandt sind die der Höhle. Sie umfassen die vom Individuum entwickelten Tendenzen und Vorlieben. Da diese Launen aber wesentlich aus dem »Verkehr mit anderen« hervorgehen, schließen sie an die Idole des Marktes an, die »infolge des engen Beieinanderseins und der Gemeinschaft des menschlichen Geschlechtes« entstehen. Die Idole des Marktes sind die interessantesten von allen. Sie umfassen nicht nur das, was wir heute »Ideologie« nennen, also Vorstellungen, die dem einzelnen bei seiner Vergesellschaftung aufgedrängt werden, sondern auch solche, die in der Sprache strukturell angelegt sind. Die Metaphorik der Sprache gaukelt uns Verbindungen vor, die tatsächlich nicht bestehen (vgl. dazu auch Stefan Ripplinger: »Bildzweifel«, Hamburg 2011). Es gebe Dinge ohne Namen und Namen ohne Dinge, erklärt Bacon und erweist sich damit als Nominalist.

An der Sprachreinigung, die im 20. Jahrhundert von Rudolf Carnap und anderen Positivisten betrieben wurde, versuchte auch er sich – mit ebenso fragwürdigen Ergebnissen. Getreu seiner Ding-Idolatrie, die seine wissenschaftlichen Beobachtungen verdarb, glaubte er, Wörter für nichtgebundene Eigenschaften wie schwer, leicht, dünn, dicht seien bloß »verworrene Zeichen für verschiedene Wirksamkeiten«. Dagegen akzeptierte er Wörter für Substanzen wie Kreide oder Lehm. Am wenigsten täuschten »Begriffe der untersten Arten wie Mensch, Hund, Taube«. Über diese Ansicht wird schmunzeln, wer dem begrifflich außerordentlich schwer fassbaren Kaninchen in Willard Van Orman Quines »Wort und Gegenstand« (1960) nachgeeilt ist.

Von den »Idolen des Theaters« können Bacon-Leserinnen oder -Leser kaum überrascht sein, gemeint sind die Mystifikationen der Philosophie. Was seine eigene Stellung in der Philosophiegeschichte angeht, hat er sich eine sympathische Skepsis bewahrt, jedoch angenommen, dass intellektuelle Erfolge länger währen als politische.

Doch sein politischer Misserfolg, nämlich sein Sturz, bleibt im Gedächtnis. Er ist wesentlich damit zu erklären, dass Bacon sich nach seinem Zusammenstoß mit Elisabeth zu einem beflissenen Verteidiger der königlichen Prärogative geläutert hatte. Für das Parlament war er damit ein lästiger Lakai. Dabei wusste er durchaus, wie es um die Monarchie stand, der er sich mit Haut und Haar verschrieb. Wenn Staatsverschuldung und ein Aufstand in Schottland zusammenkämen, kollabiere das System, prophezeite er. So geschah es 1642. Die Gründe, ihn aus dem Parlament zu jagen, konnten in einem korrupten System nur vorgeschoben sein. Er erklärte, er gebe gern zu, 28mal bestochen worden zu sein, solange nur niemand behaupte, er hätte auch nur einmal die Wahrheit vernebelt.

Bacon, den Politiker, zu bemitleiden, fällt schwer. Bacon, der Wissenschaftler, beging Fehler, deren Entstehung er selbst luzide analysiert hat. So bleibt Francis Bacon, der Philosoph, der nichts so sehr hasste wie Philosophie.

Stefan Ripplinger schrieb an dieser Stelle ­zuletzt am 6. März 2026 über eine Einführung in feministische Theorien: »Herr und Magd«

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